Abrechnungsrückschaufazit



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Abrechnungsrückschaufazit

Wir haben es gewollt, getan und geschafft: Wir waren mit dem Rad in der belgischen Mittelaltermärchenstadt Brügge. Trotz Übergewicht, trotz Diabetes, trotz Uralt-sein. Wir lassen uns immer wieder die Zahlen auf der Zunge zergehen, schreiben sie mit Kugelschreiber auf einen Zettel, um schwarz auf weiß nachlesen zu können, was so viele Glücksgefühle in uns ausgelöst hat und immer noch auslöst: Insgesamt 78 Stunden und 10 Minuten saßen wir auf unseren schwarzen Brooks-Sätteln, sind in 25 Tagen flotte 1275 Kilometer geradelt. Haben auf 17 verschiedenen Campingplätzen, in einem Hostel, in einer Pension, in einem Fass und in einer Gartenhütte geschlafen. Haben insgesamt € 701,75 nur für Übernachtungen ausgegeben, weitere 45 Euro für Wäschewaschen und –trocknen.

Und doch. Diese Zahlen, Fakten und Daten sind nicht nur unvollständig (wir haben keinen Überblick, wie viel wir eigentlich für notwendige Nahrungsmittel, wie viel für Luxus in Form von Essen gehen, Kaffee unterwegs, Eis und Süßigkeiten draufgegangen sind). Sie können nicht mal im Ansatz vermitteln, welch fantastisches Abenteuer wir als Liebespaar und gleichzeitig als Team erlebt haben. Wie viel unfassbare Freude, wie viel nervigen Frust, wie viel von sämtlich denk- und vorstellbaren Gefühlsachterbahnen wir gemeinsam durchlebt haben.

Ja, das musst du auch erst mal bringen, 24/7 miteinander sein zu wollen – und zu können. Auf engstem Raum. Vollkommen aufeinander angewiesen. Bereit, absolut zu vertrauen, Kontrolle abzugeben. Und gleichzeitig zu 100 Prozent Verantwortung zu übernehmen. Für sich selber und für den anderen. Es ist erstaunlich, wie leicht es war. Und das bei aller Anstrengung. Wir haben diese Tour gemeistert und genossen. Es gab keinen einzigen Moment, an dem einer von uns dachte: Schnauze voll. Feierabend. Abbrechen. Ab nach Hause. Obwohl es immer als Option existierte, haben wir sie nie in Betracht gezogen. Gemeinsam Brügge zu erreichen war unser Ziel und dieses Ziel haben wir erreicht. Manchmal mit Hängen, manchmal mit Würgen. Aber interessiert das am Ende noch irgendjemanden? Nö.

Unterkünfte mit Bewertung. Sieger sind das Campotel (Christian) bzw. der Waldseecampinplatz Bettmar (Tina)

Ja, es war zwischendurch anstrengend. Arschanstrengend. Mehr als einmal bin ich über meine physischen wie auch psychischen Grenzen gegangen. Mehr als einmal habe ich vollkommen die Kontrolle über meine Gefühle verloren. Und mehr als einmal hat Christian mich so motiviert, dass ich Kräfte mobilisieren konnte, von denen ich nur heimlich, still und leise gehofft habe, dass sie tatsächlich existieren. Und vermutlich ist das das Geheimnis dieses Erfolges, dessen universelle Gültigkeit ich nicht scheue zu behaupten: Jede Herausforderung, der man sich gemeinsam oder alleine stellt, fordert vor allem eins: Nicht aufgeben. Niemals. Und wenn man sich zusammen in welches Abenteuer auch immer stürzt, dann braucht es Verständnis für einander. Ist es wichtig, sich gegenseitig Mut zu machen, sich zu motivieren, einander blind zu vertrauen. Kann man übrigens alles lernen. Ehrlich.

Naja, und jetzt sind wir zurück und staunen immer noch, wie zufrieden Minimalismus machen kann, wie frei und entspannt es sich mit dem absolut Nötigsten reisen und am Ende eben zumindest zeitweise leben lässt. Und wir wurden verdammt genügsam: Pro Toilettengang maximal vier Blättchen Klopapier, statt einer halben Rolle. Wie kreativ wir wurden? Ich skandiere fröhlich: Socken zu Armschonern! Mülltüten zu Weinkühlern! Spanngurte zu Wäscheleinen! Sparsam waren wir vor allem bei Postkarten – gerade mal vier haben wir geschrieben und verschickt. Sorry an all, die keinen schriftlichen Gruß von uns bekamen.

Was bleibt eigentlich nach so einem Abenteuer? Schwielen am Hintern? Ja. Oberschenkel, die die Jeans zum platzen bringen? Jau. Waden, um die dich jeder Fußballer beneidet? Ja, auch. Aber vor allem bringt es das Wissen und die Gewissheit: Es gibt keine Hürde, die man nicht nehmen kann. Es gibt immer eine Lösung. Das Wichtigste, was bleibt, sind für mich allerdings diese zwei Fragen: Wohin beim nächsten Mal? Wann geht’s wieder los? (Beide Fragen sind übrigens bereits beantwortet).

Ja, Christian hat mich angesteckt. Jetzt bin auch ich süchtig nach weiteren Radtouren. Zähle ich sehnsüchtig die Wochen und Monate, bis die Räder wieder bepackt und abfahrbereit im Hof stehen. Es wäre gelogen zu behaupten, die Tour war ein einziges Fest. Sie war mitunter tierische Quälerei. Aber sie war eben auch großartig, einmalig, nicht wiederholbar. Und doch! Mitte Mai 2019 werden wir definitiv nicht, wie ursprünglich gedacht, in den Flieger nach Kuba steigen, sondern uns aufs Rad schwingen. Und dann heißt es wieder: Klingo-Castle – Couchpotatos on Tour.

All das haben wir in acht Packtaschen verstaut – und es war immer noch zu viel.

Herzlich Willkommen

Zur chaotisch-schönen Radreise des Klingo-Castle Teams. Begleite uns durch eine aufregende Berg und Talfahrt von Potsdam über Brügge nach Amsterdam.

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Tag 24 – von Dishoek nach Vrouwenpolder



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Tag 24 – von Dishoek nach Vrouwenpolder

Heute ist es endlich soweit und ein weiterer Höhepunkt der Tour steht an: Ein Regentag!

Auch wenn es mit Mary und Robert echt lustig und gemütlich ist, aber direkt nach dem Aufstehen den Hasen dabei zu beobachten, wie er mal wieder Kinder für das gemeinsame Spaßprogramm einsammelt, ist einfach zu viel! Ich denke, Rattenfänger von Hameln, und bin schon wieder fassungslos, ob der dröhenden Musik und der vor Begeisterung kreischenden Kinder, die dem wild winkenden Hoppler hinterherrennen. Ich bin heute wieder einmal viel zu früh wach. Der Husten und die einsetzende Sonne treiben mich aus dem Zelt, und so beschließe ich, noch ein bisschen Schreiberei hinter mich zu bringen. Es ist kurz nach 6 und auf dem Campingplatz herrscht noch Ruhe und Frieden. Von den angekündigten Kinderlärm haben wir heute Nacht nichts mitbekommen, was eventuell daran lag, dass Tina während meiner gestrigen Dusche kurz bei deren Eltern um ein bisschen Ruhe gebeten hat. Mary erzählte, dass die junge Generation Camper offensichtlich keine Ahnung hat, wie man sich auf einem Campingplatz benimmt. Wie? Naja, Rücksichtnahme, ab 22 Uhr ist eben Platzruhe und dann wird geflüstert, statt lautstark die Kinderentwicklung diskutiert. Also bin ich direkt zu unseren Nachbarn – drei deutsche Elternpaare, alle um die Ende 20, Anfang 30 -, und habe sie mit gesenkter Stimme darauf aufmerksam gemacht, dass man jedes Wort im 10 Meter entfernten Zelt hört… Puh, manchmal komme ich mir vor wie Else Kling. Während ich schwer ins Schreiben vertieft bin, bemerke ich kaum, dass sich der Himmel langsam zuzieht. Erst als die ersten Tropfen aufs Display fallen, erkenne ich den Ernst der Lage und spurte zum Zelt, um einige vor dem Eingang verstreute Dinge in Sicherheit zu bringen. Kaum ist alles weg, hört auch der Regen auf. Trotzdem ist es noch immer viel zu früh, um Tina zu wecken und so nehme ich das Tablet, um einen erneuten Schreibversuch zu unternehmen. Gegen 8 beschließe ich, die Blogerei ab jetzt langweilig zu finden und schleiche vorsichtig ans Zelt, um mal nach meiner Dame zu schauen. Diese sitzt bereits zwar noch etwas zerknautscht im Zelt, hat aber übermütig gute Laune. Zumindest bis zum großen Auftritt von Koos Konijn – dem dusseligen Nervhasen. Was für die meisten Eltern hier wahrscheinlich toll ist, haben sie doch jetzt ein bisschen Zeit für sich, nachdem das verlauste Viech ihre Kinder adoptiert hat, ist für uns eher grenzwertig. So lässt auch mein Husten spontan nach und ich fühle mich superfit und unglaublich ausgeruht für die heutige Etappe. Noch eine Nacht werde ich hier auf keinen Fall verbringen!

Kurz vor Abfahrt startet der Regen – pausiert für eine viertel Stunde und hört dann nicht mehr auf

Ein weiteres Mal kündigt sich Regen an und ich dränge darauf, das Zelt abzubauen und die Räder fahrfertig zu machen. Ist erst einmal alles in den Taschen, stört mich der Regen nicht mehr sonderlich, denn einen Unterschlupf für sich selbst findet man zum Glück fast überall. Robert und Mary laden uns derweil zu einem letzte Tee bzw. Kaffee ein und beginnen ihrerseits ebenfalls mit den Abbauarbeiten. Sie wollen heute weiter nach Domburg, wo sie einen lang ersehnten Platz auf einem Campingplatz ergattern konnten. Wir sind zum Frühstück bei Mary und Robert eingeladen, aber irgendwie kriegen wir das nicht gebacken. Zwischen Artikel-schreiben und Räder zusammenpacken passt kein entspanntes Tee- bzw. Espresso-trinken. Und dann beginnt es auch schon zu tröpfeln. Eine herzliche Verabschiedung und das Versprechen in Kontakt zu bleiben später setzen wir uns auf unsere Räder und fahren zur Ausfahrt, nur um 30 Sekunden später von einem einsetzenden Regenschauer unter das Vordach der an den Platz angeschlossenen Imbissbude gezwungen zu werden. Das hat auch einen Vorteil, können wir doch Mary und Robert beim Verlassen des Platzes eine halbe Stunde später noch einmal zuwinken. Unsere Abfahrt hat sich auf 13 Uhr verschoben, und meine gute Laune wird vom Regen weggewaschen. Als sich die ersten verzweifelten Strandbesucher ebenfalls unter dem Dach in Sicherheit bringen und es langsam aber sicher voll zu werden droht, lässt der Regen endlich soweit nach, dass wir beschließen, die Strecke in Angriff zu nehmen. Unser Glück hält auch sagenumwobene fünf Minuten an, bis der Regen mit einer ungeahnten Heftigkeit zurückkommt und wir auf einem leeren Parkplatz erst einmal die Zeltplane über unsere Köpfe ziehen müssen, um nicht binnen kürzester Zeit komplett durchnässt zu werden. Das ist zwar schon irgendwie gemütlich, aber für unsere Tour ein bisschen hinderlich. 

Ab jetzt kennt das Wetter keine Gnade mehr und unterscheidet sich lediglich in der Intensität des Regens. Ein stetiger Wechsel zwischen viel und sehr viel zwingt uns während des Fahrens immer wieder dazu, zu pausieren und unseren Kleidungsvorrat anzufassen, um uns eines trockenen Shirts oder einer wärmende Jacke zu bedienen. Ich habe mal wieder etwas gefunden, um meine schlechte Laune zu verdoppeln. Die Regenjacke! Teuer bezahlt, vom gleichen Ausstatter wie unser großartiges, wunderbares Zelt und meine grandiosen Radlerhosen – VAUDE – versagt, wie eine teure Regenjacke nur versagen kann. Ich werde nass. Klitschnass. Und immer ruhiger. Zum Ausflippen ist es einfach zu ungemütlich und zu kalt. Zu allem Unglück führt uns die Karte auch noch ein wenig an der Nase herum und gibt uns keine Möglichkeit, meine Schlamperei beim morgendlichen Planen in irgendeiner Form zu kompensieren. Wir fahren im Zickzack und fliehen zwischendurch mal unter das Dach einer Tankstelle, mal unter das Vordach einer örtlichen Pflegestation. Auch auf die radreisefreundlichen Öffnungszeiten der Supermärkte ist hier kein Verlass und somit fällt eine Verpflegung für das heutige Abendessen auch ins sich inzwischen überall sammelnde Regenwasser. Zu all der Ungemütlichkeit kommt tatsächlich der scheinbar unzerstörbare Humor meines Chef-Navigators. Er ist offensichtlich krank – was er übrigens ziemlich gut runterspielen kann, sodass mir gar nicht bewusst wird, wie angeschlagen er tatsächlich ist – und trotzdem nicht verlegen um ernsthaft doofe Sprüche wie: „Nur wer mal einen Tag im Regen gefahren ist, kann von sich sagen, ein echter Reiseradler zu sein.“ Oder: „Das lässt sich prima erzählen, zuhause, in ein paar Wochen. Dann lachen wir drüber.“ Äh, ‘tschuldigung, dass mich dieser Aspekt gerade kein bisschen interessiert.

In der kleinen Stadt Serooskerke lässt das Wetter dann endlich von uns ab und wir beginnen an der Erreichbarkeit des heutigen Zieles zu zweifeln. Seit der Verabschiedung von unseren beiden Münchnern Campern sind inzwischen dreiStunden vergangen und wir haben gerade einmal 22 Kilometer geschafft. Weitere 45 Kilometer sind unser beider Meinung nach illusorisch, zumal wir dringend zumindest einen Wäschetrockner bräuchten, um die ganzen durchgeweichten Klamotten wieder irgendwie nutzbar zu machen. Also planen wir kurzerhand um und entscheiden uns, nach den guten Erfahrungen des letzten Platzes, noch einmal für eine Naturkämperei in ca. 10 Kilometern Entfernung. Einmal mehr ist es überraschend, dass sämtliche Distanzen unter 30 Kilometer wie ein Katzensprung erscheinen. Und sogar 30 Kilometer und mehr wirken nicht mehr bedrohlich oder auch nur irgendwie vorauseilend erschöpfend. Und wahrlich, es ist auch ein toller Platz, der uns nach dem Durchfahren des wunderschönen, fast mittelalterlichen Örtchens Veere erwartet. Ich möchte zum Campingplatz und dann mit trockenen Füßen zurück nach Veere. Ja, vermutlich wieder mal Touri-Nep, aber die vielen kleinen Cafés und geöffneten Geschäfte wecken eine Sehnsucht in mir, wie bislang nicht einmal auf der Fahrt. Ich sehe mich schon kleine Mitbringsel erbeuten…

Bei Regen bleibt einem eben nichts anderes übrig, als den Gaskocher im Zelt anzuwerfen

Es gibt hier Natur so weit das Auge reicht, Duschen und auch ein paar Toiletten. Nur eine Waschmaschine und einen Trockener gibt es leider nicht. Aber gerade heute ist beides unerlässlich und so ziehen wir schweren Herzens wieder von dannen, um nach einem anderen Platz Ausschau zu halten. Eine Sache will ich allerdings noch wissen: Wie teuer ist diese Campingoase eigentlich? Da es hier keine klassische Rezeption gibt, sondern nur einen Automaten, an dem man seine Übernachtung buchen kann, versuche ich zumindest theoretisch einmal eine Übernachtung zu erstehen. Als der Automat von mir theoretische 37 € verlangt, falle ich fast in Ohnmacht. Dann kaufe ich lieber ein paar Kisten Krombacher und rette den Regenwald damit. Der Platz ist wirklich ein Traum. Mitten im Wald gelegen, ein Teich, der schon beinahe See ist; ein verzweigter Bachlauf, über den Holzbrücken führen; kleine Lichtungen, auf denen man sein Zelt genauso wie sein Wohnmobil stellen kann. Und dann kommt da noch dieses ziemlich alte Radler-Pärchen. Sie filmt ihn, als er auf den Platz fährt. Zwei, die mit Sicherheit seit Jahrzehnten regelmäßig mit Rad und Zelt unterwegs sind. Zu gerne hätte ich ein paar Geschichten von ihnen erfahren. Nach ein paar weiteren Versuchen, einen Campingplatz zu finden, der nicht unverschämt teuer ist, werden wir in endlich in dem kleinen, ebenfalls sehr touristischen Ort Vrouwenpolder fündig. Hier können wir für einen erschwinglichen Betrag unser Zelt aufschlagen und sowohl die Waschmachine als auch den Trockner benutzen. Der Betreiber verlangt gerade mal 22 Euro und dann ist da ja noch sein zweijähriger Schäferhund, der sich hingebungsvoll den Bauch kraulen lässt und liebevoll mein Handgelenk zwischen seine strahlend weißen Zähne nimmt und überhaupt schrecklich albern ist. Wo ein Köterkind rumrennt, da können wir uns entspannen. Trotzdem sind wir ein bisschen deprimiert. Denn dafür, dass wir gerade einmal die Halbinsel durchquert haben, haben wir insgesamt über 5 Gesamtstunden gebraucht und dabei lediglich eine Strecke von 42 Kilometern zurückgelegt. Hast du nicht gesagt, Luftlinie haben wir gerade mal 15 Kilometer überbrückt? Während wir die Wäsche waschen, kocht Tina uns aus unseren letzten nahrhaften Vorräten noch ein leckeres Abendessen und irgendwie fühle ich, dass mir die Puste ausgeht…

Zum ersten und einzigen Mal gibt es ein drei-Gänge-Menue. Gekocht im Zelt, in einem Topf. Hat geschmeckt.

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Tag 23 – von Brügge nach Dishoek



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Tag 23- von Brügge nach Dishoek

Es ist Samstag der 26.05.2018, ca. 17:30 Uhr und wir stehen mit vor Schrecken geweiteten Augen an der Rezeption eines Campingplatzes und müssen mit ansehen, wie ein 1,70m großer Hase auf der Ladefläche eines Golfwägelchens und mit ohrenbetäubendem Lärm abtransportiert wird. Nein, das ist keine Nagetierbekämpfung, das ist Tierquälerei allererste Güte!
Stunden früher.
Ich bin ziemlich angeschlagen und ein hartnäckiger Husten hält mich fest in seinem Griff. Keine gute Ausgangsposition für die anstehende Tagesetappe, die uns in Richtung des Amsterdamer Bahnhofs und damit in wenigen Tagen wieder nach Hause bringen soll. Aber die Sonne gibt sich nach ihrem gestrig eher schwachen Auftritt heute richtig Mühe und scheint uns geradezu auffordern zu wollen, wieder aufs Rad zu steigen, um Brügge zu verlassen. Gestern Abend hatten wir noch kurz überlegt, ob wir nicht doch noch den Brügger Belfried besteigen sollten, aber ich würde heute Morgen schwächebedingt lieber passen Wir hätten einen vermutlich sensationellen Blick über Brügge gehabt. Aber für insgesamt 24 Euro? Och nö. Die geplante Etappe wird schon noch anstrengend genug. Auch Tina ist nicht sonderlich gut drauf, denn eine junge spanische Dame hat ihr mit ignoranten und unfreundlichen Art ein bisschen die Laune verhagelt. Lediglich eine mittelalte Salzburgerin scheint heute Morgen noch auf unserer Seite zu stehen, wenn auch das einzige, was uns zu verbinden scheint ist, dass wir vermutlich alle drei inzwischen das inoffiziell zulässige Hostelalter überschritten haben. Hinzu kommt, dass die Spanierin gestern Abend mit einer kompletten Reisegruppe eingetrudelt ist, während wir wahrscheinlich inzwischen zu lange nur mit uns allein waren. Ich kenne Spanier als fröhlich, herzlich und zugewandt. Daher irritiert mich das perfektionierte Zickengehabe dieser Seniorita noch vor dem Frühstück – sie überprüft mehrfach schmollmundig den Sitz ihrer langen Haare im Handy, wirft mir immer wieder mit hochgezogenen Augenbrauen abschätzende Blicke zu, reagiert auf mein zaghaftes Lächeln mit Augenverdrehen. Das ganze dämliche Stutenbissigenprogramm, während ich Trockenfrüchte schnipple.

Neugierige Blicke für uns Reiseradler an diesem Samstagmorgen in einer Seitenstrasse von Brügges Innenstadt

Während Tina heute Morgen noch schlief, habe ich mich erstmals auch theoretisch mit Brügge beschäftigt und noch ein paar interessante Fakten recherchiert. Und Anderem, dass auf dem, die Ostseite der Stadt umgebenen Deich, noch einige intakte Windmühlen stehen sollen und so beschließe ich, dass unser Weg aus der Stadt heraus ein anderer sein wird, als in die Stadt hinein. Ich möchte nicht noch einmal durch das Tourigedränge, das ohne Zweifel auch jetzt um halb 11 schon eigesetzt hat, und wähle den kürzesten Weg aus der Innenstadt hinaus, auch wenn dieser der längste ist, denn man einschlagen kann, um nach Norden und damit auf den Nordseeküsten-Radweg zu gelangen. Also geht es erst einmal nach Süden, um dann die Stadt in östlicher Richtung zu umfahren. Und so kommen wir dann nicht nur an den Windmühlen, sondern auch noch am sogenannten Minnewater vorbei, auf dem zahlreiche Schwäne ihr Dasein fristen. Da ich die Legende sehr interessant finde, ernenne ich mich spontan selbst zum Stadtführer und egal, ob Tina sie hören möchte oder nicht, klugscheißere ich sie trotz des dichten Verkehrs einfach so vor mich hin. Tina musste die lange Version ertragen, ihr bekommt die kurze:
Ein Verschwörer gegen den damaligen König hieß Pieter Lanchals (auch Lankhals genannt) und als die Verschwörung aufflog, wurde er nicht nur gefoltert und geköpft, nein vielmehr hat der damalige König Brügge dazu verurteil, dass an dieser Stelle auf ewig Schwäne, oder eben Langhälse, zu halten sind. Ist zwar schon 520 Jahre her, aber die Brügger scheinen sich daran zu halten.
Ich mag ja immer eher directors-cut-versions, die ich selber nie zu Gehör bringen kann, weil ich ständig Details vergesse.

Ich weiß nicht, ob die Tina die Geschichte wirklich gefallen hat – Unbedingt! Habe nur leider schon nach 10 Kilometern wieder die Hälfte vergessen-, denn sie macht ein bisschen den Eindruck, fliehen zu wollen und beschließt auf Grund ihrer Ungeduld, nicht auf das Herablassen einer uns jetzt blockierenden Klappbrücke warten zu wollen und einen anderen Flussübergang zu suchen. Ich bin nicht ungeduldig, sondern genervt. Viel zu viele Eindrücke, zuviel Krach, zuviel Gedränge, zuviel Rücksichtslosigkeit der Autofahrer, zuviel von allem, was gemeinhin Zivilisation genannt wird. Zwar finden wir diesen, jedoch bringt er uns etwas von meinem geplanten Weg ab und somit verfehlen wir den Kanal, der uns zum Radweg bringen soll um einige hundert Meter. Trotzdem, erst einmal raus aus der Stadt und dann sehen wir weiter. Was soll schon schief gehen? Wir halten uns Richtung Norden und da kommt in wenigen Kilometern Küste und zur Küste wollen wir ja sowieso.

Eine Bootsfahrt, die ist lustig, eine Bootsfahrt, die kost’ Geld … mit 8 Euro pro Person gibts Brügge vom Wasser aus

Als ich merke, dass wenige Kilometer doch ziemlich lang sein können, erbitte ich mir einen kurzen Stopp um das Navi befragen zu dürfen und stelle fest, dass nach Norden gar nicht mal soooo richtig ist. Wir hätten eigentlich eher gen Nord-Ost gemusst. Tinas Ungeduld hin oder her, mir ist bereits heute Morgen bei der Routenplanung ein grober Fehler unterlaufen und so stehen wir jetzt irgendwo in einem Brügger Vorort und versuchen uns zu orientieren. Zum Glück kommt uns ein niederländischen Pärchen entgegen, das uns davon erzählt, in dieser Ecke schon länger regelmäßigen Urlaub zu machen. Immer, wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt ein holländische Radl-Pärchen daher. Und nein, nach Brügge fahren sie nicht hinein – zu viele Touristen. Allein heute Vormittag kommen in Seebrügge (ein offizieller Stadtteil der Märchenstadt) 2 Kreuzfahrtschiffe an, die 4000 neue potentielle Pralinenkäufer, Museumsbesucher und Straßenbefüller für einen Tagesbesuch auskotzen werden. Das muss man sich mal vorstellen: 4000!!! und das zusätzlich zu der spanischen Reisegruppe in unserem Hostel. Und okay, und auch die Reisegruppen der anderen 200 Hotels und Hostels und Pensionen. Privatzimmer noch nicht einmal mit eingerechnet. Man muss ja nur ein bisschen hilfesuchend wirken – zack! Hält jemand. An diesem Morgen steht uns die Rat- und Orientierungslosigkeit echt auf der Stirn geschrieben. Und die beiden Endsechziger haben echt Freude, uns weiterzuhelfen. Wir sollen immer geradeaus fahren und dann stoßen wir automatisch auf den LF1 Richtung Amsterdam. Wir haben uns also quasi gar nicht wirklich verfahren – wunderbar.
Um hier auch noch einmal die mühsam gesammelten Fakten wirken zu lassen:
Tina schrieb gestern das 118.000 Einwohner in Brügge leben. Das stimmt zwar, aber davon wohnen nur lediglich 20.000 in der Altstadt, die an “guten” Tagen gern einmal die doppelte Menge an Touris zu bespaßen versucht. Gründe für die „nur“ 20.000 – wir erinnern uns: Mietwucher.
Zu unserem Glück hatten die Niederländer eine Ausschilderung zum gesuchten Radweg in etwa 3 Kilometer im nächsten Ort gesehen. Wir bedanken und verabschieden uns höfflich und setzen unseren Weg immer noch in Richtung Norden fort. Und tatsächlich, nach wenigen Kilometern ist er endlich ausgeschildert: der LF1! Dieser Weg wird zwar kein leichter sein, soll uns aber ab hier innerhalb der nächsten 4 Tage bis in die Holländische Hauptstadt führen führen. LF1 bedeutet Landelijke Fietsroutes und meint den niederländischen Abschnitt des Nordseeküstenradwegs.
Sicher kann sich jeder denken, dass es sozusagen die Kernkompetenz eines Radfernweges ist, seinen Benutzer in die Verzweiflung zu treiben. Denn statt uns direkt und auf gerade Linie nach Nordosten zu führen, geht es jetzt erst einmal quer über alle Himmelsrichtung, durch uns inzwischen gut bekanntes und schmuckloses belgisches Hinterland, bis wir an dem Kanal ankommen, der uns zwei Tage zuvor in die gelobte Stadt geführt hat. “Kanäle können sie die Belgier”, geht es mir erneut durch den Kopf. Denn ab hier ist das Radfahren wieder eine große Freude, auch wenn wir nun natürlich nicht mehr auf unseren wundervollen Pappel-Kathedralen-Kanal abbiegen können. Dennoch ist das Fahren hier um einiges angenehmer als auf den zu engen Landstraßen. Wir kommen gut voran und sind bereits nach 2 Stunden in der ehemaligen Festungsstadt Sluis in den Niederlanden.
Leider will sich heute bei mir kein richtiges Fahrgefühl einstellen. Irgendwas steckt mir in den Knochen und die vorhin hochgelobte Sonne brennt inzwischen wieder erbarmungslos. Hinzu kommt ein kräftiger Ostwind, der uns die Tage zuvor wunderbar als Rückenwind diente, heute aber jeden Kilometer zu verdoppeln scheint.

Großer Spaß: Aus eigenem Antrieb bringt man sich mit dieser handbetriebenen kleinen Fähre über den Kanal

An einem Wegweiser kurz hinter Sluis müssen wir uns dann entscheiden. Fahren wir den direkten, aber vermutlich langweiligen Weg nach Breskens, von wo uns eine Fähre nach Vlissingen, unserem heutigen Tagesziel, bringen wird. Oder folgen wir dem LF1, der laut Karte mit einer Küstenführung seine Aufwartung macht? Natürlich entscheiden wir uns für den Umweg… Was ist schon ein bisschen Umweg, wenn du direkt mit Blick aufs Meer fahren kannst? Ok, menschenleerer Strand ist anders. Aber dafür kannst du junge Menschen beim Bier-Staffellauf bewundern. Was Bier-Staffellauf ist? Ich behaupte, eine typisch holländische Kombinationsdisziplin für Menschen zwischen 16 und 25. An dieser Stelle also unser Spieletipp des Tages: Zwei Mannschaften, 20 Meter Strandabschnitt, jede Menge Bier, ein Schiedsrichter. Fertig ist die sportliche Spaßaktion, die uns irgendwie auch ein bisschen Respekt abverlangt. Hey, wer rennt schon bei 32 Grad in praller Sonne barfuß um die Wette, ext eine Flasche Bier, galoppiert durch den heißen Sand zurück, schlägt ab und wartet, bis er ein zweites Mal in die Spur geschickt wird? Richtig – die Holländer.
Wir und, huch, es ist Samstag, eine Millionen anderer Radfahrer. Immer wieder landen wir so in Grüppchen voller Rentner, Familien oder sonstigen Bummlern, die sich hier eine Erholung von der anstrengenden Woche auf der Arbeit in der Schule oder beim Arzt genehmigen wollen. Natürlich zu Recht, aber des einen Freud ist eben des anderen Leid. Und so stören wir uns besonders an den E-Biker, die exakt 18 Stundenkilometer schnell über längere Strecken fahren. Sie behindern unseren Fahrfluss erheblich, denn bergauf überholen sie uns, nur um dann direkt eine Nasenlänge vor uns zu “flanieren” und bergab machen sie sich so breit, dass man nur geringe Chancen hat, im Gegenverkehr an ihnen vorbeizuziehen. Irgendwie nicht weniger ignorant als SUV-Fahrer. Sehr sehr bedenklich… Schafft man es dann doch, kommt die nächste Düne und das Spiel geht von vorn los. So erreichen wir zwar das erste Mal nach 1100 Kilometern die Nordsee, können uns aber ob des hohen Verkehrsaufkommens nur so wenig daran erfreuen, dass wir den vermeintlich schöneren Radweg nach einigen Kilometern aufgeben und den Wochenendradlern das Feld überlassen. Wir ziehen uns zurück auf die parallel zum Strand verlaufende Küstenstraße, beziehungsweise auf deren Radweg. Die hat zwar keine so geile Aussicht, aber dafür sind wir raus aus der kräftezerrenden Massenveranstaltung auf der Düne. Darf ich mal fragen, wo die eigentlich alle herkommen, dieses Touris?

Als Reiseradler muss man Verzicht üben: Freiwillig schiebt niemand vollgepackten Räder durch den Sand

Da der Radweg sich nur gelegentlich mit dem LF1 überschneidet und uns die Dünen außerdem vor dem inzwischen recht böigem Wind schützen, kommen wir somit trotz Wind und Hitze ganz gut voran und erreichen um 14.35 Uhr den Fährhafen in Breskens.
Beim Kauf der Tickets erklärt mir die nette Verkäuferin, dass wir uns beeilen sollen, denn die Fähre legt in 2 Minuten ab. Na klar, inzwischen sind wir die Ruhe selbst und werden zum hetzen gezwungen! Aber eine weitere Stunde am Hafen wollen wir dann auch nicht warten, zumal sich Mary und Robert gerade gemeldet haben, und uns auf ihren Campingplatz in Dishoek eingeladen haben. Sie schreiben auch, dass wir sogar ihre Parzelle mitnutzen können, ihr Wohnwagen benötigt ja nur wenig Platz. Da wir uns sehr über das Wiedersehen freuen, sagen wir spontan zu und ich prüfe auf der Karte die Strecke. Nur noch wenige Kilometer und der Campingplatz liegt direkt am LF1. Wenn Google ihn nicht ausdrücklich als Familiencampingplatz angepriesen hätte, wäre er perfekt. Aber es ist egal, für eine Nacht wird es schon gehen und da ich mich inzwischen schlapp und krank fühle, bin ich zufrieden, keinen weiteren Platz suchen zu müssen und vor allem, nach ein paar Kilometern das Ende des Fahrtages zu wissen.
Also legen wir einen kleinen Spurt ein, erreichen die Fähre in dem Moment, als die Männer die Leinen losmachen wollen und können uns tatsächlich noch einen Platz im Bauch des Stahlriesens sichern. Auch wenn diese hektischen Spurteinlagen immer ein bisschen doof sind, so freuen wir uns doch jedes Mal wie Schneekönige, wenn wir sie erfolgreich gemeistert haben. Ich bin total dankbar, dass auf uns gewartet wurde. Denn wenn wir ehrlich sind: Wir haben länger als zwei Minuten gebraucht.
Knapp 20 Minuten benötigt die Fähre über die Westerschelde, dem südlichsten Meeresarm der Niederlande, in dem die durch Antwerpen fließende Schelde mündet. 20 Minuten, in denen wir von voller Leistung in eine Ruhepause katapultiert werden. Und jetzt merke ich ganz deutlich, dass mir die letzten Kilometer heute sehr schwer fallen werden und so vertrödeln wir in Vlissingen auch keine Zeit, sondern setzen unseren Weg auf dem LF1 gleich nach Ankunft der Fähre unvermindert fort.
Trotz der etwas komplizierten Radwegführung quer durch den Hafen, über enge Holzbrücken, durch die halbe Stadt entlang einer Promenade, die auf Grund des herrlichen Hochsommerwetters auch an der Côte d’Azur beheimatet sein könnte, und auch ebenso vollgeparkt und überlaufen scheint, finden wir eine halbe Stunde später den Platz, der uns unser heutiges Nachtlager zur Verfügung stellen soll.
Während meine bessere Hälfte sich um die Bezahlung des Platzes kümmert, sehe ich Robert und Mary bereits Händchen halten vom Strand kommen. Passt perfekt. Tina erklärt der jungen Dame an der Rezeption, dass wir in die Nähe der beiden wollen, aber nur, wenn da keine Kinder rumlaufen. Ihr Gegenüber schaut verwirrt und meint, hier laufen überall Kinder herum. Es wäre ja schließlich ein Familienplatz. Was ich nicht bemerke, ist Tinas zerknirschtes Gesicht als sie die Rezeption verlässt. Zerknirscht? ZERKNIRSCHT?! Ich platze fast vor fassungsloser Empörung und heiliger Wut. Ich freue mich sehr über unsere beiden Bayern, und als sie uns sogar zum Essen einladen, bin ich happy.
Tina hingegen ist angesäuert. ANGESÄUERT?! Ha! Ich bin bereit zu töten! Wir müssten eigentlich dringend schreiben und ob das mit den vielen Kindern hier etwas wird, ist zu bezweifeln. Außerdem schlägt der Campingplatz mit 38€ für eine Nacht zu Buche und daher alles bislang dagewesene. In Worten achtunddreißig. Begründung: Man muss nur über die Straße hopsen, die Düne hoch – und schon ist man an der Nordsee. Na ja, dann. Auch hier gelten die üblichen Immobiliengründe für die Preisfindung: Die Lage – die Lage – die Lage. Als sich jetzt auch noch eine junge Dame im 1,90 m großen Hasenkostüm auf die Ladefläche eines Golfwägelchens platziert um mit Kinder-Party-Musik die Kleinen zum gemeinsamen Spielen zu animieren, klappt uns endgültig die Kinnlade herunter.
Aber Mary und Robert kümmern sich rührend um uns und bewirten uns mit frischen Kartoffeln, Steak und Soße und Salat. Unsere bayerischen Reisefreunde sind so lang und schlank wie wir eher mittelgroß und… naja, wohlgenährt sind. Unfassbar, dass Mary und Robert ihre vier Steaks, die zusammen nicht mal 200 Gramm auf die Waage bringen, mit uns teilen. Es gibt sogar Servietten und Wein zum Essen. Wir sitzen so bequem auf den Polstern des Wohnwagens, den sie liebevoll Knutschkugel nennen, dass ich am liebsten gar nicht mehr aufstehen würde. So gestärkt gehen wir nach dem Essen an den Strand um das erste Mal auf der Tour die Nordsee in Ruhe zu begutachten. Abschließend schaffen wir es tatsächlich noch ein paar brauchbare Texte zu schreiben. Ich hätte gerne einen gigantisch-romantischen Sonnenuntergang mit explodierenden Farben und so. Wird nix. Zwar wandere ich barfuß durch den Sand und durchs Wasser, aber die Sonne geht erstens hinter uns unter und zweitens mehr als unspektakulär. Deswegen gibt’s auch kein Sonnenuntergang-an-der-holländischen-Nordsee-Selfie. Nicht etwa, weil Christian den Deppenzeppteneinsatz boykottiert, wo es nur geht.

Der einzige Sonnenuntergang am Meer war weniger spektakulär als erwartet, aber dennoch wunderbar romantisch

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Tag 18 – von Keersop nach Antwerpen



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Tag 18 – von Keersop nach Antwerpen

Über sich hinauswachsen – check. Mit dem heutigen Tag erledigt. Und zwar mit Bravour, wenn ich das ohne falsche Bescheidenheit mal sagen darf. Aber ich will nicht vorgreifen.
Wir verlassen unsere Campingbucht „De Meeres“ gegen 9.30 Uhr. Vorher reiße ich mir noch den abgelaufenen Chip, der mich bis jetzt viel zu genau mit aktuellen Zuckerwerten versorgt hat, vom linken Oberarm. Die erste katastrophale Erkenntnis des Tages: Ich werde nicht nahtlos braun nach Hause kommen. Weil dieses verdammte Leukoplastpflaster, das mir die Apothekerin hinter Minden großzügig über den Sensor geklebt hat, nicht UV-durchlässig ist. Skandalös! Damit ist meine Entscheidung vom Vorabend bestätigt: Kein neuer Sensor mehr am Oberarm! Den Rest der Reise werde ich meine Zuckerwerte wieder wie in den vergangenen 18 Jahre testen: Per Stechhilfe und Teststreifen. Ja, ist unbequemer, aufwendiger und vor allem nicht während der Fahrt zu erledigen. Ja, das pieksen in die empfindlichen Fingerkuppen ist jedes Mal schmerzhaft. Trotzdem. Und an dieser Stelle möchte ich vorgreifen: Ab diesem Morgen normalisieren sich meine Werte. Und damit entspanne ich mich in schwindelerregender Geschwindigkeit, meine Laune verbessert sich erheblich. Erkenne: Zu häufiges testen der Zuckerwerte macht nervös und übellaunig. Ein mediales Phänomen, welches auch von Smartphones bekannt ist. Haste eines, guckste ständig drauf. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich auch nicht ganz unschuldig an den Zuckerdramen bin. Wann immer möglich, habe auch ich das kleine glänzende Gerät an Tinas Arm gehalten, um dann auf diesem wunderbaren Touchmonitor eine Zahl zu erkennen, durch die ich auf Tinas Zustand schließen konnte… vorbei die schöne Zeit. Aber tatsächlich, ohne die ständigen Messungen gibt es auch kein schnelles Reagieren auf ansteigende oder abfallende Zuckerwerte mehr und das bringt viel Ruhe ins Zuckerdrama. Tina hat heute Morgen eine der elementarsten Entscheidungen der Tour einfach so aus dem Bauch heraus getroffen. Gut gemacht!

Der Blutzucker-Sensor war zwei Wochen mit Leukoplast angeklebt – nahtlose Bräune adé.

Runter vom Campingplatz, links auf den Radweg. Es dauert, bis ich den richtigen Rhythmus finde und nach drei vergeblichen Anläufen finden wir endliche eine Tankstelle, an der wir eine Straßenkarte der Niederlande kaufen können. Und eine halbe Stunde später passieren wir auch schon das blaue Schild mit den goldenen 12–EU-Sternen-Kreis, in dessen Mitte in weißer Schrift „België“ steht. Wir küssen uns grenzüberschreitend. Wir sind jetzt in Vlaanderen, wie ein weiteres gelbes Schild mit stilisiertem Löwen erklärt und noch einige Meter weiter wird schriftlich behauptet: „De provincie Antwerpen heet u welkom“. Scheint nicht so, als müsste ich meine rudimentären Französischkenntnisse rauskramen. Trotzdem suche ich während der Weiterfahrt nach den entsprechenden höflichen Frage-Formulierungen bezüglich eines Platzes für unser Zelt, wahlweise für ein Fremdenzimmer. Overigens vond ik niet dat de provincie Antwerpen ons had verwelkomd.
Der richtige Tritt-Rhythmus stellt sich endlich ein, es geht über Feld- und Waldwege, zunächst nicht spürbar schlechter als in den Niederlanden. Da stoppt Christian plötzlich. Ein graues Kraftpaket, locker 69 Zentimeter Schulterhöhe, mit altersweißer Schnauze, tiefer Stimme, wild wedelnder Rute und dem Anspruch, Haus und Hof laut bellend zu verteidigen, versperrt meinem vorausfahrenden Christian den Weg. Zuversichtlich, dass nichts passieren wird, fahre ich betont entspannt an dem kläffenden Hund vorbei, ohne auch nur eine Sekunde ernsthaft zu befürchten, er könne mir in die Wade beißen. Erstaunlich dieses Grundvertrauen in das Gute im Hund. Ich bilde mir eine Menge darauf ein, 13 Jahre lang „Hundemutti“ gewesen zu sein. Vielleicht zu viel? Hochmut kommt schließlich vor dem Fall, schießt es mir deswegen auch durch den Kopf, aber ich verdränge den Gedanken sofort wieder. Ein bellender Hund beißt nicht. Weiß doch jeder. Und der hier schon gleich gar nicht. Ganz bestimmt. „Alles gut, entspann dich“, sage ich dennoch freundlich, ohne daran zu denken, dass der Vierbeiner möglicherweise kein Deutsch versteht. Meine betont selbstbewusste Haltung überträgt sich zu meiner Irritation nicht auf Christian. Der steht, die Beine von den vorderen Packtaschen wenigstens einigermaßen geschützt, und scheint auf ein Wunder zu hoffen. Aber nein, der Hund wirft sich ihm nicht zu Füßen oder löst sich gar in Luft auf. Er bellt munter und laut und durchaus energisch. Wäre ich weniger Hundeerfahren, ich würde laut brüllen vor Angst. So gebe ich mich überlegen und versichere Christian mehrfach, dass der Hund ihm nichts tun wird. Dass der nur freundlich sein Revier markiert. Naja, der krawallgebürstete Rüde rennt dann doch ein paar Meter Zähne fletschend und sehr laut bellend neben uns her und mein wunderbarer Tourguide ist stinksauer und zetert einige hundert Meter lang über die Frechheit, dass so eine Bestie frei rumlaufen darf, freundliche Radwanderer aus dem Nichts heraus so energisch bedroht. Im Normalfall habe ich keine Angst vor Hunden, nur scheint mir die Kombination Fahrrad und Dorfköter echt ein bisschen problematisch. Aber der glimpfliche Ausgang der Situation fließt auch in meinen Erfahrungswertebogen ein und schmälert die fiesen Angriffe in Serbien, der Türkei und Griechenland. Mal ganz ehrlich, liebe Hundebesitzer: Haltet eure Bestien doch einfach innerhalb geschlossener Zäune und weg von öffentlichen Straßen. Mit Sätzen wie: “Der tut nix”, kann ich als unwissender Fahrradfahrer nichts anfangen, denn ich kenne euren Hund nicht und weiß eben nicht, ober er bloß aus Angst oder Revierverhalten kläfft oder ob er sich gerade mit Leichtigkeit von der schweren Eisenkette losgerissen und durch den Natodraht gebissen hat, um auf die Straße zu kommen; um nach dem halben Rind zum Frühstück jetzt noch einen Radfahrer als Zwischenmalzeit zu verspeisen. 

SO muss ein Grenzübergang aussehen! Hätten wir gewusst, was uns erwartet, gelächelt hätte ich nicht.

Um Christian vom Schrecken abzulenken, lästere ich jetzt über die scheußlichen kleinen Häuser, die vereinzelt unseren Weg säumen. Lieblos, grau, halbfertig oder halbverfallen, das lässt sich im Vorbeifahren schwer sagen. Wir sind auch nicht so wahnsinnig begeistert von der Landschaft und verfallen schnell wieder in schweigendes Treten. Kurz darauf versperren uns Hühner den Weg – sie gackern in einer Dreiergruppe über unseren Weg und lassen sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Auf Christians Klingeln reagieren sie mit gelassenem Trippeln von links nach rechts. Einzig ein ziemlich zerrupft aussehender Hahn bleibt wie angenagelt mitten auf der Straße stehen. Ich stoppe, will wissen, ob mit ihm alles in Ordnung ist. Ist es nicht. Dem schwarzen Federvieh fehlen nicht nur die schmückenden Schwanzfedern, sondern auch das linke Auge. Hier bekommt der flotte Spruch, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, einen bitteren Beigeschmack. Der einäugige Hahn wirkt krank und verloren und unser Mitgefühl mit dem armen Gockel hält lange an.

Stoisch bleibt dieses Federvieh mitten auf dem Radweg stehen. Dann erkennen wir: Es ist blind…

Wir erreichen einen Kanal, der für die kommenden Stunden unsere Route bestimmen wird. Wieder stoppt Christian unerwartet. Dieses Mal mit strahlenden Augen und der Bitte, unbedingt ein Foto zu machen. Die Rede ist von einem „Aardbeien-Automaat 7/7“. Nach Brot- und Kartoffel-Automaten ist das hier neu für uns beide: Sieben Tage die Woche werden hier in 250 Gramm-Schachteln für 4 Euro erntefrische Erdbeeren verkauft. Und offensichtlich mit Erfolg. Denn während wir noch vor dem Automaten stehen und staunen, kommt eine ältere, kurzhaarige Bäuerin in Jeans, T-Shirt und Schürze. Sie schiebt eine Art Service-Wagen mit Stiegen voller abgewogener Erdbeeren vor sich und bestückt den Automaten. Wir nicken einander freundlich zu. Da sie kein Deutsch spricht, Christina aber großartig im dechiffrieren fremder Worte, sagt er „camping“ und „Brügge“ und sie nickt beeindruckt und wünscht uns gute Fahrt (glaube ich zumindest). Wir ziehen keine Erdbeeren, weil wie sie gleich essen müssten. Wollen wir in dem Moment nicht, also geht’s weiter, immer am Kanal entlang. Also ich will schon. Aber nicht weil ich Erdbeeren essen möchte, sondern offenbar habe ich einen Hang zur Automatenspielsucht. Ich möchte hiermit den anderen Zockern mal raten, nur noch solche Automaten zu bespielen. Die Erfolgsquote liegt bei annähernd 100%. Und dieser Weg ist abgrundtief hässlich. Soviel versammelte Scheußlichkeit, Kilometer um Kilometer, das drückt ein bisschen auf die Stimmung. Industrie rechts und links des Wassers. Wir passieren einen Frachter, der Christian heißt, und irgendwann gibt es einen Kick: Die Kombination Rückenwind und schnurgerade Strecke sorgen plötzlich für ungeheuren Fahrspaß. Wir treten in die Pedale, liefern uns kleine Wettrennen. Die Laune steigt und ich grinse breit – 32 Zähne, alle oben – und rase mit 32 Km/h an meinem Liebsten vorbei. Der grinst zurück, holt mich ein, wir fahren nebeneinander und genießen das Tempo. Ich brülle übermütig: „Wenn das so weitergeht, können wir ruhig bis Antwerpen fahren.“ Bei Kilometer 78 pausieren wir kurz an einem Umspannwerk, an dem das Rauchen verboten ist. Umspannwerk, Gasverteilstation, wer kennt da schon den Unterschied. Aber die Techniker in Belgien scheinen im Gegensatz zu den Landschaftsgestaltern – die Bänke für müde Touristen aufstellen, oder eben nicht –  einen guten Job zu machen, denn undicht war offensichtlich nichts. Und eine kleine Funktionskontrolle hat noch niemandem geschadet… glaub’ ich jedenfalls. Ich rauche übrigens überhaupt nur wegen der Automaten, is’ klar, ne? Während er nach einem Campingplatz sucht, steckt sich Christian eine Kippe an, passiert uns eine Gruppe von 25 E-Bike-Radlern im hohen Rentenalter, haben wir bereits gefühlt 25 Brücken links liegen gelassen und entscheiden, wir verzichten auf den ursprünglich geplanten Campingplatz und fahren weiter bis Antwerpen. Sind ja nur noch knapp 20 Kilometer. Mich piekst der Hafer und ich bin so voller Kraft und Adrenalin und Lebensfreude, dass ich es wahrhaftig auf 34,7 Km/h bringe. Auf gerader Strecke! Ein lauter Juchzer brodelt in mir, will raus – ich lasse ihn und balle dabei die Faust. Dieser Moment ist unbeschreiblich.

Fangfrische Erdbeeren, 250 Gramm für 4 Euro – da lacht das Herz, aber das Portemonnaie bleibt zu.

Dann erreichen wir tatsächlich Antwerpen. Und sind schockiert. Mich erinnert dieser Teil der Stadt an die frühen 80er Jahre, wenn wir durch Berlin nach Warnemünde fuhren. Christian bestätigt das bedrückende Ostblock-Flair. Zu allem Überfluss zieht sich der Himmel zu, wird erst Taubenblaugrau, dann Schieferschwarz und es beginnt zu regnen. Wir stellen uns unter, neben einem kleinen Supermarkt, aus dem mehrere Afrikanerinnen mit heulenden Kleinkindern herauskommen und uns mitleidig angucken. Wir warten auf das Ende des Regens, doch der Himmel ist Gewitterwolkig und es grummelt. Immerhin, der Regen wird weniger, es ist warm genug, um ohne Regenjacke fahren zu können. Christian lotst uns souverän durch die Stadt, die immer scheußlicher, dreckiger, lauter, stinkender und bedrohlicher zu werden scheint. Es sind keine Frauen zu sehen, nur an geschlossenen Läden hockende und rauchende Männer mit leeren Blicken, Männer in Grüppchen stehend, gehend oder sitzend. Graffiti übersähte Häuserwände, schmutzige, enge Gehsteige. Verfallende Gebäude. Alles atmet Armut und ich frage mich ratlos, wo ist der Teil von Antwerpen, von dem so viele Menschen schwärmen? Während wir abwechselnd über Kopfsteinpflaster, holperige Gehwege und dann wieder rissigen Asphalt unseren Weg suchen, bete ich die ganze Zeit, dass wir nicht überfallen und ausgeraubt werden. Dabei werden wir nicht mal neugierig angesehen. Trotzdem bin ich froh, als wir endlich raus sind aus dieser bedrückenden Bronx und uns an der Schelde wiederfinden. Dem Fluss, der Antwerpen teilt. Und der keine Brücken hat, um den Schiffsverkehr nicht zu behindern.
Es ist ein wildes Gewusel auf dem kombinierten Fußgänger-Radweg. Der Himmel ist immer noch bedrohlich grau und es grummelt. Inzwischen blitzt es auch und ich werde ungeduldig vor Angst. Bei Blitz und Donner auf dem Rad? Lässt das Herz zwar höher schlagen – aber ganz sicher nicht vor Begeisterung. Christians Navi behauptet, es gäbe eine Brücke. Wir fahren vor und wieder zurück, vorbei an denen das Ufer säumenden und alten musealen Booten Schutz bietenden Hallendächer. Endlich wird klar: Die angebliche Brücke ist der 931 gebaute und 1933 eingeweihte Sint-Annatunnel. Wir überqueren die Baustellen verengte Straße während einer Rote-Ampel-Phase und dann erleben wir die abenteuerlichste Fahrt dieser Reise: Über zwei hölzerne Holzrolltreppen geht es 31 Meter in die Tiefe. Die schwer bepackten Räder verkantet, beide Bremsen gezogen, holpern wir bis zum Tunnelboden, der einen Durchmesser von 4,30 Metern hat und 572 Meter lang ist. Es ist ziemlich kalt hier unten, man darf als Radfahrer nicht schneller als 5 km/h fahren. Aber nachdem ich sehe, wie die anderen Radler in die Pedalen treten, hält mich nichts mehr davon ab, so schnell wie möglich diesen maximal 12 Grad kaltem schnurgraden Tunnel zu durchqueren. Für den Weg zurück ans Tageslicht nutzen wir dieses Mal den Lastenaufzug, den maximal 40 Personen gleichzeitig nutzen dürfen und der seit den 1990er zum Großteil von den Radfahrern genutzt wird. Sieht ein bisschen so aus, als würden nur doofe Touris mit ihren (vollgepackten) Rädern die historischen Rolltreppen nutzen. Jeder, der mal eine Reise nach Antwerpen wagt, sollte einmal diesen Tunnel benutzen. Das macht wirklich tierischen Spaß.

Kraft und Konzentration braucht es bei diesem Abenteuer: Die Holzrolltreppe im Sint-Annatunnel
Ein bisschen gruselig, schnurgerade, beinahe 600 Meter lang und sehr sehr kalt: Der Sint-Annatunnel

Kaum haben wir die Straße betreten, beginnt es wieder zu regnen. Es sind noch zwei Kilometer bis zum Campingplatz, der mitten im Hafengebiet liegt. Voller Hoffnung, dass der Blitz uns nicht in letzter Minute erschlagen wird, folge ich Christian. Die Schranke am Campingplatz umfahren wir. Im Pförtnerbüro sitzt niemand. Ich rufe bei der angegebenen Nummer an und rechne damit, dass ich jetzt aber in französisch unser Begehr formulieren muss. Denkste, die nette Dame am anderen Ende der Leitung spricht mit herrlichem Akzent und damit in perfekt verständlichem Englisch. Wir mögen uns einen Platz aussuchen und dann morgen bezahlen. Während ich telefoniere, scharwenzelt eine bunte Katze um mich herum, eine rothaarige macht es sich auf einem der gepolsterten Sitze vor dem Büro gemütlich und kommt Christian durch den leichten Nieselregen zu mir – er hat bereits einen Platz für uns ausgesucht.
Wir bauen das Zelt auf. Die Stimmung ist dem Wetter entsprechend angepasst. Ich koche aus Resten unser Abendbrot, wir essen schweigend und dann gratuliert mir mein Herzensmann zu 94,91 gefahrenen Kilometern. Reine Fahrzeit an diesem Tag: 5 Stunden, 17 Minuten. Und als ich später in den Waschräumen einer wildfremden Frau beim Zähne putzen von dieser persönlichen Höchstleistung erzähle, wird mir bewusst: DAS heute war die bisher größte sportliche Leistung meines Lebens. Ein cooleres Geschenk hätte ich mir zu meinem morgigen Geburtstag kaum selber machen können. Übrigens verquatschen sich die fremde Bayerin und ich uns. Sie kann nicht glauben, dass eine Reiseradlerin ernsthaft von Potsdam nach Brügge im Kleid fährt und darüber hinaus auch noch einen Lockenstab im Gepäck hat. Echt nicht? Tue ich und habe ich. Bei allem Pragmatismus: Ein bisschen Eitelkeit muss sein.
Und währenddessen stolpern ein fremder Bayer und ich zombiegleich über den Platz und suchen unsere Frauen, treffen uns vor dem Damenklo, atmen erleichtert auf, als wir die Hühner schnattern hören, wünschen uns eine gute Nacht und gehen schon mal schlafen.

Nach dem Gewitter über Antwerpen: Blick vom Campingplatz au den Hafen

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Christian

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Tag 17 – von Arcen nach Keersop



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Tag 17- von Arcen nach keerson

Gut gelaunt geht es nach dem gestrigen Ruhetag wieder auf die Straße. Nachdem ich ja die offizielle Morgenfütterung vom Vortag verschlafen habe, bin ich begeistert von dem mehr als reichhaltigen und liebevoll arrangierten Frans-Frühstück. Neben dem Glas O-Saft und frischen Erdbeeren, Joghurt, gekochtem Ei, Wurst-, Käseteller und Tomaten-Gurken-Teller gibt es für jeden vier Brötchen und zwei Crossiants!! Liebe B&B’s / Pensionen in Deutschland: SO geht Service. Und Frans hat uns auch noch großzügige Streifen Alu-Folie und einen Brotbeutel hingelegt mit der Bemerkung, wir sollen uns Brötchen für die Tour schmieren. Ach, Frans, du gute Seele. Als ob du geahnt hast, dass diese Käsestullen am späteren Nachmittag quasi unsere Beziehung retten werden. Wer noch definitiv zu erwähnen ist: Das Pärchen neben uns am Frühstückstisch, das sich mit den Worten vorstellt, gemeinsam 140 Jahre alt zu sein. Sie sehen keinen Tag älter als 125 gemeinsame Jahre aus. Sehnsüchtig schiele ich zu ihrem Brötchenkorb, denn sie haben zwei von den dunklen, rustikalen Baguette-Brötchen, wir leider keines. Der winzige Fressneid hält die komplette Futterstunde und wäre auch am Ende belohnt worden, wenn ich mich letztlich nicht zu sehr geschämt hätte, das angebotene Baguette zu nehmen. Weil, ich habe nämlich vorher unseren fast unberührten Wurstteller rübergereicht. Und damit eine freundliche Gegengeste quasi provoziert. Was soll’s. So ein bisschen Verzicht üben kann eigentlich nicht schaden. Die beiden Niederländer jedenfalls tauen sehr schnell auf. Die männlichen 70 Jahre sprechen sehr gut Deutsch – hat er in den 1960er Jahren als Pfleger bei seinem einjährigen Berlinaufenthalt gelernt. Als die Mauer gebaut wurde, musste er zurück in die Niederlande und wiederholt einige Male in leichtem Singsang, er habe noch einen Koffer in Berlin. Wir vermuten, dass er seinen Traum, nochmal nach Berlin zu fahren, in diesem Leben nicht mehr realisieren wird. Einfach weil er lieber regelmäßig zu Frans fährt. Was wir durchaus verstehen, denn Arcen ist ein reizendes Städtchen (Frans sagt, es sei Dorf). Während er erzählt, fallen ihm immer mehr deutsche Worte ein, was ihn offensichtlich entzückt. Nachsichtig, dabei durchaus sehr liebevoll wird er von seiner Frau belächelt, die sich aus dem Gespräch weitgehend zurückhält. Nicht etwa, weil sie weniger gut deutsch spricht, sondern weil sie mit großem Genuss auch noch größerer Langsamkeit ein drittes Milchbrötchen mit Butter und Marmelade kaut. Herrgottnochmal, sind die Beiden reizend. Sie bewundern unsere bisherige Fahrleistung und weiteren Pläne mit mehr als großen Augen und noch größerem Respekt. Und wünschen uns zum Abschied eine gute und sichere Fahrt. 

Schön per Fähre über die Maas. Es ist heiß, es duftet nach Rosen und die heutige Route ist nur grob klar.

Frans zu begegnen war einer dieser wunderbaren Zufälle, die es ja genau genommen nicht gibt. Wir empfehlen JEDEM sich wenigsten für eine Nacht im Café B&B Rayer Catering, Diner en Meer, Kerkstraat 2Qa Am Arcen einzuquartieren. Wir holen uns bei Frans noch ein paar Tipps für die Niederlande ab und starten die Strecke mit unserer ersten Fährfahrt über die Maas. Eine kleine elektrische, nur von Solarzellen angetriebenen Fähre, transportiert lediglich Radler, oder, wie sie in den Niederlanden heißen, Fietsen und Fußgänger. Heute ist Sonntag und die Niederlande sind geschlossen auf irgendwelchen Zweirädern unterwegs. Sind es keine Fahrräder (Fietsen), sind es eben Motorräder (Bromfietsen) oder irgendwas dazwischen. Auf jeden Fall sind es Tausende, denen wir heute begegnen und das Wetter lädt auch dazu ein.

Keine fünf Minuten per Elektrofähre dauert es, die Maas zu überqueren. Kosten pro Person: 1 Euro

Unsere erste Etappe führt uns nach Horst. Ich habe noch keine Karte für die Niederlande und nur mit dem Navi wird das ein schwieriges Unterfangen. Die Radwege sind hier nur selten mit Stadtnamen bezeichnet, sondern tragen nicht ganz nachvollziehbare Nummern. Es wird noch ein paar Tage dauern, bis ich das System der Knotenpunkte durchschaue und mich vor allem damit anfreunde. Aber auch wenn Supermärkte am Sonntag geöffnet haben, einen offenen Buchladen haben wir nicht gefunden, um eine Radkarte unserer holländischen Freunde zu erwerben. Uns fällt aber auf: In den Niederlanden sind die meisten Lebensmittel teurer als in Deutschland. Auch Benzin und Tabak –  ICH bin ja seit sechs Kilo Nicht-Raucher. Mir also wampe .. äh, wumpe – kosten hier mehr als bei uns und umso mehr verwundert mich die Tatsache, dass die Niederländer durch die Bank weg sehr freundlich und aufgeschlossen sind. Liegt es am Radfahren oder an den wenigen Bergen? Die rauchen einfach weniger. Egal, es ist so und es ist gut so, denn wir fühlen uns auf Anhieb sehr wohl und herzlich aufgenommen. Die Orangjes sind ein zutiefst fröhliches Volk – weil sie mit Maxima und Willem Alexander und den drei Töchtern, die alle mit A heißen, eine fröhliche Königsfamilie haben.

Sonntags in der Fußgängerzone von Horst: An jeder Ecke gibt es Eis, aber keine Fahrradkarten.

Trotzdem kommt es im Laufe des Tages zu einem meiner berüchtigten Frustanfälle, denn wer sich hier nicht elektrisch oder mit Körperkraft fortbewegt, tut es scheinbar mit dem Motorrad. Ich muss mich erst einmal daran gewöhnen, dass Mopeds und Mofas auf niederländischen Straßen nichts zu suchen haben und wir uns die heute ohnehin überfüllten Radwege oft mit ihnen teilen müssen.
Machen wir uns mal nichts vor, mein Schatz. Du wirst garantiert bis zum letzten Tag der Tour Schimpf und Mordio zetern, wetten?
Mir persönlich sind diese Gefährte zu laut. Das schnelle Hochdrehen der Motoren und der brubbelige Sound mögen Mitsechziger ja toll finden, mich hingegen nervt es zunehmend und so kommt es wie es kommen muss: Ich werde mal wieder launisch.
Ich wusste nicht, dass ein Gebrülltes “warum?” genauso agro klingen kann wie “Verfluchte Scheisse”. Tina stoppt daraufhin unsere Karawane und füttert mich erst einmal mit Frans-Stullen, die auch sofort Wunder wirken. Offensichtlich werde ich mit zunehmendem Hunger echt unausstehlich.
Ach, was? Es liegt gar nicht an den Bromfietsen?
Aber wer weiß schon, wozu dieses beidseitige Wissen in unserem Beziehungsleben noch gut ist. Meine Stimmung ist schnell wiederhergestellt und so kann auch ich mich auch endlich an den schönen niederländischen Orten erfreuen, so wie Tina es schon den ganzen Tag tut. Ja, zugegeben, diese Niederlande scheinen, zumindest nach dem ersten Fahrtag, durch und durch lebens- und liebenswert zu sein.
Und dann waren da noch diese beiden Animalfarms. Also eigentlich ganz traurig, wenn man es genau betrachtet. Aber oberflächlich besehen ist es hinreißend, die ewig lang bewimperten Augen der Rehe zu sehen und noch hinreißender finde ich die frisch von ihrem kuschelweichen Fell befreiten Alpackas, die mit ihren langen Hälsen und ebenfalls lang bewimperten Kugelaugen verzückte Seufzer in mir auslösen. Übrigens, sowohl die Bambis als auch die Alpaccas trafen wir direkt vor America. Und ich verzichte jetzt auf den Kalauer, der einem eigentlich auf der Zunge liegt, sondern protze mit Christians Wissen, das er von Frans hat: America bedeutet auf Holländisch oder Flämisch oder Mittelhochdeutsch “An der Heide”. Die Botaniker unter uns wissen, dass Heide auch Erika heißt.

Latent hysterisch und dabei sooooo entzückend: Familie Alpacka, kurz vor America

Heute machen wir mehr Pause, als dass wir fahren, und so kommen wir auch erst sehr spät an unserem Campinplatz an. Ich mag unser trödeliges, entspanntes fahren, obwohl ich von Harrys und Meghans Hochzeit quasi nichts mitbekommen habe. Offensichtlich bin ich trotz der körperlichen Anstrengung ziemlich gleichgültig was internationalen Glamour-Gossip angeht. Wir reden hier immerhin von DER Adelshochzeit des Jahres. Sogar die Beckhams waren da, Elton John sowieso, und George und Amal Clooney – das immerhin habe ich mitbekommen. Hab schon dem Harry seine Mutti Diana damals beim Ja-Wort aufs Kleid geschielt.
Wir bauen das Zelt auf, lassen noch schnell einen kräftigen Regenschauer über uns ergehen und gehen zur Feier des heutigen, wirklich schönen Tages noch richtig lecker essen. Ähm… Sind wir nicht eigentlich essen gegangen, weil es zu nass war, um sich zum kochen irgendwo hinzusetzen? Und “lecker” finde ich auch ein großes Wort für einen durchschnittlichen Salat und einen frittierten Bürger an Pommes.

Yes, we did!

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Tag 14 – von Wesel nach Altfeld



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Tag 14- von Wesel nach Altfeld

Superlative. Wer hat die eigentlich erfunden? Und: Wozu braucht es die noch mal genau? Ja, richtig, um den Größenwahngeiern eine Plattform zu bieten. Damit die dann später angeben können: Ich fraß das größte Schnitzel. Ich habe den größten Wohnwagen oder eben: Ich war auf Deutschlands größtem Campingplatz. Der liegt übrigens auf einer Insel mitten im Rhein und ist so überflüssig wie ein Kropf. Wir könnten jetzt natürlich mit Zahlen, Daten, Fakten um uns werfen – aber mal ganz ehrlich, wen interessiert es, ob Jürgen Ich-bin-der-König-von-Mallorca-Drews und diverse DSDS-Nasen hier ihre nichtssagenden Schlager trällern?
Ok, Preismäßig ist der Platz Grav-Insel mit seinen 2000 Stellplätzen (in Worten: Zweitausend! Absurd!) bislang ungeschlagen: Gerade mal 11 Euro hat uns Bernd mit dem trocken-herzlichen Humor pro Nacht berechnet. Duschen kostet nicht extra. Trotzdem verweigere ich am Morgen nach einer ungemütlichen Nacht auch hier den geplanten Ruhetag und Christian ist mehr als einverstanden. Es ist stürmisch, kalt. Um meinen Schlaf nicht zu stören, sitzt mein tapferer Navigator bei gefühlten Minusgraden im Vorzelt, plant unsere nächste Etappe. Ich habe die Augen noch nicht ganz auf, als ich ihn anranze: Hier bleibe ich nicht, wir fahren. Wer ist schon zu liebevoller Kommunikation in der Lage, bei 11 Grad, grauem Himmel, Sturm und dem Wissen, dass die Toiletten knapp 350 Meter entfernt sind? Und wenn du duschen willst, brauchst du entweder flotte fünf Minuten zu Fuß oder fährst eben 504 Meter mit dem Rad – und wir sind im vorderen Drittel des Campingplatzes. Nur, um noch mal zu veranschaulichen, von welch irrsinnigen Dimensionen wir sprechen. Der Frust speist sich aus dem Wissen, dass dies nun schon der zweite Platz ist, der für die dringend notwendige Erholungsphase, sprich für einen entspannten Ruhetag, nicht taugt. Jammern hilft nicht. Ruff uff den Drahtesel und ab geht er, der Peter. Aller guten Dinge sind schließlich drei. (Es ist schon spannend, wie unterschiedlich Campingplätze hierzulande sind. Inzwischen haben wir geglaubt, alles schon einmal gesehen zu haben. Aber weit gefehlt. Wesel ist in allen Belangen EXTREM. Im Gegensatz zu Tina war ich als Kind nie campen, kann mich aber sehr gut an die teilweise sehr einfache Ausstattung in Osteuropa erinnern. In Wesel sind die Duschen groß genug, um mit dem Elektrorollstuhl hineinzufahren, was wahrscheinlich den Bedürfnissen deutscher Camper zunehmend gerecht wird. Aber besser wird der Campingplatz dadurch auch nicht. Hier ist eine Kleinstadt in der Nähe einer inzwischen fast unbezahlbaren Stadt gegründet worden. Und das, obwohl die Lage im Rhein durchaus nicht die beste zu sein schein. Immer wieder gab es im Laufe der Bestandszeit Überflutungen und der für uns zuständige Platzwart lächelt lediglich, als wir ihm gegenüber den Wind ansprechen und meint ¨Das ist hier immer so¨. Nein, für einen Ruhetag taugt dieser Platz absolut nicht und ich beginne mich zu fragen, warum so viele Menschen in diese Slums ziehen.)
Eigentlich wollen wir uns die 11 Euro für die zweite Nacht und die drei Euro für das nicht genutzte WLAN zurückholen. Drei Euro für 24 Stunden – das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie finanzieren das eigentlich die Dauercamper? Blöderweise sitzt an diesem Morgen nicht unser neuer einbeiniger Freund (er hat einen Bruder und der wohnt in Potsdam. So was verbindet in der Fremde natürlich ungemein) in der Schaltzentrale. Ein brummeliger (weil übermüdeter?) Zausel um die 68 verweist auf die Verwaltung, die aber erst 17 Minuten später besetzt wäre. Zu gereizt, um bis 10 Uhr zu warten, beschließe ich den Aufbruch – ohne Diskussion.

Eigentlich müssten wir jetzt zurück nach wie-heißt-der-Bürgermeister-von-Wesel?-Esel!-Wesel, um dann weiter fahren zu können. Ach, man muss dem geliebten Routenplaner nur mit sanfter Bestimmtheit erklären, dass man überhaupt gar keinen Bock auf die sieben Kilometer zurück hat, als Totschlagargument wirkt wilder Rückenschmerz ja sowieso immer und wenn man dann mit einem grimmigen Gesichtsausdruck andeutet, dass die Stimmung sowieso kurz davor ist, in den Abgrund zu stürzen, da taucht aus dem Nichts eine Fähre auf, mit der man über den Rhein setzen kann. Na, also. Geht doch. 

Heftiger Gegenwind, grauer, wolkenverhangener Himmel, kleinköpfige Margeriten, die sich rechts und links neben dem historischen Postdeich biegen, dem Plüstern sich entgegenstemmende, frisch geschorene Schafe, kaum weitere Radler und – Hunger. Es gab nicht mal Tee, weil? Richtig, weil’s zu stürmisch ist. Eine Zumutung, jawohl! Eine Zumutung, nach all den wunderschönen, sonnigen, entspannten Touren. Eben war noch Sommer, jetzt ist schon wieder Herbst? Ja, was stimmt denn mit dem Wetter hier nicht? 


Als wir gefühlte 20 Kilometer später endlich die Fähre erreichen, hält gerade ein Golf mit Fahrradanhänger. Quietschfiedele Grauköpfe – vier Pärchen – schnattern fröhlich durcheinander, freuen sich auf ihre Tagestour, und während die Herren der Schöpfung die Räder vom Hänger hieven (natürlich nur schicke E-Bikes), übertrumpfen sich die Damen gegenseitig mit ihren für den Tag vorbereiteten Verpflegungsboxen. Meine Laune sinkt derweil ins Bodenlose. Die Fähre fährt täglich – außer Donnerstags. NATÜRLICH ist heute Donnerstag. Ich fasse unser Pech nicht und bin zu frustriert, um mehr als “Das kann ja wohl nicht wahr sein, so eine verdammte Scheiße!” in unterschiedlicher Intonation von mir zu geben. Christian ist ebenfalls angesäuert. Einzig die holländische Reiseradlerin nimmt es mit Gleichmut und fährt dann eben denselben Weg zurück, den sie vor wenigen Minuten gekommen ist. Unter den Senioren bricht Gelächter aus und der offensichtliche Organisator gesteht munter ein, da hätte man sich wohl besser erkundigen sollen. Verdammte gute Laune! Wir dagegen finden, sowas gehört großformatig entlang des Radweges als Infotafel aufgestellt. Am besten schon ab Wesel.
(Und hier muss ich zugeben: Auch ich hätte mich natürlich erkundigen können und sollen.)

Wir treten also den Rückweg in die unsympathische Stadt an. Ich bleibe sechs bis zehn Fahrradlängen hinter Christian, um mich ausgiebig in wütendem Selbstmitleid zu suhlen. Es ist der 14te Tourtag, der 12te Fahrtag und ich bin mal wieder sauer. Sauer auf das Wetter, die Rückenschmerzen, die Kamikaze-Autofahrer, die schlechten Radwege, kurz, aufs Leben. Hilft aber nix. Von alleine geht’s nicht von Wesel zum nächsten Campingplatz. Da hilft nur treten. Gleichmäßig, ohne noch darüber nachzudenken. Inzwischen sind wir seit echten 20 Kilometern unterwegs. Entschuldigung – ich bin Diabetikerin! Ich brauche was zu essen! (Sage ich natürlich nicht laut. Das wäre zu einfach!) Obwohl ich ziemlich sicher weiß, dass meine schlechte Stimmung in einer wenigstens zehn Quadratmeter dichten, dicken Wolke um mich herumwabert, und damit auch Christian einhüllt, fällt mir nix ein, sie aufzulösen als unfreundlich zu granteln, dass ich nicht mehr kann und was essen muss. Der nächste Discounter ist unserer.
Auf einem unbelebten Marktplatz zwischen zwei Kirchen finden wir eine Bank in der Sonne und stopfen schweigend Brötchen und Aufschnitt in uns rein. Es ist 12 Uhr, die Temperaturen sind endlich wieder so, wie wir es mögen und ich erkenne einmal mehr: Essen hebt die Stimmung. Mein Christian legt schweigend den Mantel der uneingeschränkten Liebe und Toleranz über meine Miesepetrigkeit, wir sind uns einig, dass man in diesem Städtchen eigentlich nur an Langeweile ersticken kann und pfeifen großzügig auf unsere Arroganz, die wir immer dann an den Tag legen, wenn wir nicht so wirklich gut drauf sind. Und heute Vormittag sind wir einfach mal richtig schlecht drauf.

Das bleibt auch noch einige Kilometer so. Dann biegen wir auf die Zielgrade des heutigen Tages – eine Landstraße, die auch schon bessere Zeiten gesehen hat -, und stoppen. Mai ist nämlich eine prima Zeit, wenn man auf Kindchen Schema geprägt ist. Und wenn einer das ist, dann icke. Und zwar uneingeschränkt, ohne Wenn und Aber. Küken, Fohlen, Lämmer, Kälbchen – sie alle sind uns über den Weg gehopst, gestolpert, gewackelt und gestakst. Kurz vor dem Ziel – Campingplatz Altfeld – stoppt Christian. Er kennt mich. Er weiß, was meine Laune schlagartig hebt. Und wenn es schon kein Hund ist, der sich streicheln lässt – die drei Kälbchen zaubern mir ohne Anstrengung ein verzücktes Lächeln ins Sonnenbrandige Gesicht. Die drei – nennen wir sie der Einfachheit halber Justus, Bob und Peter – sind unendlich niedlich in ihrer kuhäugigen, langsamen Neugierde. Peter – komplett braun – geht zwei Schritte vor. Blick zu uns. Blick zu Bob und Justus. Einen weiteren Schritt. Halt. Bob – komplett weiß – stupst von hinten. Blick zu uns. Senkt den Blick, beginnt demonstrativ desinteressiert zu grasen. Peter dreht sich um zu Justus – schwarz-weiß gefleckt. Der geht seitwärts zum Zaun. Blick zu uns. Einen Schritt vor. Noch einen. Und noch einen. Kopf senken, grasen. Bob und Peter drängen sich an ihren Anführer. Der entscheidet sich für einen weiteren Schritt. Zuviel für Peter. Der macht einen kleinen Hopser und vergrößert den Abstand zwischen uns (mit abgerissen Grasbüscheln in den Händen und freundlichen Stimmen lockend). Bob beschließt sich Peter anzuschließen. Jetzt kann sich auf Justus nicht mehr durchringen, seiner Neugierde und vor allem seinem ewigen Hunger nachzugeben, und die dargebotenen frischen Gräser aus der Hand von zwei verschwitzten Reiseradlern zu fressen. 
Wir vergessen wieder einmal die Zeit und erfreuen uns an den drei Kälbchen, die tatsächlich wie Freunde wirken, die nichts ohne den anderen tun würden. Sie verlieren ihr Interesse und wir schwingen uns wieder in die Sättel. Ich zugegebenermaßen ganz glücklich. 

Dieses warme Gefühl soll sich weniger als eine halbe Stunde noch steigern. Als wir nämlich den Campingplatz von Siggi Hoppe erreichen, weiß ich sofort: Hier möchte ich unseren Ruhetag verbringen. Ach, naives Ding ich. Es ist Donnerstag vor Pfingsten, morgen wird der Swimmingpool eröffnet, das ganze Dorf freut sich schon. Diese winzigen Details überhöre ich – denn Marla hopst fröhlich auf mich zu und lässt sich sofort kraulen. Marla ist zwei, eine Appenzeller-Senn-Hündin, und wickelt mich schneller um den Finger, als ich verliebt seufzen kann. Ich will wieder einen Hund, denke ich in dieser Sekunde. Wieder so einen freundlichen, lustigen, fröhlichen Köter mit langen, seidenweichen Ohren. 

Siggi nimmt uns gerne für zwei Tage auf. Wir bekommen einen Platz neben einer Hütte zugewiesen, in der sich eine Küche inklusive Kühlschrank und eine Toilette befindet. Nur für uns. Ich bin begeistert und sicher – das wird ganz wunderbar. Mich kann nicht mal der ältere Herr schräg gegenüber, der seine zwei Quadratmeter Rasen akribisch mit dem Benzinrasenmäher auf Wimbleton-Länge stutzt, aus der Ruhe bringen. Und sobald das Zelt steht, fährt Christian in den nächsten Ort und frischt unsrer Lebensmittelvorräte auf. Ich bin auch nicht untätig und schreibe diesen Bericht. 

Ein opulentes Abendmahl, ein Spaziergang über das Gelände inklusive Erkenntnis, auch hier sind die Dauercamper von großer Kreativität, wenn es darum geht, ihre Eigenheime zu verbarrikadieren. Als es Zeit ist für den Schlafsack, bin ich mit dem Tag versöhnt. 

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Tag 12 – von Senden nach Haltern am See



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Tag 12- von Senden nach Haltern am See

Ah! Was für ein Luxus. Schon zwei Nächte in einem richtigen Bett = keine Rückenschmerzen. Ich gewinne fast meine alte Fröhlichkeitsform zurück und genieße unser Ponderosa-Frühstück, das inzwischen aus Fünf-Korn-Müsli mit Trockenfrüchten und Joghurt besteht. Die Nacht im einzigen Gartenhaus mit überdachter “Terrasse” war erholsam, die heutige Etappe ist ein Klacks. Die geradezu lächerlichen 50 Kilometer bis nach Haltern am See, wo eine meiner langjährigsten und liebsten Freundinnen aus Studienzeiten seit sechs Jahren lebt, werden wir auf einer Arschbacke abradeln. Und obwohl meine an der Uni Bochum unterrichtende Freundin eigentlich überhaupt keine Zeit hat, will sie sich mit uns treffen und hat uns im Vorfeld zwei Campingplätze in fünf Kilometern Entfernung von ihrer Wohnung vorgeschlagen.

Dezente Hinweise auf ein frisch verheiratetes Paar können schon auch erschreckend sein.

Wir lassen uns an diesem Morgen viel Zeit, verbummeln quasi den Vormittag und verlassen erst um 11.30 Uhr den Kranencamp, nicht ohne noch einen kleinen Spaziergang zum “Hafen” zu machen. Einmal mehr sind wir uns einig: Dauercampen mit Gartenzwergen, Benzinrasenmäher für vier Quadratmeter Rasen und in der Nacht blinkenden Leuchtturm vorm kiesgestreuten Vorplatz können weiterhin gerne die anderen. Wir im Leben nicht. Soviel ist inzwischen klar: Dauercamper im Münsterland unterscheiden sich nicht mal im Ansatz von denen in Niedersachsen. Außer, dass sie ein klitzekleines bisschen redseliger sind und einen charmanteren Akzent haben. Blöd nur, dass uns allmählich das Lästerpotenzial ausgeht, wollen wir uns mit unseren spöttisch-ratlosen Bemerkungen nicht ständig wiederholen. In größter Entspannung packen wir zusammen und verlassen mit guten Wünschen für unsere Reise den Platz.
Die heutige Strecke ist wenig aufregend. Der größte Nervfaktor der erste Mückenstich auf dem rechten mittleren Zeh. Nach entspannten zwei Stunden und 45 Minuten Fahrzeit erreichen wir den Jugendkreiscampingplatz, 5,5 Kilometer vor Haltern Am See. Es ist immer wieder faszinierend, wie schnell Menschen unangenehme Ereignisse verdrängen. Jup, haste Recht, die Fahrt war schon entspannend, zumindest ab dann, als wir sie endlich beginnen konnten. Senden hatte nämlich keinesfalls vor, uns einfach so abreisen zu lassen. Die Stadt ist ein einziger riesiger Kreisverkehr mit 1000 Kindern, die allerdings alle ¨in der Fertigstellung¨ sind. Fahrtechnisch Chaos pur! Wir haben geschlagene 45 Minuten gebraucht um einen Ausweg in die richtige Himmelsrichtung zu finden. Aber zurück zum Kreisjugendzeltplatz.

Es gab Gerangel um den besten Uferplatz mit einer kleineren Entenfamilie. Zu sehen sind hier die Sieger

Ohne groß Spannung aufzubauen und ihn zu beschreiben: Er ist gruselig. Verlassen. Ver-und runtergekommen. Verwaist. Er lässt mich frösteln. Egal, was Christian sagt “Ist doch nur für eine Nacht¨, egal, wie nett die studentische Aushilfskraft ist (“Die Stadt verlängert nach 15 Jahren die Pacht nicht mehr; obwohl wir protestiert haben, müssen wir hier abbauen. Der Platz wird dichtgemacht, vermutlich werden sie hier Wohnungen bauen.”) – auf diesem Friedhof bleibe ich keine Sekunde länger als nötig. Wieder mal gibt mir mein Bauchgefühl recht. Denn keine zwei Kilometer weiter werden wir mit rheinländischer Freundlichkeit – laut, kodderig, herzlich – auf dem seit über 50 Jahren existierenden Campingplatz Hoher Niemen begrüßt. Wir fahren weiter zur Anmeldung, aber am Verwaltungsbau, der auch schon bessere Tage gesehen hat, hängt nur ein Zettel mit Handynummer. Dann eben erst mal eine Tüte Pommes. Wir gehen zurück zum Imbissstand, wo der glatzköpfige André aus Bochum vor wenigen Tagen das Küchenzepter übernommen hat und voller Elan und Pläne für die Zukunft kulinarische Abwechslung in den Alltag der 200 Dauercamper bringen will. Mit Dönerspieß, asiatischem und griechischem Abend, und überhaupt ganz groß. Das Merkwürdige ist nur, dem Kerl nimmt man das ab. Der macht das wirklich. Und auf einem Campingplatz, auf dem 300 Dauercamper leben, könnte das Konzept sogar wirklich funktionieren. Wir wünschen ihm jedenfalls das Beste. Am Biertisch schräg neben dem Wagen sitzen drei Kerle, wie man sie sich nicht ausdenken kann: Der eine, Gesicht wie eine Bulldogge und genauso ein Gemüt, im Feinripp über der Wampe, blinzelt neugierig durch eine Brille. Seinen beiden klapperdürren Kumpel möchte ich am liebsten die Bierpullen wegnehmen und sie stattdessen mit hochkalorischem füttern und vorher noch zum Zahnarzt schleppen. Die drei Bierbrüder lassen es sich nicht nehmen, uns mit ungefragter Selbstverständlichkeit sofort zu helfen, indem sie beim Platzwart anrufen. Wir bestellen bei André jeder eine Portion Pommes Schranke (Ketchup-Majo, für den Nicht-Rheinländer), während uns einer der dürren Zahnlosen erklärt, wo wir unser Zelt aufstellen sollen. Und wenn bis morgen keiner zum kassieren kommt, sollen wir einfach so wieder fahren. Diese Schlitzohren hauen sich vor Begeisterung auf die mageren Schenkel, das Bulldoggengesicht grinst breit und wir fühlen uns so vorurteilsfrei und freundlich willkommen, wie bislang noch nicht. Während wir unserer Pommes kauen und mit André plaudern, als kennten wir uns schon seit Jahren, kommt Jörg-ich-hab-heute-eigentlich-frei auf seinem Roller, einen blonden 14-Jährigen als Beifahrer. Jörgs muskulösen, tätowierten Arme, sein Bart, sein langer Zopf unter dem Basecap erinnern mich wieder mal daran, dass ich diese Motorradtypen gut leiden kann. Ähm Motorradtyp? Unbedingt. 50iger Roller ist auch nur was für echte Kerle. Jörg wirkt im Gegensatz zu den drei Biertischlern beinahe schüchtern. Ist aber von gleicher entwaffnender, offener Herzlichkeit. Er verlangt lediglich 12 Euro – “Duschen kostet nix. Kannst so lange heiß duschen, wie du willst.” – und nimmt uns das Versprechen ab, uns zu melden, wenn irgendwas ist.

André aus Bochum ist der neue Imbissbudenpächter und hat große Pläne.

Wir bauen unser Zelt zwischen einem dunkelrot blühenden Rhododendronbusch und einem Wohnmobil aus Bielefeld auf, ich rufe meine Freundin an und wir verabreden uns für 17.15 Uhr auf dem Marktplatz von Haltern Am See. Zwei Stunden Zeit, um ein bisschen mit dem Bielefelder Dauercamper zu plaudern, dessen Frau aus Haltern stammt und die regelmäßig hierherkommen, es sich finanziell aber nicht leisten können, hier zu wohnen. Wir bekommen Tipps, wie wir am besten Richtung Brügge fahren, wo wir im Industriegebiet unser Kochgas nachkaufen können. Zwei Stunden Zeit, um zu duschen und sich einigermaßen “stadtfein” zu kleiden. Endlich kommen Wimperntusche, Lidschattenstift und Augenbraunpuder zum Einsatz. Scheinen aber keinerlei Wirkung zu haben – Christian bemerkt die sanfte Restaurierung nicht und meine Freundin staunt sowieso nur über unsere dunkelbraune Gesichtsfarbe. Wenn das man kein gelungener Bluff ist: Erholt aussehen, obwohl man’s nicht wirklich ist. Aber mein Schatz, natürlich merke ich nichts! Ich bin dann letzten Endes doch nur ein Kerl. Du merkst ja auch nicht, welche Sorte von Öl ich an den Pfoten habe. Überhaupt staune ich, dass ich so unprätentiös und uneitel sein kann und mich trotzdem beinahe wohl fühle. Ehrlich gesagt ist es mir egal, dass ich klobige Treckingschuhe in verschmutztem Grau, statt luftige Sandaletten zu einem meiner Lieblingskleider trage. Normalerweise sind nämlich Schuhe und Handtasche farblich aufeinander abgestimmt, passen perfekt zum Kleid, genau wie der Lippenstift. Und natürlich gehe ich nicht aus dem Haus, ohne die Haare so perfekt wie möglich in Form gebracht zu haben. Hilfe, ich vergammle!

Stammgäste von Imbissbuden-André beim Nachmittagsplausch

Nachdem ich endlich ein neues Fahrradschloss gekauft habe, bekommen wir eine kleine Führung durch das touristisch ziemlich überlaufene Haltern Am See. Dann gibt’s noch einen Ausflug zum Silbersee (der im Sommer so von Besuchern im Umkreis von 50 Kilometern überfüllt ist, dass die Anwohner schon längst nur noch nach Sonnenuntergang oder unter der Woche zum schwimmen in die ehemalige Sandgrube kommen). Anschließend fahren wir zum kleinen Yachthafen von Haltern, trinken mit Blick über den See auf einer netten Terrasse Mangoschorle, Weißwein und Radler.
Fünf Stunden Zeit hat sich meine Freundin für uns genommen. Fünf kostbare Stunden, die eigentlich noch zu wenig sind. Während sie um halb zehn zurück an den Schreibtisch muss, um ihre Seminare an der Uni für den folgenden Tag vorzubereiten, radeln wir entspannt durch die Dämmerung und durch den Wald zurück zu unserem Campingplatz. Und wie endet ein entspannter Abend? Richtig. Kompliziert. So gehört es sich einfach. Und deswegen stehen wir vor dem verschlossenen Eisentor. Es ist 22.30 Uhr, überall dunkel und keiner der Dauercamper führt seinen kleinen Köter zur Gutenachtrunde Gassi. Während ich mich schon lässig über das Tor klettern sehe (ohne genau zu wissen, wie ich das eigentlich bewerkstelligen soll), fummelt Christian mit unserem Hausschlüssel am Schloss rum. Es macht klack – und mit einer höflichen Verbeugung lässt mich mein Held eintreten. Ich bin fasziniert, begeistert und noch ein bisschen mehr verliebt als sowieso schon. Natürlich kommt in der Sekunde der Hundebesitzer, der seinen Vierbeiner ein letztes Mal das Bein heben lässt und einer der Dauercamper fährt im Schritttempo mit seinem uralten Opel auf den Platz… Gute Nacht, Freunde. Es war ein ziemlich vollkommener Tag und die Zeit die uns Tinas Freundin geschenkt hat, macht mir wieder bewusst, dass Zeit eben ein unglaublicher Luxus sein kann. Wir haben im Moment diese Zeit und ich möchte an dieser Stelle mal ganz herzlich all jenen danken, die sie uns ermöglichen.

Neben dem Waschhaus zu campen hat nur einen Nachteil: Die ganze Nacht ist Festbeleuchtung

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Tag 10 – Ruhetag



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Tag 10 – Ruhetag

Eigentlich wollte ich an Ruhetagen über die vergangenen Fahrtage schreiben und nicht über den Ruhetag selbst. Da sich hier in Bad Rothenfelde jedoch trotz Sonntag und verordnetem Ruhetag das ein oder andere ergeben hat, vielleicht doch ein paar Kommentare. Der erste Regen der Tour und dann gleich ein Unwetter. Wir merken schon heute morgen beim Schreiben, dass sich etwas zusammenbraut. Außerdem steht noch etwas auf dem Plan, was ich gestern nicht umsetzen konnte: ein Bett. Denn auch in der letzten Nacht mussten wir im Zelt schlafen. Aber es gibt hier eine ganz neue und vor allem tolle Unterkunft, die aber in der letzten Nacht belegt war. Und zwar: Trommelwirbel… ein Fass! Richtig gehört, ein Fass. Aber mal von Anfang an.

Das bequem-romantische Highlight im Campotel: Die insgesamt vier Übernachtungsfässer.

Ganz Deutschland feiert heute Muttertag. Auch wir denken natürlich an unsere Mütter und übermitteln ihnen unsere Grüße per SMS. Allerdings läuft der Stimmungsmotor trotz des tollen Platzes, der netten Menschen und Begegnungen noch nicht wieder Hochtouren. Lieb untertrieben. Es läuft mehr als untertourig. Die Tour schlaucht einfach sehr und wir spüren unserer Körper geradezu aufdringlich. Wie ist eigentlich so ein Leben OHNE Rückenschmerzen und dem Dauergefühl, erschöpft und müde zu sein? Ich bitte um Verzeihung fürs lautstarke Lamentieren, aber man darf ja wohl darüber empört sein, auch nach mittlerweile über 700 gestrampelten Kilometern nicht müde genug zu sein, um wie ein Stein zu schlafen.
Also beschließen wir, als um 13:30 Uhr der Regen einsetzt, das Restaurant zum Schreiben zu okkupieren. Schnell richten wir uns ein (wie üblich chaotisches) Feldlager ein, bestellen uns leckeres Essen und beginnen mit der Schreiberei. Draußen wird der Regen immer stärker, was wir aber im Gewölberestaurant kaum zur Kenntnis nehmen. Tina war heute morgen nach dem Aufstehen gleich in der Rezeption, um ein Fass zu buchen. Der Preis schlägt mit 25 Euro/Nacht dem Fass auch nicht den Boden aus und wir hatten schon einen Campingplatz, da wollten die Betreiber das Gleiche für vier Quadratmeter harten Boden haben.

Die Welt geht unter und ertrinkt – unser Klingo-Castle trotzt Gewitter und Starkregen.

Draußen wir der Regen immer stärker… Drinnen setzt er zwischenzeitlich auch mal wieder ein. Ich sag nur: Übermüdung + Hormone + Hunger. Unsere freundlichen Bedienungen retten uns vor dem Hungertod und damit den kompletten Stimmungsabsturz. Nach gegrilltem Fisch an Salzkartoffeln und in Sauce Hollandaise ersäuften Bohnen schreibt es sich plötzlich viel leichter und beim abschließenden Megakniffel macht mir das verlieren nix aus. So beschließe ich mich einmal an der Rezeption nach der Bezugsfähigkeit unseres Fasses zu erkunden. Ein bisschen Verwirrung, da die Dame von heute Morgen in die Dame von heute Nachmittag gewechselt ist. Sie drückt mir einen Schlüssel in die Hand und sagt aber gleich, die Fässer sind von der letzten Belegung noch nicht gereinigt. Eventuell müssten wir uns die Bettwäsche selbst neu beziehen. Ich gehe zum Fass, schaue rein – sehr geil. Das will ich und wenn ich ich die Bettwäsche für heute Nacht erst selber häkeln müsste. Also stapfe ich durch den Regen zurück zur Rezeption, wo sich jetzt die Verwirrung gelegt hat und die liebe Helga Bartels mir einen Schlüssel für ein anderes, bereits gereinigtes Fass in die Hand drückt. Der Regen wird stärker.
Ich gehe zum neuen Fass Nummer 4 und bin genauso begeistert wie gerade eben. Nur eben mit sauberer Bettwäsche. Also gehe ich zurück und verkünde: ¨Gekauft, und ich zieh da nie wieder aus!¨ Der Regen wird noch ein bisschen stärker.

Chaos verbreiten wir auch im kleinsten Fass im Handumdrehen – ohne anstrengen.

Ich wandere zurück ins Restaurant, um Tina die frohe Botschaft zu verkünden und deute an, bei der nächsten Rauchpause unsere Sachen aus dem Zelt in das Fass zu räumen. Während ich noch 30 Minuten schreibe, wird der Regen noch stärker.

Draußen geht inzwischen die Welt unter. Die A2, das erfahren wir am nächsten Morgen, war wegen Überschwemmung mehrere Stunden gesperrt. Auch unserem Zelt und unseren Packtaschen droht der Ertrinkungstod, den Christian allerdings heldenhaft zu verhindern weiß. Und weil dieses ehemalige Waldkrankenhaus so genial konzipiert ist, kann man trockenen Fußes durch den halbkreisigen Bau vom Restaurant bis zur Rezeption wandeln. Großartig.

Aus der örtlichen Tageszeitung am folgenden Morgen – wir sind nur knapp dem Ertrinkungstod entronnen

Als ich endlich beginne die Sachen umzuräumen, kann ich vor Regen die 40 Meter entfernten Bäume kaum noch sehen. Nach zwei von acht Packtaschen bin ich klitschnass. Nach acht von acht ist mir unglaublich kalt. Nur die Vorfreude auf das heutige Bett hält mich überhaupt noch bei Bewusstsein! Also beschließe ich duschen zu gehen. Also gleich nach dem Schreiben… und dem Kniffeln und überhaupt wenn es aufgehört hat zu regnen. Gaaaanz in Ruhe sozusagen. Als wir dann gegen 20 Uhr unsere Zelte abbrechen: Regnet es –  nicht mehr.
Als ich am nächsten Morgen ins Zelt gucke, sehe ich, welcher nassen Nacht wir entgangen sind. Obwohl… Chance vertan, um auf einem Wasserbett zu schlafen. Der Regen, der uns kein einziges Mal während der Tour heimsuchte, fiel an diesem Ruhetag gesammelt. Während ich also im warmen und gemütlichen Gewölbekeller sitze und meine Sicht der Dinge schreibe, ersäuft mein geliebter Lebensmensch beinahe, ohne dass ich es auch nur ahne. Ja, es grollt ein bisschen gewitterig, aber tief unter der Erde, bei Weißwein Nummer zwei, ist das komplette Unwetterausmaß nicht mal zu erahnen. Was für einen unendlich fürsorglichen Mann ich an meiner Seite habe, weiß ich schon lange. Aber heute wird es mir einmal mehr bewusst, als er mich zu unserem Fass bringt: ALLE unsere Sachen sind sicher und trocken da, wo wir sie brauchen. Danke, Mister Lifeguard.
Lassen wir also mal Revue passieren. Die gestern von Tina ausgeschlagenen Übernachtungsmöglichkeiten wären alle keine wirkliche Option für einen Ruhetag gewesen. Hier kann man folgende Schlussfolgerung ziehen: Hör auf das Bauchgefühl Deines Weibes, wenn Du selber schon keines hast! Danke Tina, es war ein fantastischer Ruhetag.

Die Schlüsselgewalt übers Fässchen mussten wir nach einem Tag leider wieder aus der Hand geben.

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Tag 8 – von Rehburg-Loccum nach Porta Westfalica



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Tag 8 – von Rehburg-Loccum nach Porta Westfalica

Bedauerlicherweise können wir uns am folgenden Morgen nicht von der quirlig-herzlichen Birgit verabschieden. Vermutlich streift sie mit ihrer weißen Schäferhündin durch die Wiesen vom Erlengrund, diesem verzauberten Ort, irgendwo im Nirgendwo. Es geht gleich mit einer Steigung los, die mich spüren lässt, wie erschöpft ich bin. Meine Oberschenkel scheinen sich in den vergangenen sieben Tagen verdoppelt zu haben, sind krachhart und mit meinem Hintern könnte ich inzwischen vermutlich Nüsse knacken.

Pollenhagen und sein Tante-Emma-Lädchen wie aus der Vergangenheit – einmal hin, alles drin.

Die härteste Nuss des Tages allerdings, die hat Christian zu knacken. Weil mich mitten im Wald, etwa acht Kilometer von Bückeburg entfernt, eine gigantische Erschöpfungswelle überschwemmt (wir erinnern uns – ich trage den Titel Dramaqueen nicht zum Spaß! Wer das nachlesen möchte: sehr ausführlich unter www.millas-Blick.de beschrieben). Auf einem nach Harz und Wärme und Sommer riechenden Holzstamm sitzend, heule ich mir die Augen aus dem Kopf. Weltschmerz. Lebenskatastrophe. Sinnesverzweiflung. Von Allem in großen Portionen. Oh ja, ich weiß sehr genau, wie ich einen perfekten Vormittag ruinieren kann. Ganz im Ernst: Blauer Himmel, Sonne und nicht mal der Hauch einer zivilisatorischen Störung. Nur absolute und unbedingte Stille. Lediglich durchbrochen vom zarten Summen einer Biene. Oder dem kurzen Tschilpen eines sorglosen Vogels. Und da, aus heiterem Himmel, ist sie da die große Panik vor – sucht euch was aus, liebe Gemeinde der 40+. Ohne das blöde W Wort zu bemühen: Steckt nicht in jedem von uns immer mal wieder ein bisschen Weltschmerz? 

Doch dann erreichen wir Pollenhagen. Ein kleiner Ort im Nirgendwo, verschlafen, wo scheinbar nur noch die Alten und die ganz Alten leben. Wo Anneliese mit einer Kollegin (vielleicht ist es ihre Schwester, vielleicht ihre Schwägerin. Wir haben es leider nicht rausgefunden) den kleinen EDEKA mit freundlichstem Fleiß täglich aufschließt. Frische Brötchen, frischen Aufschnitt, frischen Käse, aber auch Dosen- oder Tütensuppen, Kosmetikartikel und Keramika verkauft. Das, was früher als Tante-Emma-Laden bezeichnet wurde. Wir kaufen Brötchen und Aufschnitt und Christian fragt, ob er einen Kaffe haben kann. Was dann passiert, wird uns noch bis Ende der Tour als die Episode “Anneliese” in Erinnerung bleiben: Besagte Verkäuferin / Ladenbetreiberin verschwindet mit einem fröhlichen Lächeln hinter der Fleischtheke und taucht viele Minuten später mit einem Becher Kaffee in der Hand auf. Frisch aufgebrüht. Bezahlt haben wir 1 Euro (in Worten einen). Und während Christian noch an der Fleischtheke wartet, komme ich mit Annelieses Kollegin ins Gespräch. Sie verkauft mir eine Schachtel PallMall ohne Zusätze, ich fühle mich bemüßigt zu betonen, dass die Kippen nicht für mich sind, weil ich nämlich vor 5 Kilo aufgehört habe zu rauchen, und sie erzählt mir mit einigem Stolz, dass sie nie geraucht und deswegen auch nie Gewichtsprobleme gehabt hat. Sie hat früher Konfektionsgröße 34 getragen und jetzt, mit Ende 50, tut sie es immer noch. Naja, so genau wollte ich es dann eigentlich doch nicht wissen.  

Warten auf den Kaffee zum Mitnehmen. Frisch aufgebrüht und trotzdem nur 1 €

Ich frage beim bezahlen, ob wir mit unseren Brötchen und dem Kaffee auf der kleinen Mauer vor dem EDEKA sitzen und frühstücken dürfen. Wir dürfen. Mit dem 1-€-Kaffee, zwei Brötchen für jeden mit Aufschnitt sitzen wir also auf der Mauer, auf der Lauer und fühlen uns ein bisschen wie im Kino: Heinz kommt in seinem dicken Mercedes aus den späten 90er Jahren und hält direkt vor dem Fenster neben dem EDEKA. Das Fenster öffnet sich, ein Mann jenseits der 80 guckt raus und dann wird erst mal ausgiebig gesprochen. Leider zu leise, um zu verstehen, worum es geht. Eine voluminöse Frau, von der wir nicht wissen, ob sie die Mutti oder die Omma von der etwa 4-Jährigen an ihrer Hand ist, stellt fest, dass der kleine blonde Fratz seine Trinkflasche hat fallen lassen. Die ist unters Auto gerollt. Keine 10 Zentimeter von der Beifahrertür entfernt. Wir sehen sie. Mutti (oder Omma, wer weiß es schon so genau) sieht es auch und handelt. Nein, sie kniet nicht nieder, um mit ausgestrecktem Arm die Flasche zu angeln. Nein. Sie steigt ein, fährt vor, steigt wieder aus, hebt die Trinkflasche auf, putzt den Schnuller an ihrer wallenden Hemdbluse ab, öffnet die hintere Tür, reicht dem Kind die Flasche, steigt vorne wieder ein und fährt. Ja. Genauso ist es gewesen, in Pollenhagen, Mittags gegen 13 Uhr.

Bei aller Fröhlichkeit und Abenteuerfreude: Tag für Tag um die 100 Kilo Gewicht nur Kraft seiner Beine von A nach B zu transportieren, ist nun mal kein Urlaub. Wir reden hier nicht ausschließlich von Tina, sondern noch von Fahrrad und Gepäck. Den haben mir übrigens viele Freunde und Bekannte gewünscht: Einen schönen, spannenden Urlaub. Nein, liebe Daheimbleiber und treue Blogleser. Eine Radtour wie diese ist kein Urlaub im klassischen Sinn, auch wenn sie viele klassische Elemente enthält. Sich Tag für Tag zu motivieren, seine körperliche Belastbarkeit auszutesten, wahlweise zu überschreiten, ist eine Grenzerfahrung, wie zumindest ich sie noch nicht in der Form erlebt habe. Ich bin versucht, es klein zu reden, fürchte allerdings Christians Tadel und gestehe deswegen: Die Tour ist arschanstrengend. Und ich rede an dieser Stelle nicht von den Naturgewalten wie Gegenwind, knallende Sonne, Steigungen, die mich an die Kotzschwelle bringen. Auch nicht die zum Teil unfassbar rücksichtslosen Autofahrer, die schlechten Radwege, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Nein, es ist das Alleinsein mit sich und seinen Gedanken, die Tango tanzen und sich nur schwer in Zaum halten lassen. Da können schon auch alte Geschichten von Verrat und Verlassenwerdens hochkommen, die Wut auf Freunde, die keine mehr sind, die Trauer über Verluste. Ja, es ist tatsächlich nicht nur spaßiger Luxus, so viel Zeit für sich selber und seine Gedanken und Erinnerungen zu haben. Was aber nicht bedeutet, dass ich bislang auch nur eine Minute / nur einen gefahrenen Kilometer bereue.


Der Frustanfall dauert eine knappe halbe Stunde – dann muss einfach Schluss sein, wir haben keine Taschentücher mehr übrig und auch das Klopapier wird knapp. Christian lenkt meine Gedanken auf einen Mistkäfer und es dauert ziemlich lange, bis ich begreife, worauf er hinauswill. Mit verquollenen Augen und dem wilden Wunsch, mich nicht von meinen Emotionen und Ängsten ernsthaft aus der Bahn werfen zu lassen, treten wir in die Pedale, erreichen nach 3:42 Stunden reiner Fahrzeit und 59,11 Kilometer den Campingplatz Weserbogen um 16.10 Uhr. Bauen unser Zelt auf, räumen es ein – und die zweite Erschöpfungswelle droht mich ohne Rücksicht auf Nachbarn in ihren Zelten und Wohnwagen zu ersäufen wie eine kleine Katze im Sack eines gefühlskalten Bauern. Es hilft nichts – außer aushalten. Und hoffen, dass der nächste Tag besser wird. Gute Nacht, böse Gedanken.
Ich denke, ohne es genau zu wissen, Tina erlebt gerade das Gleiche wie viele andere, die eine beschwerliche Pilgerreise wagen. Im Alltag verdrängen wir böse Gedanken und verstecken sie unter allerhand Beschäftigung. Um unsere eigenen Probleme nicht thematisieren zu müssen, stürzen wir uns manchmal leidenschaftlich auf die Probleme der Anderen. Das alles geht hier nicht. Beim Touren bin ich dazu gezwungen, mich mit mir selbst zu beschäftigen, denn Gespräche beim Fahren sind zumindest auf öffentlichen Straßen kaum möglich.

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Tag 7 – von Arnum nach Erlengrund



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Tag 7- von Arnum nach Rehburg-Loccum

Es scheint uns zu verfolgen: An einem Tag ist der Campingplatz hervorragend und am nächsten echt schwierig.
Anrum hat uns gezeigt, wie Camping scheinbar heutzutage verstanden wird, und wie wir es auf keinen Fall haben möchten. Wir haben viel gesprochen, sind uns einig: Dauercamper sind an sich in Ordnung. Aber eine maximale Gewinnausbeute an Grund und Boden wie es in Anrum betrieben wird, ist genauso schwachsinnig wie riesige Hotelkomplexe an der Mittelmeerküste. Sowohl die Umwelt als auch die Menschen verlieren an Ursprünglichkeit und werden einfach zu einer grauen Masse. Es ist irgendwie ein bisschen wie zu Hause, wo immer mehr gut betuchte, großstadtmüde Menschen Häuser kaufen und sich so in einer ruhigen Gegend mit netter Bevölkerung eine neue Heimat schaffen wollen. Aber es sind leider zu viele von diesen ich-hab-das-Geld-um-mir-zu-kaufen-was-ich-will-Menschen und diese verdrängen Stück für Stück die ursprüngliche, die nette Bevölkerung. Letztendlich wohnen die Geldsäcke dann doch wieder nur unter Ihresgleichen und sind wieder unglücklich. Für die, die weichen müssen, bleibt dann oft nur der Neuanfang. Bis dann die mit dem Geld wieder wie Heuschrecken über das neue Stückchen ruhige Gegend herfallen. Campingplätze, die jeden Quadratmeter Land vermarkten, verlieren irgendwann eben das Flair eines Campingplatzes und somit ihr Tagesgeschäft.
 Es ist sicherlich verklärend von den guten alten Zeiten zu sprechen. Aber ich bin quasi auf einem Campingplatz aufgewachsen. Ich erinnere mich absolut lebhaft an unser Sommerdomizil im Fürstental, am hessischen Edersee. Die Wiesen waren schräg und blieben schräg. Es wurden Birken gepflanzt, weil die schnell wachsen und entsprechend schnell Schatten spenden. Unsere Väter bauten Stege, von denen wir ins Wasser hüpften. Am Abend saßen wir unten am Ufer am Lagerfeuer. Niemand parkte sein Auto neben seinem eingebunkerten Wohnwagen, in den Vorzelten standen weder Kühlschränke noch Spülmaschinen oder gar Flachbildschirme. Wir holten für unsere Nachbarn mit Brötchen, spielten Volleyball oder veranstalteten Segel- und Surfregatten, paddelten über den See und wenn es regnete, lagen wir in unseren Zelten und lasen oder kniffelten mit unseren Eltern im Wohnwagen. Es war ein freundliches, fröhliches, offenes Miteinander. Ich fürchte allerdings, dass mein Kindheitsparadies inzwischen auch eine Menge von seiner Unschuld verloren haben könnte. Es wird vermutlich Zeit, das mal zu überprüfen.
Eine blöde Serie in meiner Planungswut sollte uns allerdings für diesen Tag wieder einmal zu einem fantastischen Campingplatz führen und dass, weil keiner von uns bereit war, noch einmal so eine Abzocknummer zu akzeptieren. Aber vorerst die Geschichte, die uns zur Geschichte geführt hat.

Laut und stressig gehts neben der vielbefahrenen Landstrasse zum nächsten Radweg.

Wir verschwinden morgens früh und wieder ohne Frühstück vom Campingplatz. Das Ziel der heutigen Etappe ist ein Campingplatz in Mardorf am Steinhuder Meer. Obwohl Niedersächsin, war selbst Tina noch nie dort, hat aber Freunde, die davon schwärmen. Also bin ich ein bisschen Co-aufgeregt ob der Aussicht auf einen tollen Campingplatz. 
Das Einzige, was ich nicht berechnet hatte, war der Vatertag. Klar, im Vorfeld wussten wir schon, dass es ein Feiertag ist und haben uns daher auch mit allen Nötigem eingedeckt, um diesen Tag zu überstehen. Aber: Vatertag heißt eben auch ein darauffolgender Brückentag. Selbstredend, dass dieser Tag gern als verlängertes Wochenende genutzt wird. Gerade bei Gelegenheits-Campern ist dies doch der erste offizielle Tag der Saison. Diesmal gibt es dann leider auch kein Frühstück beim Bäcker, sondern an der Tankstelle mit zwei noch warmen und wirklich ausgezeichneten Brötchen. Gut gestärkt, sehen wir uns bereit für die Durchfahrt von Hannover. Die ersten Traktoren mit trinkstarken und gut gelaunten Männern ziehen bereits in den ersten Minuten an uns vorbei, sind überraschenderweise kein bisschen nervig. Ich habe mich nur den ganzen Tag gefragt, unter welchen Umständen der Fahrer bestimmt wird. Was bringt diesen armen Kerl dazu, den ganzen Tag seine besoffenen Kumpel durch die Gegend zu kutschieren? Ich fürchte, die auserwählten Fahrer haben viele Leichen in ihren Kellern.

 

Hannover von seiner allerschändlichsten Seite

In Hannover weichen die zahlreichen Träckergespanne dann hauptsächlich Jugendgruppen mit Bollerwagen, die auch ohne Frage sehr lustig und kein bisschen aggressiv sind. Als wir auf den Leineradweg entlangfahren, spielt aus einem der soundtechnisch modifizierten Gefährte sogar ein uns gut bekanntes Salsa-Lied. Dispositio – ich LIEBE diesen Song. Und ein bisschen hatte ich gehofft, dass er unser Tour-Song wird. Ich fordere Christian zum tanzen auf und obwohl er sich für einen Moment geniert, hat er genauso viel Spaß wie ich. Ich wusste nicht, dass ich in Fahrradschuhen Salsa tanzen kann. Für unsere kleine Tanzeinlage ernten wir Beifall und Jubelrufe. Als wir durch Seelze fahren, kommt Tina auf die Idee, den in Hannover lebenden besten Freund ihres verstorbenen Vaters zu besuchen. Kurzentschlossen ruft sie bei ihm an und wir werden herzlich von ihm und seiner Frau eingeladen. Ein klitzekleiner Umweg, der mich zu zwei wunderbaren und unglaublich gastfreundlichen Menschen führt, die mir ohne Tina vorenthalten worden wären. Rolf und Edith kenne ich seit über 40 Jahren und auch wenn wir uns nur selten sehen – das letzte Mal auf der Beerdigung meines Vaters vor eineinhalb Jahren -, sind sie wichtige Menschen in meinem Leben. Nicht nur, weil sie quasi mit die engste Verbindung zu meinem Vater sind. ¨Oh, ihr seid mit dem Rad da, dann sage ich den Tisch beim Italiener wieder ab und wir kochen etwas!¨ Rolf ist kein Mensch großer Reden, er macht einfach und so werden wir nach einer kurzen Wohnungsführung köstlich mit Nudeln und, eine Neuheit für mich, gebratenem Fenchel bewirtet. Wir wären gern noch eine Weile geblieben und hätten sicher auch den ganzen Nachmittag verquatschen können. Aber leider sind es noch 30 Kilometer bis zum Steinhuder Meer. Daher müssen wir uns nach zwei Stunden und damit viel zu schnell verabschieden. Vielleicht hätten wir doch noch ein bisschen bleiben sollen, denn plötzlich hat sich der Wind gegen uns verschworen und bläst uns kräftig entgegen. Ein Omen auf das, was uns am Steinhuder Meer erwarten sollte?

Der auserwählte Platz liegt im Nordwesten des Sees und so schlägt das Navi eine Route über die östliche Küste vor. Es sind zwar wieder die altbekannten, wunderschönen, niedersächsischen Ortschaften, die da der nicht sonderlich hübschen Silhouette von Hannover einen Platz abringen, aber vom eigentlichen See haben wir nichts gesehen.   Das muss man erst mal stemmen: Zum Steinhuder Meer fahren, ohne einen Tropfen Wasser gesehen zu haben.) Als sich 12 Kilometer vor dem Campingplatz auch noch ein Wolkenbruch ankündigt, legen wir in weiser Voraussicht schon einmal die Regensachen an und sicheren die Packtaschen. Regen gibt es dann aber auch im Norden des Steinhuder Meeres nicht, genau wie wir auch weiterhin kein Wasser zu Gesicht bekommen sollten. Der nördliche Weg führt aber durch ein Moorgebiet, was nicht besser zur vom Wetter verströmenden Stimmung hätte passen können. Und so kommen wir dann um kurz nach 16:30 Uhr an dem Platz an, der uns einen nachhaltigen Eindruck von Wirtschaftscamping vermittelt. Von Außen macht er einen guten Eindruck, wir bekommen aber bereits an der Anmeldung unsere Abreibung, als man von uns den Unkostenbeitrag für drei Tage verlangt.  Nur mal so: Ein Zelt, zwei Personen, eine Nacht, sollte 51 – in Worten einundfünfzig Euro kosten! Hallo?!?! Gehts eigentlich noch? Zeltplätze werden dort nämlich über Himmelfahrt und Pfingsten nur für das gesamte Wochenende vergeben. Also entweder 3 Tage zahlen oder wieder abziehen. Als wir der mittelalten Rezeptionsdame erklären, dass uns das zu teuer ist, erwidert sie mit einer Mischung aus Hohn und Mitleid, dass wir es gerne wo anders probieren können, es aber überall genauso teuer ist und es überall so voll sein wird.

Nach dem Reinfall mit Anrum verlassen wir die Rezeption mit einiger Wut im Bauch. Im Übrigen: ¨voll¨ war dieser Campingplatz keineswegs. Gut gefüllt ja, aber voll auf keinen Fall. Wir sind beide bockig und suchen eine Alternative, die uns noch weitere 20 Kilometer kosten soll. Dazu müssen wir durch Mardorf, ein kleines touristisches Örtchen, in dem die Leute offensichtlich jeden zweiten Tag einen anderen Markt veranstalten. Heute ist der Dorf- und Bauernmarkt dran und so können wir wenigsten noch eine Waffel, einen Kaffee und ein paar Stück Kuchen ergattern. Und haben auch noch was Gutes getan: Der Erlös vom Kuchen ging komplett an die Konfirmandengruppe. Habe nix mit Kirche am Hut – aber solche Sachen unterstütze ich aus Nostalgiegründen gerne.So gestärkt, aber dennoch demotiviert geht es auf die heutige Schlussetappe nach Münchenhagen, einem Zeltplatz, der mit direktem Anschluss an das Dino-Land auch wieder nichts Gutes verheißt. In Gedanken male ich mir schon Kinderterrorgruppen aus, die einen mit einem überforderten Studenten ausgestopften Stoffdino drangsalierten. Aber Pech gehabt, denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Mitten im Tal gelegen, lag einer der großartigsten Campingplätze unserer bisherigen Tour. Pferde, Hunde, nette Camper und Birgit, die Herrin des Platzes heißen uns herzlich willkommen und ihr Mann Harry bekocht uns in seiner Kneipe ¨Harry`s Wild es Eck¨ wie bei Mutti. Aus der Raupe mit Namen ¨miese Erwartung¨ entpuppte sich ein wahrer Schmetterling mit Namen ¨Erlengrund¨. Ich weiß übrigens gar nicht, warum meine Tina immer schimpft, dass ich nichts von Romantik verstehe – kann ich doch! Zum Thema Romantik könnte an dieser Stelle vielleicht vorsichtig angemerkt werden, dass sie eben immer sehr unerwartet kommt. Und dann bin ich so überfordert… ok. Keine weiteren Beziehungsinterna. Was mein Herzensmann aber vergessen hat zu erwähnen: Vor der Belohnung hat der liebe Gott (oder wer auch immer) die Strapaze gesetzt. Und die waren in diesem speziellen Fall enorm und in Form böser Steigungen, und ich bin ein klitzekleines bisschen empört, hier kein Wort darüber zu lesen! Der Weg ins verwunschene Paradies war buchstäblich steil und steinig. Das sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt. Und wären die Duschen ein bisschen moderner gewesen, Erlengrund hätte Bettmar vorläufig vom ersten Platz verdrängt.

Mehr als zehn kleine Jägermeister – Kunstprojekt der fröhlichen Kümmerlingkonsumenten im Erlengrund

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