Tag 18 – von Keersop nach Antwerpen



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Tag 18 – von Keersop nach Antwerpen

Über sich hinauswachsen – check. Mit dem heutigen Tag erledigt. Und zwar mit Bravour, wenn ich das ohne falsche Bescheidenheit mal sagen darf. Aber ich will nicht vorgreifen.
Wir verlassen unsere Campingbucht „De Meeres“ gegen 9.30 Uhr. Vorher reiße ich mir noch den abgelaufenen Chip, der mich bis jetzt viel zu genau mit aktuellen Zuckerwerten versorgt hat, vom linken Oberarm. Die erste katastrophale Erkenntnis des Tages: Ich werde nicht nahtlos braun nach Hause kommen. Weil dieses verdammte Leukoplastpflaster, das mir die Apothekerin hinter Minden großzügig über den Sensor geklebt hat, nicht UV-durchlässig ist. Skandalös! Damit ist meine Entscheidung vom Vorabend bestätigt: Kein neuer Sensor mehr am Oberarm! Den Rest der Reise werde ich meine Zuckerwerte wieder wie in den vergangenen 18 Jahre testen: Per Stechhilfe und Teststreifen. Ja, ist unbequemer, aufwendiger und vor allem nicht während der Fahrt zu erledigen. Ja, das pieksen in die empfindlichen Fingerkuppen ist jedes Mal schmerzhaft. Trotzdem. Und an dieser Stelle möchte ich vorgreifen: Ab diesem Morgen normalisieren sich meine Werte. Und damit entspanne ich mich in schwindelerregender Geschwindigkeit, meine Laune verbessert sich erheblich. Erkenne: Zu häufiges testen der Zuckerwerte macht nervös und übellaunig. Ein mediales Phänomen, welches auch von Smartphones bekannt ist. Haste eines, guckste ständig drauf. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich auch nicht ganz unschuldig an den Zuckerdramen bin. Wann immer möglich, habe auch ich das kleine glänzende Gerät an Tinas Arm gehalten, um dann auf diesem wunderbaren Touchmonitor eine Zahl zu erkennen, durch die ich auf Tinas Zustand schließen konnte… vorbei die schöne Zeit. Aber tatsächlich, ohne die ständigen Messungen gibt es auch kein schnelles Reagieren auf ansteigende oder abfallende Zuckerwerte mehr und das bringt viel Ruhe ins Zuckerdrama. Tina hat heute Morgen eine der elementarsten Entscheidungen der Tour einfach so aus dem Bauch heraus getroffen. Gut gemacht!

Der Blutzucker-Sensor war zwei Wochen mit Leukoplast angeklebt – nahtlose Bräune adé.

Runter vom Campingplatz, links auf den Radweg. Es dauert, bis ich den richtigen Rhythmus finde und nach drei vergeblichen Anläufen finden wir endliche eine Tankstelle, an der wir eine Straßenkarte der Niederlande kaufen können. Und eine halbe Stunde später passieren wir auch schon das blaue Schild mit den goldenen 12–EU-Sternen-Kreis, in dessen Mitte in weißer Schrift „België“ steht. Wir küssen uns grenzüberschreitend. Wir sind jetzt in Vlaanderen, wie ein weiteres gelbes Schild mit stilisiertem Löwen erklärt und noch einige Meter weiter wird schriftlich behauptet: „De provincie Antwerpen heet u welkom“. Scheint nicht so, als müsste ich meine rudimentären Französischkenntnisse rauskramen. Trotzdem suche ich während der Weiterfahrt nach den entsprechenden höflichen Frage-Formulierungen bezüglich eines Platzes für unser Zelt, wahlweise für ein Fremdenzimmer. Overigens vond ik niet dat de provincie Antwerpen ons had verwelkomd.
Der richtige Tritt-Rhythmus stellt sich endlich ein, es geht über Feld- und Waldwege, zunächst nicht spürbar schlechter als in den Niederlanden. Da stoppt Christian plötzlich. Ein graues Kraftpaket, locker 69 Zentimeter Schulterhöhe, mit altersweißer Schnauze, tiefer Stimme, wild wedelnder Rute und dem Anspruch, Haus und Hof laut bellend zu verteidigen, versperrt meinem vorausfahrenden Christian den Weg. Zuversichtlich, dass nichts passieren wird, fahre ich betont entspannt an dem kläffenden Hund vorbei, ohne auch nur eine Sekunde ernsthaft zu befürchten, er könne mir in die Wade beißen. Erstaunlich dieses Grundvertrauen in das Gute im Hund. Ich bilde mir eine Menge darauf ein, 13 Jahre lang „Hundemutti“ gewesen zu sein. Vielleicht zu viel? Hochmut kommt schließlich vor dem Fall, schießt es mir deswegen auch durch den Kopf, aber ich verdränge den Gedanken sofort wieder. Ein bellender Hund beißt nicht. Weiß doch jeder. Und der hier schon gleich gar nicht. Ganz bestimmt. „Alles gut, entspann dich“, sage ich dennoch freundlich, ohne daran zu denken, dass der Vierbeiner möglicherweise kein Deutsch versteht. Meine betont selbstbewusste Haltung überträgt sich zu meiner Irritation nicht auf Christian. Der steht, die Beine von den vorderen Packtaschen wenigstens einigermaßen geschützt, und scheint auf ein Wunder zu hoffen. Aber nein, der Hund wirft sich ihm nicht zu Füßen oder löst sich gar in Luft auf. Er bellt munter und laut und durchaus energisch. Wäre ich weniger Hundeerfahren, ich würde laut brüllen vor Angst. So gebe ich mich überlegen und versichere Christian mehrfach, dass der Hund ihm nichts tun wird. Dass der nur freundlich sein Revier markiert. Naja, der krawallgebürstete Rüde rennt dann doch ein paar Meter Zähne fletschend und sehr laut bellend neben uns her und mein wunderbarer Tourguide ist stinksauer und zetert einige hundert Meter lang über die Frechheit, dass so eine Bestie frei rumlaufen darf, freundliche Radwanderer aus dem Nichts heraus so energisch bedroht. Im Normalfall habe ich keine Angst vor Hunden, nur scheint mir die Kombination Fahrrad und Dorfköter echt ein bisschen problematisch. Aber der glimpfliche Ausgang der Situation fließt auch in meinen Erfahrungswertebogen ein und schmälert die fiesen Angriffe in Serbien, der Türkei und Griechenland. Mal ganz ehrlich, liebe Hundebesitzer: Haltet eure Bestien doch einfach innerhalb geschlossener Zäune und weg von öffentlichen Straßen. Mit Sätzen wie: “Der tut nix”, kann ich als unwissender Fahrradfahrer nichts anfangen, denn ich kenne euren Hund nicht und weiß eben nicht, ober er bloß aus Angst oder Revierverhalten kläfft oder ob er sich gerade mit Leichtigkeit von der schweren Eisenkette losgerissen und durch den Natodraht gebissen hat, um auf die Straße zu kommen; um nach dem halben Rind zum Frühstück jetzt noch einen Radfahrer als Zwischenmalzeit zu verspeisen. 

SO muss ein Grenzübergang aussehen! Hätten wir gewusst, was uns erwartet, gelächelt hätte ich nicht.

Um Christian vom Schrecken abzulenken, lästere ich jetzt über die scheußlichen kleinen Häuser, die vereinzelt unseren Weg säumen. Lieblos, grau, halbfertig oder halbverfallen, das lässt sich im Vorbeifahren schwer sagen. Wir sind auch nicht so wahnsinnig begeistert von der Landschaft und verfallen schnell wieder in schweigendes Treten. Kurz darauf versperren uns Hühner den Weg – sie gackern in einer Dreiergruppe über unseren Weg und lassen sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Auf Christians Klingeln reagieren sie mit gelassenem Trippeln von links nach rechts. Einzig ein ziemlich zerrupft aussehender Hahn bleibt wie angenagelt mitten auf der Straße stehen. Ich stoppe, will wissen, ob mit ihm alles in Ordnung ist. Ist es nicht. Dem schwarzen Federvieh fehlen nicht nur die schmückenden Schwanzfedern, sondern auch das linke Auge. Hier bekommt der flotte Spruch, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, einen bitteren Beigeschmack. Der einäugige Hahn wirkt krank und verloren und unser Mitgefühl mit dem armen Gockel hält lange an.

Stoisch bleibt dieses Federvieh mitten auf dem Radweg stehen. Dann erkennen wir: Es ist blind…

Wir erreichen einen Kanal, der für die kommenden Stunden unsere Route bestimmen wird. Wieder stoppt Christian unerwartet. Dieses Mal mit strahlenden Augen und der Bitte, unbedingt ein Foto zu machen. Die Rede ist von einem „Aardbeien-Automaat 7/7“. Nach Brot- und Kartoffel-Automaten ist das hier neu für uns beide: Sieben Tage die Woche werden hier in 250 Gramm-Schachteln für 4 Euro erntefrische Erdbeeren verkauft. Und offensichtlich mit Erfolg. Denn während wir noch vor dem Automaten stehen und staunen, kommt eine ältere, kurzhaarige Bäuerin in Jeans, T-Shirt und Schürze. Sie schiebt eine Art Service-Wagen mit Stiegen voller abgewogener Erdbeeren vor sich und bestückt den Automaten. Wir nicken einander freundlich zu. Da sie kein Deutsch spricht, Christina aber großartig im dechiffrieren fremder Worte, sagt er „camping“ und „Brügge“ und sie nickt beeindruckt und wünscht uns gute Fahrt (glaube ich zumindest). Wir ziehen keine Erdbeeren, weil wie sie gleich essen müssten. Wollen wir in dem Moment nicht, also geht’s weiter, immer am Kanal entlang. Also ich will schon. Aber nicht weil ich Erdbeeren essen möchte, sondern offenbar habe ich einen Hang zur Automatenspielsucht. Ich möchte hiermit den anderen Zockern mal raten, nur noch solche Automaten zu bespielen. Die Erfolgsquote liegt bei annähernd 100%. Und dieser Weg ist abgrundtief hässlich. Soviel versammelte Scheußlichkeit, Kilometer um Kilometer, das drückt ein bisschen auf die Stimmung. Industrie rechts und links des Wassers. Wir passieren einen Frachter, der Christian heißt, und irgendwann gibt es einen Kick: Die Kombination Rückenwind und schnurgerade Strecke sorgen plötzlich für ungeheuren Fahrspaß. Wir treten in die Pedale, liefern uns kleine Wettrennen. Die Laune steigt und ich grinse breit – 32 Zähne, alle oben – und rase mit 32 Km/h an meinem Liebsten vorbei. Der grinst zurück, holt mich ein, wir fahren nebeneinander und genießen das Tempo. Ich brülle übermütig: „Wenn das so weitergeht, können wir ruhig bis Antwerpen fahren.“ Bei Kilometer 78 pausieren wir kurz an einem Umspannwerk, an dem das Rauchen verboten ist. Umspannwerk, Gasverteilstation, wer kennt da schon den Unterschied. Aber die Techniker in Belgien scheinen im Gegensatz zu den Landschaftsgestaltern – die Bänke für müde Touristen aufstellen, oder eben nicht –  einen guten Job zu machen, denn undicht war offensichtlich nichts. Und eine kleine Funktionskontrolle hat noch niemandem geschadet… glaub’ ich jedenfalls. Ich rauche übrigens überhaupt nur wegen der Automaten, is’ klar, ne? Während er nach einem Campingplatz sucht, steckt sich Christian eine Kippe an, passiert uns eine Gruppe von 25 E-Bike-Radlern im hohen Rentenalter, haben wir bereits gefühlt 25 Brücken links liegen gelassen und entscheiden, wir verzichten auf den ursprünglich geplanten Campingplatz und fahren weiter bis Antwerpen. Sind ja nur noch knapp 20 Kilometer. Mich piekst der Hafer und ich bin so voller Kraft und Adrenalin und Lebensfreude, dass ich es wahrhaftig auf 34,7 Km/h bringe. Auf gerader Strecke! Ein lauter Juchzer brodelt in mir, will raus – ich lasse ihn und balle dabei die Faust. Dieser Moment ist unbeschreiblich.

Fangfrische Erdbeeren, 250 Gramm für 4 Euro – da lacht das Herz, aber das Portemonnaie bleibt zu.

Dann erreichen wir tatsächlich Antwerpen. Und sind schockiert. Mich erinnert dieser Teil der Stadt an die frühen 80er Jahre, wenn wir durch Berlin nach Warnemünde fuhren. Christian bestätigt das bedrückende Ostblock-Flair. Zu allem Überfluss zieht sich der Himmel zu, wird erst Taubenblaugrau, dann Schieferschwarz und es beginnt zu regnen. Wir stellen uns unter, neben einem kleinen Supermarkt, aus dem mehrere Afrikanerinnen mit heulenden Kleinkindern herauskommen und uns mitleidig angucken. Wir warten auf das Ende des Regens, doch der Himmel ist Gewitterwolkig und es grummelt. Immerhin, der Regen wird weniger, es ist warm genug, um ohne Regenjacke fahren zu können. Christian lotst uns souverän durch die Stadt, die immer scheußlicher, dreckiger, lauter, stinkender und bedrohlicher zu werden scheint. Es sind keine Frauen zu sehen, nur an geschlossenen Läden hockende und rauchende Männer mit leeren Blicken, Männer in Grüppchen stehend, gehend oder sitzend. Graffiti übersähte Häuserwände, schmutzige, enge Gehsteige. Verfallende Gebäude. Alles atmet Armut und ich frage mich ratlos, wo ist der Teil von Antwerpen, von dem so viele Menschen schwärmen? Während wir abwechselnd über Kopfsteinpflaster, holperige Gehwege und dann wieder rissigen Asphalt unseren Weg suchen, bete ich die ganze Zeit, dass wir nicht überfallen und ausgeraubt werden. Dabei werden wir nicht mal neugierig angesehen. Trotzdem bin ich froh, als wir endlich raus sind aus dieser bedrückenden Bronx und uns an der Schelde wiederfinden. Dem Fluss, der Antwerpen teilt. Und der keine Brücken hat, um den Schiffsverkehr nicht zu behindern.
Es ist ein wildes Gewusel auf dem kombinierten Fußgänger-Radweg. Der Himmel ist immer noch bedrohlich grau und es grummelt. Inzwischen blitzt es auch und ich werde ungeduldig vor Angst. Bei Blitz und Donner auf dem Rad? Lässt das Herz zwar höher schlagen – aber ganz sicher nicht vor Begeisterung. Christians Navi behauptet, es gäbe eine Brücke. Wir fahren vor und wieder zurück, vorbei an denen das Ufer säumenden und alten musealen Booten Schutz bietenden Hallendächer. Endlich wird klar: Die angebliche Brücke ist der 931 gebaute und 1933 eingeweihte Sint-Annatunnel. Wir überqueren die Baustellen verengte Straße während einer Rote-Ampel-Phase und dann erleben wir die abenteuerlichste Fahrt dieser Reise: Über zwei hölzerne Holzrolltreppen geht es 31 Meter in die Tiefe. Die schwer bepackten Räder verkantet, beide Bremsen gezogen, holpern wir bis zum Tunnelboden, der einen Durchmesser von 4,30 Metern hat und 572 Meter lang ist. Es ist ziemlich kalt hier unten, man darf als Radfahrer nicht schneller als 5 km/h fahren. Aber nachdem ich sehe, wie die anderen Radler in die Pedalen treten, hält mich nichts mehr davon ab, so schnell wie möglich diesen maximal 12 Grad kaltem schnurgraden Tunnel zu durchqueren. Für den Weg zurück ans Tageslicht nutzen wir dieses Mal den Lastenaufzug, den maximal 40 Personen gleichzeitig nutzen dürfen und der seit den 1990er zum Großteil von den Radfahrern genutzt wird. Sieht ein bisschen so aus, als würden nur doofe Touris mit ihren (vollgepackten) Rädern die historischen Rolltreppen nutzen. Jeder, der mal eine Reise nach Antwerpen wagt, sollte einmal diesen Tunnel benutzen. Das macht wirklich tierischen Spaß.

Kraft und Konzentration braucht es bei diesem Abenteuer: Die Holzrolltreppe im Sint-Annatunnel
Ein bisschen gruselig, schnurgerade, beinahe 600 Meter lang und sehr sehr kalt: Der Sint-Annatunnel

Kaum haben wir die Straße betreten, beginnt es wieder zu regnen. Es sind noch zwei Kilometer bis zum Campingplatz, der mitten im Hafengebiet liegt. Voller Hoffnung, dass der Blitz uns nicht in letzter Minute erschlagen wird, folge ich Christian. Die Schranke am Campingplatz umfahren wir. Im Pförtnerbüro sitzt niemand. Ich rufe bei der angegebenen Nummer an und rechne damit, dass ich jetzt aber in französisch unser Begehr formulieren muss. Denkste, die nette Dame am anderen Ende der Leitung spricht mit herrlichem Akzent und damit in perfekt verständlichem Englisch. Wir mögen uns einen Platz aussuchen und dann morgen bezahlen. Während ich telefoniere, scharwenzelt eine bunte Katze um mich herum, eine rothaarige macht es sich auf einem der gepolsterten Sitze vor dem Büro gemütlich und kommt Christian durch den leichten Nieselregen zu mir – er hat bereits einen Platz für uns ausgesucht.
Wir bauen das Zelt auf. Die Stimmung ist dem Wetter entsprechend angepasst. Ich koche aus Resten unser Abendbrot, wir essen schweigend und dann gratuliert mir mein Herzensmann zu 94,91 gefahrenen Kilometern. Reine Fahrzeit an diesem Tag: 5 Stunden, 17 Minuten. Und als ich später in den Waschräumen einer wildfremden Frau beim Zähne putzen von dieser persönlichen Höchstleistung erzähle, wird mir bewusst: DAS heute war die bisher größte sportliche Leistung meines Lebens. Ein cooleres Geschenk hätte ich mir zu meinem morgigen Geburtstag kaum selber machen können. Übrigens verquatschen sich die fremde Bayerin und ich uns. Sie kann nicht glauben, dass eine Reiseradlerin ernsthaft von Potsdam nach Brügge im Kleid fährt und darüber hinaus auch noch einen Lockenstab im Gepäck hat. Echt nicht? Tue ich und habe ich. Bei allem Pragmatismus: Ein bisschen Eitelkeit muss sein.
Und währenddessen stolpern ein fremder Bayer und ich zombiegleich über den Platz und suchen unsere Frauen, treffen uns vor dem Damenklo, atmen erleichtert auf, als wir die Hühner schnattern hören, wünschen uns eine gute Nacht und gehen schon mal schlafen.

Nach dem Gewitter über Antwerpen: Blick vom Campingplatz au den Hafen

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Christian

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Tag 17 – von Arcen nach Keersop



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Tag 17- von Arcen nach keerson

Gut gelaunt geht es nach dem gestrigen Ruhetag wieder auf die Straße. Nachdem ich ja die offizielle Morgenfütterung vom Vortag verschlafen habe, bin ich begeistert von dem mehr als reichhaltigen und liebevoll arrangierten Frans-Frühstück. Neben dem Glas O-Saft und frischen Erdbeeren, Joghurt, gekochtem Ei, Wurst-, Käseteller und Tomaten-Gurken-Teller gibt es für jeden vier Brötchen und zwei Crossiants!! Liebe B&B’s / Pensionen in Deutschland: SO geht Service. Und Frans hat uns auch noch großzügige Streifen Alu-Folie und einen Brotbeutel hingelegt mit der Bemerkung, wir sollen uns Brötchen für die Tour schmieren. Ach, Frans, du gute Seele. Als ob du geahnt hast, dass diese Käsestullen am späteren Nachmittag quasi unsere Beziehung retten werden. Wer noch definitiv zu erwähnen ist: Das Pärchen neben uns am Frühstückstisch, das sich mit den Worten vorstellt, gemeinsam 140 Jahre alt zu sein. Sie sehen keinen Tag älter als 125 gemeinsame Jahre aus. Sehnsüchtig schiele ich zu ihrem Brötchenkorb, denn sie haben zwei von den dunklen, rustikalen Baguette-Brötchen, wir leider keines. Der winzige Fressneid hält die komplette Futterstunde und wäre auch am Ende belohnt worden, wenn ich mich letztlich nicht zu sehr geschämt hätte, das angebotene Baguette zu nehmen. Weil, ich habe nämlich vorher unseren fast unberührten Wurstteller rübergereicht. Und damit eine freundliche Gegengeste quasi provoziert. Was soll’s. So ein bisschen Verzicht üben kann eigentlich nicht schaden. Die beiden Niederländer jedenfalls tauen sehr schnell auf. Die männlichen 70 Jahre sprechen sehr gut Deutsch – hat er in den 1960er Jahren als Pfleger bei seinem einjährigen Berlinaufenthalt gelernt. Als die Mauer gebaut wurde, musste er zurück in die Niederlande und wiederholt einige Male in leichtem Singsang, er habe noch einen Koffer in Berlin. Wir vermuten, dass er seinen Traum, nochmal nach Berlin zu fahren, in diesem Leben nicht mehr realisieren wird. Einfach weil er lieber regelmäßig zu Frans fährt. Was wir durchaus verstehen, denn Arcen ist ein reizendes Städtchen (Frans sagt, es sei Dorf). Während er erzählt, fallen ihm immer mehr deutsche Worte ein, was ihn offensichtlich entzückt. Nachsichtig, dabei durchaus sehr liebevoll wird er von seiner Frau belächelt, die sich aus dem Gespräch weitgehend zurückhält. Nicht etwa, weil sie weniger gut deutsch spricht, sondern weil sie mit großem Genuss auch noch größerer Langsamkeit ein drittes Milchbrötchen mit Butter und Marmelade kaut. Herrgottnochmal, sind die Beiden reizend. Sie bewundern unsere bisherige Fahrleistung und weiteren Pläne mit mehr als großen Augen und noch größerem Respekt. Und wünschen uns zum Abschied eine gute und sichere Fahrt. 

Schön per Fähre über die Maas. Es ist heiß, es duftet nach Rosen und die heutige Route ist nur grob klar.

Frans zu begegnen war einer dieser wunderbaren Zufälle, die es ja genau genommen nicht gibt. Wir empfehlen JEDEM sich wenigsten für eine Nacht im Café B&B Rayer Catering, Diner en Meer, Kerkstraat 2Qa Am Arcen einzuquartieren. Wir holen uns bei Frans noch ein paar Tipps für die Niederlande ab und starten die Strecke mit unserer ersten Fährfahrt über die Maas. Eine kleine elektrische, nur von Solarzellen angetriebenen Fähre, transportiert lediglich Radler, oder, wie sie in den Niederlanden heißen, Fietsen und Fußgänger. Heute ist Sonntag und die Niederlande sind geschlossen auf irgendwelchen Zweirädern unterwegs. Sind es keine Fahrräder (Fietsen), sind es eben Motorräder (Bromfietsen) oder irgendwas dazwischen. Auf jeden Fall sind es Tausende, denen wir heute begegnen und das Wetter lädt auch dazu ein.

Keine fünf Minuten per Elektrofähre dauert es, die Maas zu überqueren. Kosten pro Person: 1 Euro

Unsere erste Etappe führt uns nach Horst. Ich habe noch keine Karte für die Niederlande und nur mit dem Navi wird das ein schwieriges Unterfangen. Die Radwege sind hier nur selten mit Stadtnamen bezeichnet, sondern tragen nicht ganz nachvollziehbare Nummern. Es wird noch ein paar Tage dauern, bis ich das System der Knotenpunkte durchschaue und mich vor allem damit anfreunde. Aber auch wenn Supermärkte am Sonntag geöffnet haben, einen offenen Buchladen haben wir nicht gefunden, um eine Radkarte unserer holländischen Freunde zu erwerben. Uns fällt aber auf: In den Niederlanden sind die meisten Lebensmittel teurer als in Deutschland. Auch Benzin und Tabak –  ICH bin ja seit sechs Kilo Nicht-Raucher. Mir also wampe .. äh, wumpe – kosten hier mehr als bei uns und umso mehr verwundert mich die Tatsache, dass die Niederländer durch die Bank weg sehr freundlich und aufgeschlossen sind. Liegt es am Radfahren oder an den wenigen Bergen? Die rauchen einfach weniger. Egal, es ist so und es ist gut so, denn wir fühlen uns auf Anhieb sehr wohl und herzlich aufgenommen. Die Orangjes sind ein zutiefst fröhliches Volk – weil sie mit Maxima und Willem Alexander und den drei Töchtern, die alle mit A heißen, eine fröhliche Königsfamilie haben.

Sonntags in der Fußgängerzone von Horst: An jeder Ecke gibt es Eis, aber keine Fahrradkarten.

Trotzdem kommt es im Laufe des Tages zu einem meiner berüchtigten Frustanfälle, denn wer sich hier nicht elektrisch oder mit Körperkraft fortbewegt, tut es scheinbar mit dem Motorrad. Ich muss mich erst einmal daran gewöhnen, dass Mopeds und Mofas auf niederländischen Straßen nichts zu suchen haben und wir uns die heute ohnehin überfüllten Radwege oft mit ihnen teilen müssen.
Machen wir uns mal nichts vor, mein Schatz. Du wirst garantiert bis zum letzten Tag der Tour Schimpf und Mordio zetern, wetten?
Mir persönlich sind diese Gefährte zu laut. Das schnelle Hochdrehen der Motoren und der brubbelige Sound mögen Mitsechziger ja toll finden, mich hingegen nervt es zunehmend und so kommt es wie es kommen muss: Ich werde mal wieder launisch.
Ich wusste nicht, dass ein Gebrülltes “warum?” genauso agro klingen kann wie “Verfluchte Scheisse”. Tina stoppt daraufhin unsere Karawane und füttert mich erst einmal mit Frans-Stullen, die auch sofort Wunder wirken. Offensichtlich werde ich mit zunehmendem Hunger echt unausstehlich.
Ach, was? Es liegt gar nicht an den Bromfietsen?
Aber wer weiß schon, wozu dieses beidseitige Wissen in unserem Beziehungsleben noch gut ist. Meine Stimmung ist schnell wiederhergestellt und so kann auch ich mich auch endlich an den schönen niederländischen Orten erfreuen, so wie Tina es schon den ganzen Tag tut. Ja, zugegeben, diese Niederlande scheinen, zumindest nach dem ersten Fahrtag, durch und durch lebens- und liebenswert zu sein.
Und dann waren da noch diese beiden Animalfarms. Also eigentlich ganz traurig, wenn man es genau betrachtet. Aber oberflächlich besehen ist es hinreißend, die ewig lang bewimperten Augen der Rehe zu sehen und noch hinreißender finde ich die frisch von ihrem kuschelweichen Fell befreiten Alpackas, die mit ihren langen Hälsen und ebenfalls lang bewimperten Kugelaugen verzückte Seufzer in mir auslösen. Übrigens, sowohl die Bambis als auch die Alpaccas trafen wir direkt vor America. Und ich verzichte jetzt auf den Kalauer, der einem eigentlich auf der Zunge liegt, sondern protze mit Christians Wissen, das er von Frans hat: America bedeutet auf Holländisch oder Flämisch oder Mittelhochdeutsch “An der Heide”. Die Botaniker unter uns wissen, dass Heide auch Erika heißt.

Latent hysterisch und dabei sooooo entzückend: Familie Alpacka, kurz vor America

Heute machen wir mehr Pause, als dass wir fahren, und so kommen wir auch erst sehr spät an unserem Campinplatz an. Ich mag unser trödeliges, entspanntes fahren, obwohl ich von Harrys und Meghans Hochzeit quasi nichts mitbekommen habe. Offensichtlich bin ich trotz der körperlichen Anstrengung ziemlich gleichgültig was internationalen Glamour-Gossip angeht. Wir reden hier immerhin von DER Adelshochzeit des Jahres. Sogar die Beckhams waren da, Elton John sowieso, und George und Amal Clooney – das immerhin habe ich mitbekommen. Hab schon dem Harry seine Mutti Diana damals beim Ja-Wort aufs Kleid geschielt.
Wir bauen das Zelt auf, lassen noch schnell einen kräftigen Regenschauer über uns ergehen und gehen zur Feier des heutigen, wirklich schönen Tages noch richtig lecker essen. Ähm… Sind wir nicht eigentlich essen gegangen, weil es zu nass war, um sich zum kochen irgendwo hinzusetzen? Und “lecker” finde ich auch ein großes Wort für einen durchschnittlichen Salat und einen frittierten Bürger an Pommes.

Yes, we did!

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Tag 14 – von Wesel nach Altfeld



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Tag 14- von Wesel nach Altfeld

Superlative. Wer hat die eigentlich erfunden? Und: Wozu braucht es die noch mal genau? Ja, richtig, um den Größenwahngeiern eine Plattform zu bieten. Damit die dann später angeben können: Ich fraß das größte Schnitzel. Ich habe den größten Wohnwagen oder eben: Ich war auf Deutschlands größtem Campingplatz. Der liegt übrigens auf einer Insel mitten im Rhein und ist so überflüssig wie ein Kropf. Wir könnten jetzt natürlich mit Zahlen, Daten, Fakten um uns werfen – aber mal ganz ehrlich, wen interessiert es, ob Jürgen Ich-bin-der-König-von-Mallorca-Drews und diverse DSDS-Nasen hier ihre nichtssagenden Schlager trällern?
Ok, Preismäßig ist der Platz Grav-Insel mit seinen 2000 Stellplätzen (in Worten: Zweitausend! Absurd!) bislang ungeschlagen: Gerade mal 11 Euro hat uns Bernd mit dem trocken-herzlichen Humor pro Nacht berechnet. Duschen kostet nicht extra. Trotzdem verweigere ich am Morgen nach einer ungemütlichen Nacht auch hier den geplanten Ruhetag und Christian ist mehr als einverstanden. Es ist stürmisch, kalt. Um meinen Schlaf nicht zu stören, sitzt mein tapferer Navigator bei gefühlten Minusgraden im Vorzelt, plant unsere nächste Etappe. Ich habe die Augen noch nicht ganz auf, als ich ihn anranze: Hier bleibe ich nicht, wir fahren. Wer ist schon zu liebevoller Kommunikation in der Lage, bei 11 Grad, grauem Himmel, Sturm und dem Wissen, dass die Toiletten knapp 350 Meter entfernt sind? Und wenn du duschen willst, brauchst du entweder flotte fünf Minuten zu Fuß oder fährst eben 504 Meter mit dem Rad – und wir sind im vorderen Drittel des Campingplatzes. Nur, um noch mal zu veranschaulichen, von welch irrsinnigen Dimensionen wir sprechen. Der Frust speist sich aus dem Wissen, dass dies nun schon der zweite Platz ist, der für die dringend notwendige Erholungsphase, sprich für einen entspannten Ruhetag, nicht taugt. Jammern hilft nicht. Ruff uff den Drahtesel und ab geht er, der Peter. Aller guten Dinge sind schließlich drei. (Es ist schon spannend, wie unterschiedlich Campingplätze hierzulande sind. Inzwischen haben wir geglaubt, alles schon einmal gesehen zu haben. Aber weit gefehlt. Wesel ist in allen Belangen EXTREM. Im Gegensatz zu Tina war ich als Kind nie campen, kann mich aber sehr gut an die teilweise sehr einfache Ausstattung in Osteuropa erinnern. In Wesel sind die Duschen groß genug, um mit dem Elektrorollstuhl hineinzufahren, was wahrscheinlich den Bedürfnissen deutscher Camper zunehmend gerecht wird. Aber besser wird der Campingplatz dadurch auch nicht. Hier ist eine Kleinstadt in der Nähe einer inzwischen fast unbezahlbaren Stadt gegründet worden. Und das, obwohl die Lage im Rhein durchaus nicht die beste zu sein schein. Immer wieder gab es im Laufe der Bestandszeit Überflutungen und der für uns zuständige Platzwart lächelt lediglich, als wir ihm gegenüber den Wind ansprechen und meint ¨Das ist hier immer so¨. Nein, für einen Ruhetag taugt dieser Platz absolut nicht und ich beginne mich zu fragen, warum so viele Menschen in diese Slums ziehen.)
Eigentlich wollen wir uns die 11 Euro für die zweite Nacht und die drei Euro für das nicht genutzte WLAN zurückholen. Drei Euro für 24 Stunden – das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie finanzieren das eigentlich die Dauercamper? Blöderweise sitzt an diesem Morgen nicht unser neuer einbeiniger Freund (er hat einen Bruder und der wohnt in Potsdam. So was verbindet in der Fremde natürlich ungemein) in der Schaltzentrale. Ein brummeliger (weil übermüdeter?) Zausel um die 68 verweist auf die Verwaltung, die aber erst 17 Minuten später besetzt wäre. Zu gereizt, um bis 10 Uhr zu warten, beschließe ich den Aufbruch – ohne Diskussion.

Eigentlich müssten wir jetzt zurück nach wie-heißt-der-Bürgermeister-von-Wesel?-Esel!-Wesel, um dann weiter fahren zu können. Ach, man muss dem geliebten Routenplaner nur mit sanfter Bestimmtheit erklären, dass man überhaupt gar keinen Bock auf die sieben Kilometer zurück hat, als Totschlagargument wirkt wilder Rückenschmerz ja sowieso immer und wenn man dann mit einem grimmigen Gesichtsausdruck andeutet, dass die Stimmung sowieso kurz davor ist, in den Abgrund zu stürzen, da taucht aus dem Nichts eine Fähre auf, mit der man über den Rhein setzen kann. Na, also. Geht doch. 

Heftiger Gegenwind, grauer, wolkenverhangener Himmel, kleinköpfige Margeriten, die sich rechts und links neben dem historischen Postdeich biegen, dem Plüstern sich entgegenstemmende, frisch geschorene Schafe, kaum weitere Radler und – Hunger. Es gab nicht mal Tee, weil? Richtig, weil’s zu stürmisch ist. Eine Zumutung, jawohl! Eine Zumutung, nach all den wunderschönen, sonnigen, entspannten Touren. Eben war noch Sommer, jetzt ist schon wieder Herbst? Ja, was stimmt denn mit dem Wetter hier nicht? 


Als wir gefühlte 20 Kilometer später endlich die Fähre erreichen, hält gerade ein Golf mit Fahrradanhänger. Quietschfiedele Grauköpfe – vier Pärchen – schnattern fröhlich durcheinander, freuen sich auf ihre Tagestour, und während die Herren der Schöpfung die Räder vom Hänger hieven (natürlich nur schicke E-Bikes), übertrumpfen sich die Damen gegenseitig mit ihren für den Tag vorbereiteten Verpflegungsboxen. Meine Laune sinkt derweil ins Bodenlose. Die Fähre fährt täglich – außer Donnerstags. NATÜRLICH ist heute Donnerstag. Ich fasse unser Pech nicht und bin zu frustriert, um mehr als “Das kann ja wohl nicht wahr sein, so eine verdammte Scheiße!” in unterschiedlicher Intonation von mir zu geben. Christian ist ebenfalls angesäuert. Einzig die holländische Reiseradlerin nimmt es mit Gleichmut und fährt dann eben denselben Weg zurück, den sie vor wenigen Minuten gekommen ist. Unter den Senioren bricht Gelächter aus und der offensichtliche Organisator gesteht munter ein, da hätte man sich wohl besser erkundigen sollen. Verdammte gute Laune! Wir dagegen finden, sowas gehört großformatig entlang des Radweges als Infotafel aufgestellt. Am besten schon ab Wesel.
(Und hier muss ich zugeben: Auch ich hätte mich natürlich erkundigen können und sollen.)

Wir treten also den Rückweg in die unsympathische Stadt an. Ich bleibe sechs bis zehn Fahrradlängen hinter Christian, um mich ausgiebig in wütendem Selbstmitleid zu suhlen. Es ist der 14te Tourtag, der 12te Fahrtag und ich bin mal wieder sauer. Sauer auf das Wetter, die Rückenschmerzen, die Kamikaze-Autofahrer, die schlechten Radwege, kurz, aufs Leben. Hilft aber nix. Von alleine geht’s nicht von Wesel zum nächsten Campingplatz. Da hilft nur treten. Gleichmäßig, ohne noch darüber nachzudenken. Inzwischen sind wir seit echten 20 Kilometern unterwegs. Entschuldigung – ich bin Diabetikerin! Ich brauche was zu essen! (Sage ich natürlich nicht laut. Das wäre zu einfach!) Obwohl ich ziemlich sicher weiß, dass meine schlechte Stimmung in einer wenigstens zehn Quadratmeter dichten, dicken Wolke um mich herumwabert, und damit auch Christian einhüllt, fällt mir nix ein, sie aufzulösen als unfreundlich zu granteln, dass ich nicht mehr kann und was essen muss. Der nächste Discounter ist unserer.
Auf einem unbelebten Marktplatz zwischen zwei Kirchen finden wir eine Bank in der Sonne und stopfen schweigend Brötchen und Aufschnitt in uns rein. Es ist 12 Uhr, die Temperaturen sind endlich wieder so, wie wir es mögen und ich erkenne einmal mehr: Essen hebt die Stimmung. Mein Christian legt schweigend den Mantel der uneingeschränkten Liebe und Toleranz über meine Miesepetrigkeit, wir sind uns einig, dass man in diesem Städtchen eigentlich nur an Langeweile ersticken kann und pfeifen großzügig auf unsere Arroganz, die wir immer dann an den Tag legen, wenn wir nicht so wirklich gut drauf sind. Und heute Vormittag sind wir einfach mal richtig schlecht drauf.

Das bleibt auch noch einige Kilometer so. Dann biegen wir auf die Zielgrade des heutigen Tages – eine Landstraße, die auch schon bessere Zeiten gesehen hat -, und stoppen. Mai ist nämlich eine prima Zeit, wenn man auf Kindchen Schema geprägt ist. Und wenn einer das ist, dann icke. Und zwar uneingeschränkt, ohne Wenn und Aber. Küken, Fohlen, Lämmer, Kälbchen – sie alle sind uns über den Weg gehopst, gestolpert, gewackelt und gestakst. Kurz vor dem Ziel – Campingplatz Altfeld – stoppt Christian. Er kennt mich. Er weiß, was meine Laune schlagartig hebt. Und wenn es schon kein Hund ist, der sich streicheln lässt – die drei Kälbchen zaubern mir ohne Anstrengung ein verzücktes Lächeln ins Sonnenbrandige Gesicht. Die drei – nennen wir sie der Einfachheit halber Justus, Bob und Peter – sind unendlich niedlich in ihrer kuhäugigen, langsamen Neugierde. Peter – komplett braun – geht zwei Schritte vor. Blick zu uns. Blick zu Bob und Justus. Einen weiteren Schritt. Halt. Bob – komplett weiß – stupst von hinten. Blick zu uns. Senkt den Blick, beginnt demonstrativ desinteressiert zu grasen. Peter dreht sich um zu Justus – schwarz-weiß gefleckt. Der geht seitwärts zum Zaun. Blick zu uns. Einen Schritt vor. Noch einen. Und noch einen. Kopf senken, grasen. Bob und Peter drängen sich an ihren Anführer. Der entscheidet sich für einen weiteren Schritt. Zuviel für Peter. Der macht einen kleinen Hopser und vergrößert den Abstand zwischen uns (mit abgerissen Grasbüscheln in den Händen und freundlichen Stimmen lockend). Bob beschließt sich Peter anzuschließen. Jetzt kann sich auf Justus nicht mehr durchringen, seiner Neugierde und vor allem seinem ewigen Hunger nachzugeben, und die dargebotenen frischen Gräser aus der Hand von zwei verschwitzten Reiseradlern zu fressen. 
Wir vergessen wieder einmal die Zeit und erfreuen uns an den drei Kälbchen, die tatsächlich wie Freunde wirken, die nichts ohne den anderen tun würden. Sie verlieren ihr Interesse und wir schwingen uns wieder in die Sättel. Ich zugegebenermaßen ganz glücklich. 

Dieses warme Gefühl soll sich weniger als eine halbe Stunde noch steigern. Als wir nämlich den Campingplatz von Siggi Hoppe erreichen, weiß ich sofort: Hier möchte ich unseren Ruhetag verbringen. Ach, naives Ding ich. Es ist Donnerstag vor Pfingsten, morgen wird der Swimmingpool eröffnet, das ganze Dorf freut sich schon. Diese winzigen Details überhöre ich – denn Marla hopst fröhlich auf mich zu und lässt sich sofort kraulen. Marla ist zwei, eine Appenzeller-Senn-Hündin, und wickelt mich schneller um den Finger, als ich verliebt seufzen kann. Ich will wieder einen Hund, denke ich in dieser Sekunde. Wieder so einen freundlichen, lustigen, fröhlichen Köter mit langen, seidenweichen Ohren. 

Siggi nimmt uns gerne für zwei Tage auf. Wir bekommen einen Platz neben einer Hütte zugewiesen, in der sich eine Küche inklusive Kühlschrank und eine Toilette befindet. Nur für uns. Ich bin begeistert und sicher – das wird ganz wunderbar. Mich kann nicht mal der ältere Herr schräg gegenüber, der seine zwei Quadratmeter Rasen akribisch mit dem Benzinrasenmäher auf Wimbleton-Länge stutzt, aus der Ruhe bringen. Und sobald das Zelt steht, fährt Christian in den nächsten Ort und frischt unsrer Lebensmittelvorräte auf. Ich bin auch nicht untätig und schreibe diesen Bericht. 

Ein opulentes Abendmahl, ein Spaziergang über das Gelände inklusive Erkenntnis, auch hier sind die Dauercamper von großer Kreativität, wenn es darum geht, ihre Eigenheime zu verbarrikadieren. Als es Zeit ist für den Schlafsack, bin ich mit dem Tag versöhnt. 

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