Tag 2 – von Brandenburg an der Havel nach Burg



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Tag 2- Brandenburg (Havel) nach Burg

Die erste Nacht, der erste Morgen – die Hölle. Die dämliche Therma-Rest zu schmal, zu hart. Der Mumienschlafsack zu beengend. Das doofe Kissen hat Null Kuschelfaktor und ich habe keine Ahnung, wie ich aus meinem orangefarbenen Kokon kriechen soll, ohne dass Christian den Notarzt alarmiert, weil sein Weib vor Schmerzen so ächzt und stöhnt, als sei ihr Ende gekommen. Der Gedanke, nach dem Schlafsack irgendwie auch noch mit wenigstens einem Hauch Würde aus dem Zelt krabbeln zu müssen, macht mich so mürbe, dass ich liegen bleibe. Das verliebte Entenpärchen schnattert sich und mich seit halb fünf mit Liebesgesäusel voll, das Wasser plätschert mit empörender Fröhlichkeit auf unseren kleinen Privatstrand und die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel und beglückt Christian, der schon Kaffee gekocht und die heutige Route geplant hat, während ich noch überlege, ob ich ihn bitte, mich von meinem Leid zu erlösen und einfach zu erschießen. Um halb zehn quäle ich mich dann doch aus Schlafsack und Zelt, versuche irgendwie ohne umzufallen in die Schuhe zu kommen und wanke zur Bank mit Tisch inklusive Ausblick auf sanft schaukelnde Boote hinterm Schilf. Christian ist in seinem Element, der junge Hund. Seine Schmerzen halten sich in Grenzen, ehrlich gesagt, ich vermute, er hat gar keine. Sagt nur aus purer Solidarität, sein Rücken täte ihm weh. Seine tröstenden Sätze “Die ersten drei Nächte ist es schwierig. Der Körper muss sich erst mal an die Anstrengungen gewöhnen. Ich habe nie besser geschlafen als auf Tour.” rauschen an mir vorbei. Ich glaube sie ihm nicht und hoffe gleichzeitig, dass es genauso sein wird.

Campingplatzidylle mit freiem Blick auf den See

Zu den Schmerzen, die bis in beide Beine ziehen, kommt die grenzenlose Empörung, dass uns der als romantische “Waschbärenbucht” angepriesene Zeltplatz nicht einen einzigen gestreiften Gesellen zu bieten hatte. Statt gefräßigen Waschbären tummelten sich vereinzelt Mücken, ein Paar Enten und der eine oder andere von Frühlingsgefühlen gebeutelte Vogel.

Mit der eingeschweißten Zugangskarte vom Seecamp Malge (zwei gemalte Seerosen plus die überklebten Öffnungszeiten) schlurfe ich in grauer Jogginghose, blauem Irland-Hoodie und selbst gestrickten Socken in meinen Badelatschen zum Waschhaus. Das übrigens groß und sauber ist.  Und leider über blitzblanke Spiegel in perfekter Höhe verfügt. Merke: Nach der ersten Nacht im Zelt NIEMALS in den Spiegel gucken. Der Schock ist groß, kann schlimmstenfalls zu Wut- oder Verzweiflungsausbrüchen führen und einem den kompletten Tag vermiesen. Ich erstarre für Sekunden: Ich sehe noch älter aus, als ich mich sowieso fühle. Und kein Make-up dabei, um wenigstens äußerlich zu kaschieren, dass ich ein Wrack bin. Willkommen zweiter Reisetag. Ich bin bereit.

Ihnen sehen wir sonst immer nur von der Autobahn aus: Den Elbe-Kanal, hier bei Magdeburg

Nach mit Trockenfrüchten angereichertem Quinoa an Naturjoghurt geht’s mindestens eine Stunde später als geplant los. Die Packtaschen sind perfekt austariert, die schon im vergangenen Jahr gekauften Strohhüte sitzen, meine Sonnenbrille ist stylisch und praktisch (seltene Kombi, deswegen so erwähnenswert) und für einige wenige Kilometer geht’s an Gleisen entlang. Wir biegen in einen kleinen Wald – in Klammern: ROMANTISCH – der Weg lässt sich prima fahren und als wir an einem Anglerheim vorbeikommen, vor dem jede Menge fesche Kerle in grünen Gummistiefeln und sexy Gummihosen das erste Bier des Tages zischen (ist schließlich auch schon halb zwölf), passieren wir gleich darauf einen winzigen Bootsverleih, den Christian ignoriert und mir den Atem stocken lässt. Ich steige ab und mache ein Foto, um später sicher sein zu können, nicht mit offenen Augen geträumt zu haben. 

Als vom Dorf stammende Niedersächsin bin ich Kummer gewöhnt und zu dem wenigen, was mir tatsächlich Angst macht, gehören überall im Haus verteilte Stoff- wahlweise Seidenblumen und _ Gartenzwerge. Ich möchte niemanden zu nahetreten oder gar verurteilen. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, jeder nach seiner Facon etc etc etc. Aber bei aller Toleranz: Gartenzwerge gehen gar nicht. Sie sind der pure Grusel. Und dem war ich an diesem Morgen vollkommen unvorbereitet ausgesetzt. Er überkam mich mit einer solchen Heftigkeit, dass ich stoppte und wie in Trance das Handy aus der Lenkertasche kramte, ungläubige auf den Auslöser drückte und dann ganz schnell weiterfuhr.

Ein Bootsverleih der anderen, der wirklich sehr beunruhigenden Art

Das Bild der dicht an dicht gedrängt, auf drei Fensterbrettern stehenden Gartenzwergen jeglicher Größe und Couleur, hat sich mir in all seiner unglaublichen Scheußlichkeit eingebrannt. Diese winzigen Fieslinge mit ihren dämlichen Zipfelmützen und roten Wangen und langen Bärten stehen und liegen und hangeln sich im Garten, vor, am und auf dem Zaun, im Rasen, unterm Strauch. Und mittendrin schaut Schneewittchen, den roten Apfel in der Hand, mit nach oben verdrehten Augen verzweifelt (?) gen Himmel. Das “huhu” der Eulen rechts neben ihr meinte ich genauso deutlich zu hören wie das alberne Gekicher und sinnlose Gequassel der einfältigen Gnome, die mit ihrem grenzdebilen Grinsen vermutlich nur harmlose Fröhlichkeit ausstrahlen sollen. Mir machen sie Angst. Immer noch. Immer wieder.
Oh, Gott, mein Weib, der Gartenzwerk-Monk. Ich bin mir nicht sicher, ob wir da nicht mal lieber einen Therapeuten ran lassen sollten… Klingt nach einem echten Trauma. Liebe Gartenzwerkfreunde, lasst Euch bitte nicht verunsichern. Tina hat außer SUV-Fahrern und Müttern mit Kinderwagen kaum ein Feindbild – sie braucht Euch!!!

Weil wir ja ganz am Anfang unserer Tour sind, haben wir natürlich noch nicht sämtliche Spielregeln festgelegt. An diesem zweiten Reisetag einigen wir uns allerdings ohne Diskussion darauf, keine Möglichkeit auszulassen, um zu spotten, zu lästern oder uns lustig zu machen, wenn es um rücksichtslose Autofahrer und um Ortsnamen geht. Sind “Hörsingen” oder “Langeleben” nicht geradezu prädestiniert, um unsere sarkastischen Teufel aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken? Auch Kirchmöser ist ein großartiges Beispiel, um es als fantasievoller Zyniker mit brachialer Freude Kübelweise in Spott und Hohn zu ersäufen. Aber, blöd gelaufen. Denn so fürchterlich der Name, so absolut be- und verzaubernd ist dieses Örtchen, das die perfekte Kulisse für einen Film aus den 1920er Jahren sein könnte. Während ich meiner endlosen Verzückung lautstark Ausdruck verleihe, hat der Herr der Route leider, leider, leider kein Auge für die Schönheiten der Architektur, die liebevollen, sehr gepflegten Backsteinbauten mit ihren entzückenden Vorgärten, in denen der Flieder in weißer, dunkellila und fliederfarbener Prachtblüte seinen Duft verströmt. Immerhin hat er sich zu der Aussage hinreißen lassen, dass Kirchmöser ja nicht morgen von der Landkarte verschwindet, wir also jederzeit noch mal in Ruhe vorbeischauen können. Obacht! Können – Konjunktiv. Dabei meine ich das wirklich ernst. Auch wenn wir wenig später in ein Szenario aus “nach dem Atomkrieg” geschleudert werden, sieht mittelfristig nichts danach aus. Kirchmöser ist seit ca. 5000 Jahren so wie es ist, daran wird sich auch die nächsten Jahrtausende nichts ändern.

Durch malerische Örtchen, meist über als unbefestigt geltende Landwirtschaftswege fährt es sich ganz wundervoll hoch und runter, vorbei an knallgelben Rapsfeldern, giftgrünen Wiesen, durch Märchenwälder und dann widerspricht das Navi der Karte und wir schieben in praller Mittagshitze einen fiesen Schotterweg hoch. Keine 50 Meter, aber trotzdem ätzend. Immerhin werden wir mit einem herrlichen Panoramablick in leuchtend Gelb und sattem Grün belohnt und blicken auf das Fachwerkhäuserreiche XY runter, durch das wir vor wenigen Minuten gekurvt sind. Wir überqueren eine Brücke mit taubenblauem Geländer. Unter uns eine Bundesstraße, die ziemlich neu und ziemlich ungenutzt wirkt. Minutenlang kein einziges Auto. Es ist surreal, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt. Sag ich ja – “nach dem Atomkrieg”-Szenario. Im nächsten Dörfchen ein Storchennest mit zwei Bewohnern. Ich habe noch nie Störche aus dieser kurzen Entfernung gesehen und bleibe stehen, fotografiere. Christian verspricht, wir werden noch viele Nester und noch viele Storchenpaare sehen. Haben wir dann aber nicht. Obwohl ich nix mit der Kirche als Institution am Hut habe – diese kleinen Steinkirchen, die wir vielerorts sehen, finde ich großartig. Können Natursteine Ruhe und Friedlichkeit ausstrahlen? Vermutlich nicht – pure Projektion, wahrscheinlich Wunschdenken. Trotzdem herrlich. Persönliche Anmerkung des Mitreisenden -hat sich eigentlich schon mal jemand über das Wörtchen “herrlich” Gedanken gemacht? Welch vorzüglicher Wortstamm!

Wir steuern den Elbe-Radweg an, fahren parallel zu ihm, müssen alle 10 Kilometer kurz stoppen, damit ich meinen Zuckerspiegel leistungsaktiv halten kann. Am Ende der ersten zwei Tage habe ich 22 Müsli-Riegel Schokolade-Bananengeschmack und 8 mit Joghurt-Kirsch-Geschmack in mich reingestopft und kann das Zeug nicht mehr sehen.Ich hatte 30 mit Haselnussgeschmack und jammere kein bisschen. Und dann, nach 75,66 Kilometern – die letzten zwei am Kanal, durch einen schmalen Waldstreifen entlang – haben wir unser Ziel für diesen Tag erreicht: Der Campingplatz Niegripp bei Burg. Der junge, rothaarige Campingchef ist beeindruckt von unserer Etappe, rät uns zu einen tollen Platz mit Blick auf den See. Keine zehn Meter sind es zum niegelnagelneuen, wirklich luxuriösen Waschhaus und einer rustikalen, überdachten Holz-Sitz-Bank-Kombi. Das Zelt steht noch nicht, da sind wir schon von den ersten vier freundlichen Hunden und ihren Leinenhaltern begrüßt worden.

Zum Abendbrot kochen wir 250 gr Nudeln, von denen mir beim Wasser abgießen die Hälfte in den Rasen fällt. Wenigstens direkt neben dem Mülleimer. Was mir übrigens ein großer Spaß ist, da ich Tina kurz vor dem Unglück von meinem Unglück auf der letzten Tour erzählt habe, bei dem mir ungefähr 250 gr Nudeln in den Dreck gefallen sind. Wir stoßen mit Pinot Grigio aus der Flasche und einem Alster an, spielen Dank der Stirnlampe bis kurz vor 23 Uhr unsere einstündige Partie Mega-Kniffelig (ich verliere mit unfassbar schlechten 4776 zu 5552 Punkten) und dann ist der zweite Tourtag vorbei.

Herzlich Willkommen

Zur chaotisch-schönen Radreise des Klingo-Castle Teams. Begleite uns durch eine aufregende Berg und Talfahrt von Potsdam über Brügge nach Amsterdam.

Aktueller Status:

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Christian

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