Tag 13 – Haltern am See nach Wesel



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Tag 13- von Haltern am See nach Wesel

Heute morgen stellen wir beim Abbauen mal wieder einen neuen Rekord auf. Keine 45 Minuten nach dem Aufstehen ist die Morgentoilette erledigt und sind alle Taschen auf den Rädern verstaut. Dennoch will keine so rechte Heiterkeit aufkommen. Tinas Treffen mit ihrer Freundin sind einfach zu selten, und die Gewissheit, einen wunderbaren Menschen so schnell wieder verlassen zu müssen, betrübt auch mich. Gern hätte ich mehr gemeinsame Zeit gehabt, und Tinas Freundin hätte uns sicher auch noch mehr ihrer Zeit geschenkt, aber der Preis für sie wäre hoch gewesen und wir haben ja schließlich ein Ziel: Brügge. Mir wird vor allem bewusst, wir haben zwar viel Zeit, aber eben auch keine Unbegrenzte. Irgendwann werden wir wieder ins normale Leben zurückmüssen und trotz der Freude, die mir diese Tour bereitet, ich freue mich auch auf die vor mir liegende Zeit sehr.

Den Bielefelder Dauercamper verschlägt es jährlich hierher – die Schwiegerfamilie wird besucht.

Im Moment quälen mich aber noch andere Probleme. Mein Morgenkaffee hat unser letztes Gas fast völlig aufgebraucht. Zum Glück hat uns unser Bielefelder Nachbar gestern bereits eine ungefähre Wegbeschreibung zu einem örtlichen Outdoorausstatter gegeben, den wir als erstes aufsuchen wollen.
Da wir bereits um sagenhafte drei Minuten nach neun von unserem echt charmanten Campingplatz rollen, und sowieso durch Haltern Am See fahren müssen, um ins Industriegelände zum Ausstatter zu kommen, bestehe ich darauf, noch einen kurzen Abstecher bei meiner Freundin, die direkt in der Innenstadt wohnt, zu machen. Eine völlig idiotische und dennoch absolut richtige Entscheidung. Idiotisch, weil meine Freundin vermutlich bis tief in die Nacht gearbeitet hat und wir sie um 9.30 Uhr aus dem Bett klingeln. Absolut richtig, weil ich sie so unendlich mag und vermisse und ich sie einfach noch mal drücken wollte. Sie hat nicht mit uns gerechnet, und wir sprechen auch keine drei Minuten miteinander. Dann schließt sie wieder ihre Wohnungstür. Mich hat dieser kurze Moment sehr bewegt und den ganzen weiteren Tag überlege ich, ob wir nicht einen Tag hätten dranhängen sollen. Dann stehen wir vor dem Outddoorladen und es geschieht, worauf wir uns schon seit Beginn der Tour moralisch vorbereitet haben: Es regnet das erste Mal auf unsere vollgepackten Räder. Oh ja, wir können auch in hektisch. Kramen Regenhose, Regenjacke aus den Tiefen der Taschen. Ich stelle zwei wenig witzige Dinge fest: Ich habe den Wasserschutz für meine Lenkertasche vergessen und in der Regenhose sehe ich nicht nur aus wie eine schwarze Presswurst – und fühle mich auch so. Hilft übrigens ungemein, die angeschlagene Laune zu verbessern. Zum Glück regnet es nicht lange und nicht sehr intensiv, aber es reicht, um das erste Mal wirklich nass zu werden. Beim anschließenden Frühstück bei einem Bäcker eines Supermarktes lassen wir uns dann auch sehr viel Zeit. Keiner von uns ist heute morgen in allerbester Stimmung. Bei Tee, Kaffee, belegten Brötchen und einem steinhart gekochten Ei schauen wir dem Filialleiter bei einem Vorstellungsgespräch zu, das dieser wegen der drückenden Schwüle offensichtlich nicht in seinem Büro führen möchte. Ich vermute aber: Wahrscheinlich hat er bloß nicht aufgeräumt.

Soweit das Auge reicht: Kein Auto, kein Trecker – nur wir.

Als wir uns dann doch endlich aufraffen können, kommen wir trotz des guten Rückenwindes nicht so richtig in Schwung. Statt zu radeln, schleichen wir die ersten Kilometer durch die Gegend. Lustlos, antriebslos, scheinbar sogar ziellos. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob tatsächlich unsere Stimmung die Landschaft so trostlos erscheinen lässt. Ich stürze mich mit Kamera auf ein paar Mohn- und Kornblumen, damit wenigstens ein bisschen Farbe in den Tag kommt.Aber so richtig cool ist die durchfahrende Gegend dann doch auch wieder einmal nicht. So beschließe ich dann auch, nachdem wir so fast schöne Orte wie Dorsten und Datteln durchfahren müssen, auf der Hälfte der heutigen Strecke dem Navi die Führung zu entreißen. In einem Anflug von Schönheitsbedürfnis entscheide ich mich für eine Weiterfahrt am Weser-Datteln-Kanal, der laut Auskunft eines Pärchens (das ausgerechnet unsere Mittagspausenbank okkupiert – übrigens die einzige Bank weit und breit!) bis nach Wesel führen soll. Eine klare Fehlentscheidung, wie sich herausstellen wird. Weil, schöner wird es hier auch nicht und statt direkt von hinten, kommt der Wind hier zumindest so schräg, dass er unserer Weiterfahrt ein wenig ausbremst. Wie öde kann eine Fahrt entlang von Wasser und Wiesen eigentlich sein? Alter Holländer, so eine ätzende Strecke. Und nur, um es auch einmal gesagt zu haben: Nicht eine einzige verdammte Bank. Wir versuchen trotzdem weiterhin eine passende Sitzgelegenheit für unsere Mittagspause zu finden und ich vertröste Tina im Minutentakt auf die nächste Brücke, Kurve, Schleuse. Aber nix da. Der verdammte Kanal bietet kein ruhiges Plätzchen, um die neue Gaskartusche auszuprobieren und die vom Frühstück übrig gebliebenen Brötchen aufzufuttern. Irgendwann lässt sich Tina aber nicht mehr länger hinhalten und bestimmt eine Rast, so dass wir völlig ausgelaugt auf der Treppe einer extrem lauten Behelfsbrücke unsere letzten Vorräte vernichten. Wahrscheinlich existiert diese Behelfsbrücke auch schon seit über 40 Jahren und die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass es ständig kracht und scheppert, als würde das Metall jeden Moment bersten. Himmel, was sind wir lärmempfindlich dieser Tage. Aber auch nicht lärmempfindlich genug, um unsere Rast abzubrechen. Ach, seien wir doch mal ehrlich: Ist man scheiße drauf, dann gibt es doch nichts Besseres als irgendetwas, über das man sich nach Herzenslust aufregen kann. Oder? So lecker des Essens auch ist, unsere Motivation hält sich auch nach 18 Kilometern am Kanal entlang weiterhin in Grenzen und ich übergebe dem Navi wieder die Führung. Immerhin kann ich es heute wenigstens verstehen und so verlassen wir den Kanal gerade rechtzeitig, bevor die Lippe in ihn und er in den Rhein führt.
Spätestens jetzt ist klar, an der Stimmung liegt die Scheißgegend nicht. Sollte hier jemand lesen, der zufällig aus Wesel kommt –  mein herzliches Beileid. Meine Güte, ist das eine hässliche Ecke. Trostlos, grau, abweisend, laut, chaotisch, wenn ich das hinzufügen darf. Wobei es “hässliche Ecke” absolut auf den Punkt bringt. Und diese Abneigung beruht scheinbar auch auf Gegenseitigkeit. Denn kaum sind wir vom Kanal auf den offiziellen Radweg abgebogen, versucht auch schon ein Angestellter der Hafenspedition mich mit seinem 40-Tonner zu überrollen. LKWS und Radfahrer – immer eine sehr brisante Mischung. Ich brülle unanständige Worte in schneller Reihenfolge. Was natürlich weder der LKW-Fahrer noch sonst jemand in seiner Blechbüchse hört. Das Blöde bei einem vollbepackten Rad: Die beidhändige Mittelfingerzeigung gelingt mir nicht, ohne mich in Lebensgefahr zu bringen. Also verzichte ich laut fluchend. Nach dem Schreck lade ich Tina erst einmal zum leckeren Eis mit Erdbeeren ein, das zwar wirklich lecker, aber mit 18 € für zwei Portionen völlig übertrieben teuer ist. Wolltest du an dieser Stelle nicht so richtig auf den Putz hauen?! Gut, dann übernehme ich kurz und knackig: Es handelt sich um jeweils EINE Kugel Eis und jeder bekommt ZWEI in Scheiben geschnittene Erdbeeren, die sehr gekonnt mit Schokofäden überzogen und mit einem Pfefferminzblättchen dekoriert sind. Köstlich, in der Tat. Aber bin ich hier bei Königs, wo man Winzportionen auf riesigen Tellern anrichtet, einfach weils schick ist?! Christian zahlt insgesamt 25 Euro und ich bin kurz davor zu platzen. Und zwar nicht wegen Völlerei, das dürfte klar sein. Dieser Tag hat blöd begonnen und scheint sich auch so von uns verabschieden zu wollen.

Leider haben wir kein Liebesschloss auf Tasche, um herauszufinden was passiert, wenn wir es tun…

In Wesel ist es nämlich wieder so laut, dass ich alle 100 Meter das Navi rauskramen muss, um mich des Weges zu versichern. So dauern die letzten Kilometer bis zum Campingplatz dann auch noch einmal eine geschlagene Stunde. Gegenwind noch und nöcher. Wir fahren auf einem künstlich aufgeschütteten Deich, rechts und links Schafe, vereinzelt auch andere Radler, aber Spaß macht die Fahrt nicht. Wenn der Tag bislang makaber war, jetzt kommt das Sahnehäubchen. Der Platz ist zwar sensationell günstig. Aber, da er auf einer Rheininsel liegt, auch sensationell windig. An dieser Stelle sei hinzugefügt, wir sprechen hier von der Grav-Insel. Im Jahr 1969 von einem Visionär ins Leben gerufen und innerhalb der vergangenen 49 Jahre zu dem gemacht, was er jetzt ist. Allerdings wissen wir das bei der Ankunft noch nicht, und da wir jetzt dringend einen Ruhetag brauchen, buchen wir auch gleich zwei Tage. Ich übernehme die sich etwas hinziehenden Formalien mit Bernd, den Herrn über die Platzverteilung. Bernd ist genau aus dem Holz geschnitzt, wie ich Menschen in solchen Positionen mag: Ein bisschen kodderig, ein bisschen rau, ein bisschen ironisch und dabei absolut liebenswert. Typ raue Schale, weicher Kerl. Bernd lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen, spricht gleichzeitig mit drei unterschiedlichen Menschen, die einen Platz buchen möchten, bedient nebenbei die Schranke, telefoniert mit einem Anrufer und funkt einen Kollegen an, der den Campern ihren Platz per Elektrowägelchen zeigt. Und als ich ihn später anpflaume, dass WLAN ja wohl ein Grundbedürfnis, ja, ein Grundrecht ist, und dass 3 Euro pro 24 Stunden eine Frechheit sind, will er mir am liebsten die Zugangsdaten schenken. Gesteht er wenig später im Waschraum und entschuldigt sich quasi, dass er es nicht tun konnte, weil da noch ein Kunde war. Ach, Bernd, du Goldjunge. 

Was uns hier erwartet, schlägt unserem fassrunden Verständnis von Camping endgültig den Boden aus. Denn Wesel rühmt sich als der größte Campingplatz Deutschlands mit über 2000 Parzellen – Dauercamper wohlgemerkt. Die paar Tagesgäste fallen da nicht wirklich ins Gewicht und sind wahrscheinlich nur deswegen da, um sich den Status Campingplatz nicht zu versauen. Da wundert es uns auch fast gar nicht mehr, dass hier ein absoluter Discountplatz entstanden ist. Ein riesiges Gebäude im Zentrum des Platzes bietet alles was das Camperherz begehrt. Supermarkt, großzügige Wasch- und Duschmöglichkeiten, Restaurants.  Und vor den sanitären Anlange – festhalten, Leute – gibt’s buntes, blinkendes Jahrmarktfeeling. Zu den Hits der 80er Jahre kann man an diversen Automaten sein Geld vernichten. Per Greifarm ein neues Handy oder ein Kuscheltier versuchen zu ergattern. Und Mutti sitzt auf Wohnzimmerartigen Stoffbänken und schaut zu. Unglaublich. Ein freundlicher Mensch mit dunklen Knopfaugen und indianischen Zügen zeigt uns freundlich, wo wir unsere Wäsche waschen können. Micha arbeitet hier seit sechs Jahren, wohnt seit drei Jahren sogar hier und mag seinen Job. Und dann stehen wir vor den Waschmaschinen und erfahren von Micha und Bernd, dass es ein 3-Schicht-System an der Pforte gibt, dass Dreiviertel der Camper einen Dauerplatz haben… Irgendwie kommt hier eher das Gefühl eines Freizeitparks auf, statt dem einer ruhigen Unterkunft im Grünen. Wieder ein gelungenes Beispiel für unser Projekt, Deutschland, wie du campst. Und weil es zu windig ist, um unseren Gaskocher anzuwerfen, gönnen wir uns spontan und eine halbe Stunde vor Schluss noch das Mittelmeer-Buffet für 10 Euro pro Person. Essen mehr, als uns guttut. Der Wein schmeckt nicht, das Gyros ist kalt, genau wie die Pommes, aber das mediterrane Gemüse mit dem Tsatsiki ist lecker. Ein Gedanke blitzt auf, den ich nicht zulassen möchte, der aber noch in dieser Nacht zu einem Entschluss wächst.

Wer zuviel Kleingeld übrig hat, füttere doch die Spielautomaten vor den Duschen und Toiletten.

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