Tag 1 – von Potsdam Babelsberg nach Brandenburg an der Havel



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Tag 1- von Potsdam nach Brandenburg (Havel)

Nun sitze ich hier und bin das erste Mal richtig bockig. Die Tastatur will nicht so, wie ich es gern hätte, unsere Stromsituation ist arg angespannt, der blöde Wind nervt und Kaffee hatte ich auch erst einen. Also gut, wenigsten beim Kaffee kann ich Abhilfe schaffen. Warum ich heute einen Nervtag habe, keiner kann es sagen. Denn die letzten Tage waren wirklich gut. Aber vielleicht sollte ich erst einmal von Anfang an erzählen, um mir der schönen Erlebnisse der letzten Tage bewusst zu werden und zu hoffen, dass diese die heutige Laune ein wenig steigern.

Geplante Strecke:
Geplante Kilometer:
Realkilometer:
Geplante Fahrzeit:
Reale Fahrzeit:
reine Fahrzeit:

Von Potsdam nach Brandenburg an der Havel
54 km
56,2 km
ca. 4 Gesamtstunden
5:32 Stunden
3:24 Stunden

Ein Freund meinte nach meiner 2014er Tour einmal, dass ich zu sehr durchgehetzt bin. Ich wäre zu viele Kilometer in zu kurzer Zeit gefahren und er hätte sich etwas detailiertere Berichte und vielleicht ein paar Fotos mehr gewünscht. Damals war ich ein bisschen angesäuert und hab mir nur gedacht, dann fahr halt selbst, wenn du mehr sehen möchtest. Aber in Wahrheit hatte ich spätestens in Bulgarien einen tierischen Overflow an Informationen und vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, wenn ich mir ein bisschen mehr Zeit gelassen hätte. Was man allerdings an den obrigen Fahrdaten ganz gut erkennen kann, ist, dass es mit Tina keine Hochleistungsfahrerei mehr geben wird. Nicht weil sie langsamer als ich fährt, sondern weil sie einen wesentlich detaillierteren Blick auf die Dinge hat. Kann sein, dass es ihre journalistische Ausbildung ist, aber wahrscheinlich ist das einfach nur der bessere Blick für die Schönheit der Umgebung. Und so sind wir uns am Ende des dritten Fahrtages einig darüber, die Etappen ruhig etwas kürzer zu planen, denn wir haben ja Zeit.
Manchmal dauert es aber etwas, bis man sich dieser Tatsache, Zeit zu haben, bewusst wird. Bis man verstanden hat, dass es jetzt nicht mehr notwendig ist, sich dem täglichen Gehetze zu unterwerfen. Auch wenn der erste Fahrtag hier keine abrupte Wendung im Leben bringt: Er zeigt auch dem Nichtreisenden sehr schön, wie extrem der Wandel zwischen den Welten sein kann.
Denn als wir um halb acht aufgestanden sind, ist in Wahrheit gar nichts mehr zu tun. Da der geplante Start bereits am Vortag war, wir jedoch irgendwann mittags merkten, dass wir es einfach nicht schaffen würden, können wir uns am Nachmittag in Ruhe auf noch alle offenen Dinge stürzen. Für den Morgen stehen also nur noch Spülen und Staubsaugen auf dem Plan, dann sollte es schon losgehen. Das bedeutet für mich: Mehr als genug Zeit, um endlich die Route zu planen, die gestern noch eilig geleerte Weinflasche zum Glaskontainer zu bringen, einen Rechner von Schadsoftware zu befreien und noch einmal einen Großeinkauf in der Apotheke zu machen. Kurz: Ich hab alles Mögliche gemacht, nur gestartet sind wir nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich irgendwie manchmal nicht so richtig in die Gänge komme.
Aber so ein erster Tag ist eben auch nicht ganz leicht. Denn einerseits ist man eigentlich schon auf dem Weg, anderseits ist man eben noch zu Hause. Die Trennung der Welten wird einem kaum zu einem anderen Augenblick bewusster. Stellte man sich jetzt einfach tot, bliebe alles beim Alten. Legt man los, ist das zwar keine unwiderrufbare Entscheidung, aber zumindest ein klares Bekenntnis zur Veränderung. Die sprichwörtliche blaue oder rote Pille der Matrix. (Ich hoffe inbrünstig, dass Tina sich hier einschaltet und den Rang der Dramaqueen für sich beansprucht. Denke ich nicht im Traum dran. Ich hab mein eigenes Drama. Und du machst da einen sehr guten Job.)

So schön kann Pause sein

So schön es sich an dieser Stelle philosophischen Gedanken verlieren lässt, hier gehts jetzt erst mal um unsere Tour. Ich möchte gerne betonen: Unserer ersten gemeinsamen, mehr als 14 Monate immer wieder zum Thema gemachten Tour. Nun denn:

Wir starten exakt um 11:11 Uhr in Potsdam und kommen ebenso exakt 5 Kilometer weit. Da läuft uns nämlich ein Paar Niederländer über den Weg, die einen Teil des Europaradweges R1 von Helmstedt nach Berlin innerhalb von fünf Tagen zurückgelegt haben. Ich bin diese Tour im letzten Jahr einmal gefahren und kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Stückchen Harz echt nicht ohne ist. Jedenfalls haben wir hier unsere erste Pause gemacht und ein bisschen mit ihnen über Herkunft und Weg geplaudert. Grossartiger Start für unsere Tour. Angeblich sind ja Reiseradler ein besonderes Völkchen und Christian hat von so vielen netten Begegnungen geschwärmt. Und was diese kleine Frau mit den kurzen blonden Strubbelhaaren und ihrem bärigen Begleiter mit grau melierter Wuschelmähne in mir ausgelöst haben, ist pure Freude. Vor allem als sie betonen, dass sie uns gerne zu sich einladen würden, wenn wir denn bei ihnen vorbei kommen. Da einer von ihnen ein Problem mit dem Rad hatte, haben wir sie auch gleich zu unserem Lieblingsraddealer Steffen umgeleitet. Der hat zwar gerade echt viel zu tun, aber wir sind uns trotzdem sicher, unsere neuen Bekannten in die besten Hände gegeben zu haben. Für uns ist es auf jeden Fall eine tolle Erfahrung so kurz nach dem Tourstart eine so nette Bekanntschaft machen zu dürfen. Kurz nachdem wir Potsdam verlassen haben, auf dem Waldweg entlang der Havel, dürfen wir Zuckerbedingt die nächste Pause einlegen. Praktisch. So können wir uns auch gleich von einem halben Kilo Gepäck in Form von Stullen trennen. Manchmal kann das Leben eben schön leicht sein. Tina empfindet das mit dem Essen ja immer als ein bisschen schwierig, ich für meinen Teil mag Essen. (Ich liebe Essen ebenfalls. Aber es wäre schon schön, wenn ich mich nicht Stück für Stück in ein Walross verwandeln müsste, nur weil meine Zuckerwerte bei körperlicher Anstrengung abstürzen. Essen müssen ist jedenfalls kein Geschenk. Darüber zu jammern, dessen bin ich mir durchaus sehr bewusst, natürlich ein Luxusproblem. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Ich könnte den ganzen Tag essen und tue ich auch oft.)

Im Vordergrund die falsche Essensentscheidung: 16 Euro für adlige Kartoffeln an pappigem Spargel

Also machen wir mal einen Teilstrich: 10 Kilometer und 2 Pausen, macht noch 9 Pausen bis Brandenburg. Ich find das sowieso keine blöde Idee, die Strecke in Pausen zu messen. Nimmt völlig den Druck aus der Sache und ist runterrechenbar. Beispiel gefällig? Am heutigen Ruhetag sind es noch 630 Kilometer bis Brügge oder eben 126 Pausen. Entscheide jeder selbst, was sich für ihn am Besten anhört.

Tatsächlich verringern sich die Anzahl der Pausen aber auf den weiteren Kilometern erheblich, was meinem Bedürfnis nach Zigaretten nun auch wieder nicht sonderlich zuträglich ist. (Hole ich es halt auf dem Campingplatz nach…)

Werder durchqueren wir dann auch in einem Stück. Ab hier macht es keinen richtigen Spaß mehr, denn die Route führt uns nur noch an der B1 entlang. Landschaft, Dorf, Landschaft, Dorf, Landschaft, Dorf – Kaffee im Wuster Einkaufszentrum. Und dann auf zum Endspurt. Von Wust aus führt der Radweg beidseitig der B1 und die ist an diesem Freitagnachmittag unglaublich befahren. Ich entscheide, die Straßenseite nicht zu wechseln und lasse Tina entgegen der Fahrtrichtung (legal – weil ausgeschildert) Richtung Brandenburg fahren. Ich fahre meist vor, weil Christian mich im Blick behalten will. Ein fast  (wieso nur fast?!)  fataler Entschluss, denn kurz vor der rettenden Ampel kommt noch einmal eine ziemlich enge und extrem schlecht einsehbare Stelle, die kaum breit genug für das Reiserad ist. Wenn hier auch noch Gegenverkehr kommt, wird das ein ziemliches Herumrangieren, um keinen der Beteidigten auf die Straße zu zwingen. Natürlich kommt, was kommen muss: radelnder Gegenverkehr und das auch noch in Form eines Mannes, der sein Fahrrad scheinbar nur zum Bierholen benutzt. Nicht jedoch ohne sich vorher ein bisschen Mut anzutrinken. Nur durch Tinas beherztes Bremsen  (danke für die Blumen. Die Wahrheit ist: Ich hab gebremst, den Lenker rumgerisssen und bin beinahe mit der Hauswand kollidiert, weil mein Instinkt mich zwar gewarnt hatte, ich aber viel zu konzentriert war, um auf ihn zu hören.) und sein beherztes auf die Straße holpern, ist nichts Schlimmes passiert. Die paar wüsten Pöbeleien Seitens des Herrn sind zu verkraften. Pures Glück, dass hier nicht mehr passiert ist. Zumal Tina wirklich extrem vorsichtig gefahren ist. Obwohl sie im Stadtverkehr manchmal echt zügig unterwegs ist, ist sie, sobald Gepäck am Rad hängt, echt ein vorsichtiger und besonnener Verkehrsteilnehmer.  (Nun packen wir den Honigtopf mal wieder ein. Ich fahre IMMER besonnen. Nur eben ohne Gepäck zügiger als mit).  Der Schreck steckt mir dann wahrscheinlich auch tiefer in den Knochen als ihr und so drängt sie auf eine rasche Weiterfahrt. Herzrasen, Adrenalinschübe – kennt man ja. Am besten ignoriert man beides, weil es eh nichts ändert. Kurzer Dankgedanke ans Universum und die fleißigen Schutzengel, dann gehts weiter. Ist ja glücklicherweise nix passiert.

Wir fahren als letzte Zwischenetappe den örtlichen Aldi an und decken uns mit Lebensmitteln für ein vorzügliches Abendessen ein, zudem es dann aber nie kommen soll. Die letzten 7 Kilometer sind dann auch fast ein Träumchen, geht es doch nun fast ausschließlich über einen schönen Radweg quer durch den Wald unserem ersten Etappenziel dem Campingplatz Malge in Brandenburg entgegen.

Der erwies sich als sehr ruhig, mit einigen Dauercamperstellplätzen, die mich auch nach jahrelanger Campingplatzerfahrung immer wieder ein bisschen verwundern. Mir mangelt es einfach an Verständnis für Schrebergärten, die um einen Wohnwagen herum gebaut werden. Zumal der Erfindungsreichtum der Camper beeindruckend ist, was Abgrenzungen von den anderen Campern angeht. Von meterhohen Zäunen bis zu Wintergärten, die alles andere als mobil sind, ist hier alles dabei. Auch heute beim vierten Campingplatz wird es mir nicht verständlicher, was dieses Eingemaure mit Camping zu tun hat. Nichtsdestotrotz, Malge ist ein wirklich schöner Campingplatz und wir bekommen nach Tinas Bitte um ein romantisches Fleckchen die Waschbärbucht zugeteilt, die wir uns aber trotz der Hinweise und Warnungen unser Essen zu verstecken, nicht mit Waschbären teilen brauchen. Gefuttert haben wir dann übrigens im angeschlossenen Restaurant. Das hat zwar die Einkäufe überflüssig gemacht, mich aber auch als Abschluss eines fantastischen ersten Fahrtages für alle Strapazen entschädigt. Da ich allerdings kaum irgendwas als strapaziös empfunden habe, stellt dies natürlich keine Wertung der Küche dar. 😉 Ich hatte Spargel mit Kartoffeln für 13 Euro irgendwas – der Spargel war zart und ohne jeden Geschmack – ich mag die Mischung aus süßlich und säuerlich, also in Zucker und Essig gekocht. Die Kartoffeln verkocht und geschmacklos. Egal. Die Sonne scheint, wir sitzen am Wasser und haben den ersten Tag auf dem Rad ohne Blessuren überstanden. 

Blick-Entschädigung für den schäbigen Spargel

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