Tag 25 – von Vrouwenpolder nach Potsdam



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Tag 25 – von Middelburg nach Potsdam

So. Neue Woche, neues Glück. Und damit kommen wir gleich zur wichtigsten Frage des Tages: Wann ist eigentlich eine gute Zeit, um zu starten? Also, den neuen Tag entspannt, weil ausgeruht zu beginnen? Bevor hier irgendjemand Absurditäten in den Raum trötet, greife ich mal vor und erkläre: Definitiv ist 4.30 Uhr keine gute Zeit. Vollkommen indiskutabel. Maximal ok, um nach dem wattigen Lärmschutz zu tasten und sich in die Ohren zu schrauben. Liebe Daheimgebliebenen, liebe arbeitende Bevölkerung: 4.30 Uhr ist eine echte Kackzeit! Jeder, der um 4.30 Uhr aufstehen muss, wird von mir aufs allergrößte bedauert und bewundert. Ich finde 4.30 Uhr ist mindestens drei Stunden zu früh für alles.

Interessiert aber meine innere Uhr offensichtlich gar nicht. An diesem Montagmorgen um 4.30 Uhr macht es klack – meine Augen klappen auf, ich bin hellwach und gleichzeitig schreiend müde. Draußen ist irritierende Ruhe. Kein einziges Tirili, kein gedämpftes Tschilpen, kein scheues Kuckuck. Nüscht. Stille. Abgesehen vom leisen Schnorcheln im Nachbarschlafsack. Dafür kann ich nicht schlucken, ohne dass Reibeisenassoziationen vor meinem inneren Auge aufploppen. Mein Hals ist rau und wund und ich kann quasi seine Röte spüren. Ah, verdammt. Halsschmerzen! Ganz schlechtes Zeichen. Ich krame so leise es geht nach einem Bonbon, kuschele mich wieder in den Schlafsack und schlucke probehalber noch mal. Nein. Kein doofer Traum. Ich habe tatsächlich schmerzhafte Schluckbeschwerden. Ich werde krank? Echt jetzt? Keine 150 Kilometer vor Amsterdam? Gibt’s ja wohl nicht. Geht gar nicht. Ein winziges Gedankensamenkörnchen buddelt sich in mein noch träge arbeitendes Hirn. Ich kneife die Augen zu, es ist einfach noch viel, viel zu früh für alles. Ich beschließe, einfach nicht mehr zu schlucken, und während ich mich krampfhaft darauf konzentriere, schlafe ich wieder ein. Als ich das nächste Mal die Augen öffne, ratzt mein Frühaufsteher immer noch, sind die Halsschmerzen noch immer da, zeigt die Uhr immerhin schon 7.30 Uhr.

Das Gedankensamenkörnchen von 4.30 Uhr ist zu einem riesigen Gedankenbaum gewachsen, der nur eine einzige Frucht trägt. Name: Fahrverweigerung. Mein Hirn beginnt direkt zu arbeiten und der Gedanken rollt sich vor mir aus zu zwei Sätzen: „Ich möchte heute lieber mit dem Zug nach Amsterdam. Ich möchte mich nicht quälen müssen.“ Überrascht liege ich einen Moment still und lausche in mich. Hab ich das wirklich gedacht? Ich möchte mit dem Zug nach Amsterdam – statt mit dem Rad zu fahren? Ich will mich nicht quälen müssen? Und nur, weil ich ein bisschen Halsschmerzen habe?! Was stimmt denn mit mir nicht?

Verlassen, aber mit pünktlichem Zugverkehr. Ohne Probleme kann man in Holland sein Rad mit in den Zug nehmen.

Beim rauspellen aus dem Schlafsack, beim Schlappen suchen, auf dem Weg zu den Waschräumen, beim Zähneputzen – meine Gedanken kreisen nur darum, wie ich es formuliere, ohne dass es kränklich oder zickig oder nörgelig oder …. „Ich würde gerne mit Zug nach Amsterdam fahren“, sage ich schließlich, während wir beim Frühstück sitzen. Es ist gerade mal 9 Uhr, die Sonne brutzelt jetzt schon, wir haben alles zusammen gepackt und ich habe tatsächlich die Geduld aufgebracht, bis zu diesem Moment zu warten. Überraschenderweise scheint Christian beinahe erleichtert – gibt allerdings zu bedenken, dass es von hier aus schwierig wird nach Amsterdam zu kommen. Völlig egal. Er ist nicht enttäuscht. Alles andere wird sich finden. Innerlich gönne mir einen riesigen Behaglichkeitsseufzer. 

Und was dann passiert, irritiert uns beide – und entlastet uns augenblicklich. Es steht nämlich die Frage im Raum, ob wir überhaupt noch nach Amsterdam wollen? Jetzt, wo die Luft offensichtlich raus ist – aus unseren Körpern wie auch aus den Geldbörsen. Wäre es ein aufgeben, jetzt direkt nach Hause zu fahren? Wir sind uns geradezu absurd schnell einig: NEIN. Unser Ziel war immer Brügge. Amsterdam hatten wir als Endpunkt gewählt, weil man von dort aus schnell (weniger als sechs Stunden) und unkompliziert (entweder per Flix-Bus oder der Deutschen Bahn) zurück nach Potsdam kommt. Jeder betont, kein Problem damit zu haben, dieses Mal nicht nach Amsterdam zu fahren. Läuft uns ja nicht weg, versichern wir uns gegenseitig und sind glücklich und stolz und befreit, dass wir diese Entscheidung so leicht und mühelos getroffen haben.

Bis zum Bahnhof nach Middelburg sind es knapp sieben Kilometer. Und während wir in die Pedalen treten, denke ich bedauernd, vielleicht war mein Vorschlag vorschnell; vielleicht sind die Halsschmerzen gar kein Warnzeichen meines erschöpften Körpers, sondern nur die Probe auf Exempel, ob ich die letzten 150 Kilometer auch noch schaffen will. Doch dieser kleine Gedankenkonflikt löst sich in Wohlgefallen auf, als wir den Bahnhof nach einigem rumkurven durch die Fußgängerzone finden. Am Bahnsteig treffen wir auf ein holländisches Radlerpaar – er wirkt wie ein Guru für Bewusstseinserweiternde Seminare; ihr sieht man an, dass sie seit über 50 Jahren raucht und das bisschen, was sie isst, lieber in Hochprozentigem zu sich nimmt. Beide sind unglaublich herzlich und hilfsbereit. Gemeinsam hieven wir unsere vier vollgepackten Räder in den richtigen Zug. So unkompliziert ist das nämlich bei unseren holländischen Freunden: Jeder Zug – ob Regio oder IC – hat mehrere Radabteile. Sind sie voll, hat man Pech. Ansonsten steigt man mit seinem Rad einfach ein. Ohne Reservierung, ohne kompliziertes Prozedere à la Deutsche Bahn, die sich einmal mehr ein absolutes Armutszeugnis ausstellt, wenn es um Spontan-Reisen geht. Unter drei Tage im Voraus reservieren geht da nämlich schon mal gar nicht. 

Zwei fröhliche holländische Reiseradler, denen wir beim Aus- und Umsteigen behilflich sind.

Die beiden Radler bitten uns, ihnen beim nächsten Bahnhof mit den Rädern zu helfen, weil sie nur zwei Minuten Umsteigezeit haben. Machen wir gerne. In einiger Hektik werden erst unsere beiden Räder an den anderen Mitfahrenden bzw. Aussteigenden vorbei geschoben und auf dem Bahnsteig geparkt. Dann die holländischen Fietsen, </em>dann unsere Räder wieder rein. Wir verabschieden uns eilig, aber fröhlich, uns fliegen noch Kusshändchen zu. Sehr schräg die beiden, sagen wir noch und schauen verträumt aus dem Fenster. Etwa eine Minute nach der herzlichen Verabschiedung starrt Christian mich an: „Wir müssen hier auch umsteigen.“ Hä? Wie jetzt? Scherz? Nein. Mein Navigator macht keinen blöden Witz, sondern zieht schon sein Rad aus der Ecke. Ich tue es ihm nach, wir hieven unsere Räder raus. Zum Glück müssen wir nur den Bahnsteig wechseln – aber: Unser Zug fährt ganz vorne los. Und wir stehen selbstverständlich ganz hinten. Wir sprinten los, ich nutze das Rad wie einen Roller, weil, fahren traue ich mich dann doch nicht. Ich erreiche den hintersten Wagon, als das Geräusch der sich schließenden Türen erklingt. Ich  drücke wie blöd auf den Knopf, der die Tür wieder öffnet. Sehe vorne den Schaffner zur Abfahrt winken. Ich winke ihm zu, versuche verzweifelt zu signalisieren, wir brauchen nur noch einen Moment. Drehe mich um, Christian ist noch immer mindestens zehn Meter entfernt. Warum rollert er nicht, denke ich und brülle gleichzeitig seinen Namen. Drücke erneut auf den Knopf und endlich, die Tür zum Zugabteil öffnet sich. Ich entwickle Bärenkräfte und hieve mein schweres Rad ohne Hilfe ins Abteil. Schaue dabei in die staunenden Augen vom Guru und der Schnapsdrossel mit den knallroten Lippen. Und endlich erreicht auch Christian den Zug, schiebt den Silberpfeil neben Betty Blue. In buchstäblich letzter Sekunde. Die Tür schließt sich und schon rollt der Zug an. Aller Holländer, so richtig was gelernt haben wir die vergangenen drei Wochen irgendwie nicht, oder? Die nächste Bahn wäre in einer Stunde gefahren. Also – wozu eigentlich der ganze überflüssige Stress?

Wir lachen stolz, dass wir es geschafft haben. Unsere beiden holländischen Radler freuen sich, dass wir uns wiedersehen und unsere Plauderei hat die Qualität von alten Bekannten, die sich zufällig wiedersehen. Bevor sie im Abteil verschwinden, bittet die rotlippige Schnapsdrossel, beim übernächsten Halt mit den Rädern zu helfen, weil sie dann nur – richtig! – zwei Minuten Zeit zum umsteigen haben. Der Guru unterbricht seine flatterige Gefährtin und beruhigt: Sie haben ganze sieben Minuten. Na ja, dann. Sie entschuldigt sich, immer so nervös zu sein und dann erzählen sie uns von ihrem Tripp, der sie quer durch Holland geführt hat. Sie nutzen dabei vrienden op de fiets (Fahrradfreunde): Man melde sich im Internet an, zahlt einmalig eine Gebühr von 80 Euro und kriegt dann für ein Jahr lang ganze Häuser oder eben Wohnung vermittelt. Pro Person, pro Nacht für 39 Euro, inklusive Frühstück. Ist jetzt noch mal um einiges teurer als mit dem Zelt, dafür aber natürlich spannend, luxuriös und preiswerter als im Hotel zu übernachten. Und da der Guru und die Schnapsdrossel jeweils die 70 fröhlich  überschritten haben dürften, ist das natürlich eine super Alternative zum Zelten bzw. zum Hotel. Die Fotos, die sie auf ihrem Handy zeigt, machen jedenfalls Lust darauf, dieses „System“ auch mal auszuprobieren. So in zehn Jahren oder wenn wir beide reich und berühmt geworden sind. 

Dann kommt der Schaffner, will aber nicht etwa unsere Tickets sondern, sondern grinst uns an und fragt mit charmantem Akzent auf Englisch, ob ich das gewesen wäre, mit dem Aufspringen in letzter Sekunde. Ich nicke und entschuldige mich zerknirscht. Und er? Grinst diebisch erfreut und lacht: „You did a good job – I did a good job. Everybody is happy.“ Wie? Keine oberlehrerhafte Standpauke, die man sich bei der Deutschen Bahn mit gesenktem Kopf hätte anhören müssen? Nee. Es gibt ein Lob, dass wir so pfiffig waren, den Zug noch geschafft zu haben. Komm, Liebling, lass uns zu den Holländern ziehen.

So komfortabel reisen Räder bei der holländischen Bahn: Mit eigener Parkbucht, wo sie niemanden stören.

Der Guru hatte behauptet, in Hengelo würde es einen Bahnschalter der Deutschen Bahn geben. Da könnten wir dann unsere Rad-Reservierung bekommen. Deswegen sind wir ziemlich entspannt, was unsere Weiterfahrt nach Potsdam angeht. Denn via Internet können wir zwar zwei Sitzplätze für uns reservieren, aber nicht für unsere Räder. Ich schalte per whatsapp Christians Schwester ein, die unschlagbar ist, wenn es um recherchieren von unmöglichen Dingen ist. Aber auch Jule kann nicht weiterhelfen. Wir vertrösten uns gegenseitig auf Hengelo. Und natürlich kommt es, wie es kommen muss: Es gibt dort keinen Schalter der deutschen Bahn. Dafür bekomme ich eine „Notfallnummer“, die ich anrufe. Auf Englisch erkläre ich unseren Wunsch – wir möchten noch heute nach Deutschland, mit unseren Rädern. Familienangelegenheit. Dringend und so. Ein bisschen auf die Tränendrüse würde helfen, dachte ich. Tja, nicht denken, nachdenken. Hätte ich das getan, wäre mir wieder eingefallen, dass bei der Deutschen Bahn (und bekanntlich nicht nur da) größter Wert auf Umständlichkeit und Kundenunfreundlichkeit gelegt wird.  Die freundliche Holländerin bestätigt das auch, gibt alles – kann uns nach 20 Minuten aber auch nur Tickets inklusive Radreservierung für den folgenden Tag, 14.30 Uhr ab Osnabrück organisieren. Ich sehe mich schon mit den Eltern meines besten Freundes telefonieren, ob sie uns in ihrem Garten zelten lassen würden. Ich gebe meine Kreditkartennummer am Telefon durch (Ich will keinen Kommentar hören! KEINEN!), bestätigte die Zahlung von 99 Euro für zwei Personen und zwei Räder und entscheide dann gemeinsam mit Christian, dass wir auch versuchen können, uns mit den Regionalbahnen nach Hause durchzuschlagen. Das, was ich vor einer halben Stunden noch vehement abgelehnt hatte, erscheint mir angesichts der drohenden Zeltnacht in irgendeinem Osnabrücker Garten jetzt doch irgendwie verlockend. Also verschweige ich, dass die Tickets bereits per Visa bezahlt sind und denke: Hm, blinden Aktionismus muss man sich auch leisten wollen.

Ach, und irgendwie ist es alles sehr vergnüglich. Wir haben zu trinken, genug zu essen, die Sonne scheint und irgendwie ist es absurd, dass wir jetzt mit der Bahn nach Hause fahren. Christian freut sich auf unser trautes Heim, ich habe dazu keine Meinung. Nee, stimmt nicht. Ich würde lieber mit dem Rad weiterfahren. Gleichzeitig bin ich aufgrund meiner Erschöpfung  auch dankbar, heute nicht radeln zu müssen. (Äh, Moment mal. Wo sind eigentlich meine Halsschmerzen?) Wir fahren in kleinen Abschnitten durch die Niederlande zunächst bis nach Niedersachsen. Fast alle wären sie Tagesetappen mit dem Rad. In der  Westfalenbahn haben wir eine sensationell freundlich-witzige Schaffnerin, die uns Vorschläge macht, wie wir am besten weiterkommen. Hat Christian zwar alle Verbindungen längst per Handy organisiert, aber ich habe das Gefühl auch ein bisschen was zu unserer Rückreise beitragen zu wollen.
Dann steht auf der Kippe, ob wir überhaupt die letzte Bahn ab Magdeburg bekommen. Ich bin dafür, jetzt schon (es ist 17.30 Uhr) einen möglichen Abholdienst zu organisieren. Mir fallen auf Anhieb zwei Freundinnen und Schwägerin Jule ein, die diesen Job erledigen könnten. Christian ist dagegen, dass wir jemanden mit unserer Angelegenheit behelligen. Dieser Moment hat tatsächlich mehr Streitpotential als alles, was wir in den vergangenen Wochen miteinander erlebt haben. Aber wer will sich schon das Ende eines unglaublichen Abenteuers versauen, indem er auf seiner Meinung beharrt? Christian will es jedenfalls nicht und nimmt mir damit den Wind aus den Segeln.

Hauptbahnhof im niedersächsischen Braunschweig, 18.30 Uhr und ganz 7 Minuten Zeit zum Umsteigen.

Ich beginne für unseren Blog zu schreiben, Christian liest. Wir schaffen mit Leichtigkeit den Regio von Braunschweig nach Magdeburg und kniffeln im leeren Abteil eine große Partie. Überhaupt vergeht die Zeit unglaublich schnell. Viel zu schnell. Alles läuft so unverschämt unkompliziert – kenm’ ich sonst nicht von der Bahn -, dass wir Montagnacht, bzw. Dienstagmorgen um 1.10 Uhr auf dem Potsdamer Hauptbahnhof die Räder aus dem letzten Regio dieser Nacht, die Rolltreppe erst hoch und dann wieder runter schieben. Unglaublich. Unfassbar. Noch vor 13 Stunden saßen wir irgendwo in Holland – jetzt sind wir zuhause.
Der Vollmond begrüßt uns. Wir schwingen uns auf unsere Räder, machen einen kurzen Zwischenstopp bei unserer Lieblingskneipe, die gerade schließt und wo man uns offensichtlich überhaupt nicht vermisst hat. Wir radeln weiter durch die laue Sommernacht und sind uns einig: Eigentlich könnten wir die ganze Nacht durchfahren nach … wohin auch immer.

An diesem Morgen spielen viele Faktoren für unsere Entscheidung eine Rolle. Klar, das Wetter der letzten Tage war unglaublich anstrengend und die uns heimsuchenden Krankheiten ebenfalls. Finanziell war zumindest ich am selbstgesetzten Limit, auch wenn Amsterdam sicher gerade noch zu stemmen gewesen wäre. Allerdings stellt sich mir die Sinnfrage dieses Unternehmens: Fahren wir jetzt mit dem Zug nach Amsterdam, um uns die Stadt im Zweitageseiltempo anzuschauen, nur um dann wieder mit dem gleichen Zug in die Gegenrichtung zu fahren? Denn sicher ist eines: Mich stören die Räder in Großstädten erheblich. Was mich auf dem Land unglaublich flexibel und frei macht, erweist sich in Städten oftmals als ziemlicher Bremsklotz. Nein, ich will nicht mit dem Rad durch Amsterdam, auch wenn es eine der fahrradfreundlichsten Städte auf diesem Kontinent sein soll. Amsterdam anfahren, nur um im Nachhinein behaupten zu können, in Amsterdam gewesen zu sein? Alles in allem spricht für mich viel gegen die Fortsetzung der Reise, aber nichts so sehr wie die Tatsache, dass ich einfach unglaublich erschöpft bin und gleichzeitig super aufgeregt, auf das, was da jetzt vor mir, vor uns liegt: Ein neuer Abschnitt im Leben. Und ich kann ihn kaum erwarten.
Ja, ich möchte jetzt nach Hause und ja, ich bin glücklich mit der Entscheidung und ja, ich bin fröhlich, als wir in Middelburg ankommen und den Zug besteigen können. Die letzten 6 Etappen der Tour liegen jetzt zwar noch vor uns, aber diese werden wir heute alle in einem Rutsch erledigen. Auch wenn es zwischenzeitlich so aussieht, als würden wir irgendwo für eine Nacht stranden, habe ich wie immer Vertrauen in das Leben.
Und während wir aus den Zugfenstern schauen, erkennen wir hier und dort Stellen und Orte, die wir Tage oder Wochen zuvor aus eigener Kraft erreicht haben. Mir fallen Geschichten zu ihnen ein, und Stimmungen, die unser Handeln bestimmt haben, werden wieder spürbar. Und am Ende des Tages werden aus den heute Morgen geplanten 64 Kilometern plötzlich 862 Kilometer. Meine Erschöpfung, die mir in den letzten Tagen so unaufhaltsam in die Knochen geschlichen ist, weicht der Freude, endlich wieder zu Hause zu sein. Und noch etwas fällt mir auf, nämlich, dass man den viel beschworenen Punkt des Aufhörens oftmals verpasst. Wenn es am schönsten ist… Dazu habe ich ganz klar eine Meinung: Man weiß erst auf der Talfahrt, wann man den Höhepunkt überwunden hat. Und dann, nicht vorher, sollte man den Punkt zum Absprung finden. Ich glaube, das haben wir ganz gut geschafft. Ohne Plan, sondern nur aus dem Bauchgefühl heraus.

 

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Tag 19 – Ruhetag in Antwerpen



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Tag 19- Ruhetag in Antwerpen

Als ich aufwache, war Christian schon beim Supermarkt, hat kleine Obstkuchen und Käsekuchen und zwei Kerzen (eine drei, eine zwei) gekauft und ich bin gerührt. Das Handy, was ich tagsüber ausschließlich als Kamera nutze, bleibt auch an diesem Morgen aus. Ich habe Geburtstag und bin froh, ihn nicht zu feiern, sondern nur zu genießen. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und meine neue Bekannte vom Vorabend aus dem Waschraum lädt Christian und mich auf einen Espresso ein. Mary und Robert aus München urlauben seit 15 Jahren mit ihrem kleinen Wohnwagen (Knutschkugel) durch die Weltgeschichte und ich hatte mich schon gestern in das fahrende Zuhause verknallt. Heute kann ich es mir von innen ansehen und bin entzückt. Ein echte Alternative zum Zelt – in zehn Jahren oder so.

Geburtstagsfrühstück auf Belgisch: So kann man das neue Lebensjahr auch ganz wunderbar feiern

Wir stehen also zusammen, plaudern ein bisschen und dann schließen wir uns Mary und Robert, die ihre Räder dabeihaben, spontan auf deren Weg zum MAS (Museum aan de Stroom) an. Wir haben große Lust mit diesen beiden reizenden Bayern ein paar Stunden zu verbringen. Der definitive Vorteil: Mary recherchiert viel und gerne und erfolgreich. Deswegen weiß sie auch, dass es in unmittelbarer Nähe des Campingplatzes eine kostenlose Fähre gibt. Und die nutzen wir, um die Schelde zu überqueren. Schon vor Abfahrt der Fähre kommen wir ins Gespräch mit einem bärtig-bärigen Brillenträger Mitte 40. Der Sohn eines Pastors ist in Antwerpen hängen geblieben, lebt hier seit 30 Jahren und überschüttet uns mit Informationen, von denen bei mir nur hängen bleibt: In den kommenden Jahren wird das Ufer begrünt, werden die alten Lagerhallendächer abgerissen. Und: Antwerpen ist die Stadt der Gegensätze. Sie galt lange als das Venedig Belgiens, bis in den 70er Jahren viele historische Gebäude, die vom Krieg verschont geblieben waren, abgerissen wurden und durch scheußliche Hochhäuser ersetzt wurden. Und: Das neue Lotsenhaus sieht aus wie ein gestrandetes Schiff mit einem aufgesetzten Diamanten. Und dann noch dieses: In Rotterdam darf jeder ein Hochhaus bauen, solange es sich nur von denen unterscheidet, die bereits existieren. Was unser selbsternannter freundliche Stadtführer eigentlich arbeitet, wissen wir nicht. Ich glaube, er sollte Stadtführer sein. Ein unglaubliches Wissen geballt in einem netten Kerl. Wir lernen auch, das Antwerpen nie in der Hanse war, weil sie die Zölle und Gebühren nicht mit den anderen Mitgliedern teilen wollten.

Vermutlich DAS Wahrzeichen von Antwerpen: Der beeindruckende Kubus MAS (Museum aan de Stroom)

In wenigen Minuten ist die Schelde überquert, wir rollen von Bord und steuern das MAS an. Ich kann mich selten bis nie für moderne Architektur begeistern. Ich stehe mehr auf Jugendstil und so. Aber das MAS-Bebäude mit seinen roten Granitsteinen, die übrigens aus Indien stammen und nur noch ein einziges Mal in Europa verbaut wurden, und zwar in Berlin, das beeindruckt mich. Die (derzeit) 3184 silbernen Hände, die von weiten wie Nietnägel in den Quadern aussehen, die gewellten Glasfassaden – das ist schon einmalig und sehr beeindruckend. Wir fahren mit den Rolltreppen Stockwerk um Stockwerk nach oben, bewundern die riesigen von Rubens inspirieren Fotos vom belgischen Künstler Athos Burez deren Farbintensität und Motive von einer brachialen Wucht und gleichzeitig zarten Komposition sind (ja, ich kann auch in Kunstkritik.) Von oben betrachtet hat Antwerpen die selbe Wirkung wie am Vortag: Irritierend, auf gar keinen Fall anziehend. Es ist ein chaotisch-kreatives Bild, was sich uns darbietet und wir wissen bis zu unserer Abfahrt nicht, was wir von dieser Stadt eigentlich halten sollen. Der Aufstieg zur Dachterrasse ist übrigens umsonst. Eintritt muss man nur für das eigentliche Museum bezahlen. Als weiteres kostenloses Highlight kann man sogar noch eine Etage mit derzeit nicht ausgestellten Objekten besuchen und bekommt somit als Bonus einen Blick hinter die Kulissen des Museums. Das MAS ist definitiv einen Besuch wert, auch wenn wir unzähligen Schulkindern begegnet sind, deren Lehrer wohl bei dem halbherzigen Wetter keinen rechten Bock auf klassischen Unterricht hatten.

Christian, Mary und Robert (v. li. n. re.) bekommen vom freundlichen Deutsch-Belgier Infos zu Antwerpen

Es wird kühler, wir finden den perfekten Kartenladen und kaufen endlich eine gescheite Radkarte und können die von der Tankstelle dem Müll überlassen. Ich möchte noch in die Peter-und-Paul-Kirche. Auch wenn mich schon 1996 als Atheistin durchaus wohl fühle und mit Kirche als Institution nichts am Hut habe – die Gebäude faszinieren mich immer aufs neue. Weil ich mir immer bewusst bin, was die Menschen vor vielen Jahrhunderten ohne modernste Technik geschaffen haben. Ob es Holzschnitzereien oder Steinarbeiten sind – ich verneige mich voller Ehrfurcht vor den Erbauern, Erschaffern, den Künstlern. Hier sind es vor allem die dreidimensionalen Holzschnittarbeiten vom Leidensweg Christi. Die Brutalität der Geschichte wird für mich fühlbar wie nie zuvor. Der Sohn Gottes scheint mit jedem der 13 Bilder zu altern. Die Gesichter der geschnitzten Figuren sind von beunruhigender und erschütternder Lebendigkeit. Sie sind bedrückend und gleichzeitig faszinierend. Gerne würde ich über das dunkelbraune Holz streichen, die Linien der Gesichter, der Kleider mit den Fingerkuppen erkunden – aber natürlich tue ich es nicht. 

Mary und Robert verabschieden sich noch in der Kirche flüsternd mit inniger Umarmung von uns – sie wollen weiter. Wir haben Handynummern und Emailadressen getauscht und werden versuchen, in Kontakt zu bleiben, uns vielleicht noch mal zu treffen. Kaum sind die beiden weg, vermissen wir sie schon. Sie sind uns in wenigen Stunden ans Herz gewachsen.

Als wir die Kirche verlassen, ist mir so kalt, dass ich den nächstbesten Klamottenladen entere, von einer jungen Schäferhündin aufs stürmischste begrüßt werde und innerhalb von sieben Minuten den Laden mit einem langärmeligen giftgrünen Pulli mit V-Ausschnitt für 29 Euro wieder verlasse. Auf der Suche nach einem Fahrradladen (Christian will seit Tagen sein defektes Rücklicht ersetzen), bekommen wir einen kleinen Eindruck vom anderen, vom quirligen, bunten, individuellen und kreative Antwerpen. Aber mir fehlt die Lust, jetzt noch zu bummeln. Auch im dritten Radladen wird uns nicht weitergeholfen. Hier sind sie inzwischen so auf E-Bikes fokussiert, dass ein schlichtes zu verkabelndes Rücklicht nicht zu haben ist. Nie bekomme ich, was ich will!!! Ich hätte auch ein giftgrünes Rücklicht genommen, aber nix da. In Antwerpen werde ich einfach nicht fündig. Ich bekomme langsam das Gefühl, analoge Fahrräder sind  out. Zurück auf unserem Zeltplatz wird gekocht, gegessen und dann komme ich nicht mehr drum rum: Ich höre meine Mailbox ab, freue mich über die vielen lieben Glückwünsche zum Geburtstag (und bedanke mich in den kommenden Tagen sukzessive bei jedem per sms). Beim anschließenden Mega-Kniffel verkünde ich meinen Entschluss fürs kommende Jahr: Ich will nicht nach Kuba fliegen, sondern eine große Radtour machen. Christian lächelt milde und ich glaube, auch ein bisschen fröhlich. Aber jetzt geht’s erst mal nach Brügge. Und zwar in nur noch zwei Etappen.

Egal ob von oben oder unten: Antwerpen ist irritierend ob seiner chaotischen Architektur

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Tag 14 – von Wesel nach Altfeld



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Tag 14- von Wesel nach Altfeld

Superlative. Wer hat die eigentlich erfunden? Und: Wozu braucht es die noch mal genau? Ja, richtig, um den Größenwahngeiern eine Plattform zu bieten. Damit die dann später angeben können: Ich fraß das größte Schnitzel. Ich habe den größten Wohnwagen oder eben: Ich war auf Deutschlands größtem Campingplatz. Der liegt übrigens auf einer Insel mitten im Rhein und ist so überflüssig wie ein Kropf. Wir könnten jetzt natürlich mit Zahlen, Daten, Fakten um uns werfen – aber mal ganz ehrlich, wen interessiert es, ob Jürgen Ich-bin-der-König-von-Mallorca-Drews und diverse DSDS-Nasen hier ihre nichtssagenden Schlager trällern?
Ok, Preismäßig ist der Platz Grav-Insel mit seinen 2000 Stellplätzen (in Worten: Zweitausend! Absurd!) bislang ungeschlagen: Gerade mal 11 Euro hat uns Bernd mit dem trocken-herzlichen Humor pro Nacht berechnet. Duschen kostet nicht extra. Trotzdem verweigere ich am Morgen nach einer ungemütlichen Nacht auch hier den geplanten Ruhetag und Christian ist mehr als einverstanden. Es ist stürmisch, kalt. Um meinen Schlaf nicht zu stören, sitzt mein tapferer Navigator bei gefühlten Minusgraden im Vorzelt, plant unsere nächste Etappe. Ich habe die Augen noch nicht ganz auf, als ich ihn anranze: Hier bleibe ich nicht, wir fahren. Wer ist schon zu liebevoller Kommunikation in der Lage, bei 11 Grad, grauem Himmel, Sturm und dem Wissen, dass die Toiletten knapp 350 Meter entfernt sind? Und wenn du duschen willst, brauchst du entweder flotte fünf Minuten zu Fuß oder fährst eben 504 Meter mit dem Rad – und wir sind im vorderen Drittel des Campingplatzes. Nur, um noch mal zu veranschaulichen, von welch irrsinnigen Dimensionen wir sprechen. Der Frust speist sich aus dem Wissen, dass dies nun schon der zweite Platz ist, der für die dringend notwendige Erholungsphase, sprich für einen entspannten Ruhetag, nicht taugt. Jammern hilft nicht. Ruff uff den Drahtesel und ab geht er, der Peter. Aller guten Dinge sind schließlich drei. (Es ist schon spannend, wie unterschiedlich Campingplätze hierzulande sind. Inzwischen haben wir geglaubt, alles schon einmal gesehen zu haben. Aber weit gefehlt. Wesel ist in allen Belangen EXTREM. Im Gegensatz zu Tina war ich als Kind nie campen, kann mich aber sehr gut an die teilweise sehr einfache Ausstattung in Osteuropa erinnern. In Wesel sind die Duschen groß genug, um mit dem Elektrorollstuhl hineinzufahren, was wahrscheinlich den Bedürfnissen deutscher Camper zunehmend gerecht wird. Aber besser wird der Campingplatz dadurch auch nicht. Hier ist eine Kleinstadt in der Nähe einer inzwischen fast unbezahlbaren Stadt gegründet worden. Und das, obwohl die Lage im Rhein durchaus nicht die beste zu sein schein. Immer wieder gab es im Laufe der Bestandszeit Überflutungen und der für uns zuständige Platzwart lächelt lediglich, als wir ihm gegenüber den Wind ansprechen und meint ¨Das ist hier immer so¨. Nein, für einen Ruhetag taugt dieser Platz absolut nicht und ich beginne mich zu fragen, warum so viele Menschen in diese Slums ziehen.)
Eigentlich wollen wir uns die 11 Euro für die zweite Nacht und die drei Euro für das nicht genutzte WLAN zurückholen. Drei Euro für 24 Stunden – das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie finanzieren das eigentlich die Dauercamper? Blöderweise sitzt an diesem Morgen nicht unser neuer einbeiniger Freund (er hat einen Bruder und der wohnt in Potsdam. So was verbindet in der Fremde natürlich ungemein) in der Schaltzentrale. Ein brummeliger (weil übermüdeter?) Zausel um die 68 verweist auf die Verwaltung, die aber erst 17 Minuten später besetzt wäre. Zu gereizt, um bis 10 Uhr zu warten, beschließe ich den Aufbruch – ohne Diskussion.

Eigentlich müssten wir jetzt zurück nach wie-heißt-der-Bürgermeister-von-Wesel?-Esel!-Wesel, um dann weiter fahren zu können. Ach, man muss dem geliebten Routenplaner nur mit sanfter Bestimmtheit erklären, dass man überhaupt gar keinen Bock auf die sieben Kilometer zurück hat, als Totschlagargument wirkt wilder Rückenschmerz ja sowieso immer und wenn man dann mit einem grimmigen Gesichtsausdruck andeutet, dass die Stimmung sowieso kurz davor ist, in den Abgrund zu stürzen, da taucht aus dem Nichts eine Fähre auf, mit der man über den Rhein setzen kann. Na, also. Geht doch. 

Heftiger Gegenwind, grauer, wolkenverhangener Himmel, kleinköpfige Margeriten, die sich rechts und links neben dem historischen Postdeich biegen, dem Plüstern sich entgegenstemmende, frisch geschorene Schafe, kaum weitere Radler und – Hunger. Es gab nicht mal Tee, weil? Richtig, weil’s zu stürmisch ist. Eine Zumutung, jawohl! Eine Zumutung, nach all den wunderschönen, sonnigen, entspannten Touren. Eben war noch Sommer, jetzt ist schon wieder Herbst? Ja, was stimmt denn mit dem Wetter hier nicht? 


Als wir gefühlte 20 Kilometer später endlich die Fähre erreichen, hält gerade ein Golf mit Fahrradanhänger. Quietschfiedele Grauköpfe – vier Pärchen – schnattern fröhlich durcheinander, freuen sich auf ihre Tagestour, und während die Herren der Schöpfung die Räder vom Hänger hieven (natürlich nur schicke E-Bikes), übertrumpfen sich die Damen gegenseitig mit ihren für den Tag vorbereiteten Verpflegungsboxen. Meine Laune sinkt derweil ins Bodenlose. Die Fähre fährt täglich – außer Donnerstags. NATÜRLICH ist heute Donnerstag. Ich fasse unser Pech nicht und bin zu frustriert, um mehr als “Das kann ja wohl nicht wahr sein, so eine verdammte Scheiße!” in unterschiedlicher Intonation von mir zu geben. Christian ist ebenfalls angesäuert. Einzig die holländische Reiseradlerin nimmt es mit Gleichmut und fährt dann eben denselben Weg zurück, den sie vor wenigen Minuten gekommen ist. Unter den Senioren bricht Gelächter aus und der offensichtliche Organisator gesteht munter ein, da hätte man sich wohl besser erkundigen sollen. Verdammte gute Laune! Wir dagegen finden, sowas gehört großformatig entlang des Radweges als Infotafel aufgestellt. Am besten schon ab Wesel.
(Und hier muss ich zugeben: Auch ich hätte mich natürlich erkundigen können und sollen.)

Wir treten also den Rückweg in die unsympathische Stadt an. Ich bleibe sechs bis zehn Fahrradlängen hinter Christian, um mich ausgiebig in wütendem Selbstmitleid zu suhlen. Es ist der 14te Tourtag, der 12te Fahrtag und ich bin mal wieder sauer. Sauer auf das Wetter, die Rückenschmerzen, die Kamikaze-Autofahrer, die schlechten Radwege, kurz, aufs Leben. Hilft aber nix. Von alleine geht’s nicht von Wesel zum nächsten Campingplatz. Da hilft nur treten. Gleichmäßig, ohne noch darüber nachzudenken. Inzwischen sind wir seit echten 20 Kilometern unterwegs. Entschuldigung – ich bin Diabetikerin! Ich brauche was zu essen! (Sage ich natürlich nicht laut. Das wäre zu einfach!) Obwohl ich ziemlich sicher weiß, dass meine schlechte Stimmung in einer wenigstens zehn Quadratmeter dichten, dicken Wolke um mich herumwabert, und damit auch Christian einhüllt, fällt mir nix ein, sie aufzulösen als unfreundlich zu granteln, dass ich nicht mehr kann und was essen muss. Der nächste Discounter ist unserer.
Auf einem unbelebten Marktplatz zwischen zwei Kirchen finden wir eine Bank in der Sonne und stopfen schweigend Brötchen und Aufschnitt in uns rein. Es ist 12 Uhr, die Temperaturen sind endlich wieder so, wie wir es mögen und ich erkenne einmal mehr: Essen hebt die Stimmung. Mein Christian legt schweigend den Mantel der uneingeschränkten Liebe und Toleranz über meine Miesepetrigkeit, wir sind uns einig, dass man in diesem Städtchen eigentlich nur an Langeweile ersticken kann und pfeifen großzügig auf unsere Arroganz, die wir immer dann an den Tag legen, wenn wir nicht so wirklich gut drauf sind. Und heute Vormittag sind wir einfach mal richtig schlecht drauf.

Das bleibt auch noch einige Kilometer so. Dann biegen wir auf die Zielgrade des heutigen Tages – eine Landstraße, die auch schon bessere Zeiten gesehen hat -, und stoppen. Mai ist nämlich eine prima Zeit, wenn man auf Kindchen Schema geprägt ist. Und wenn einer das ist, dann icke. Und zwar uneingeschränkt, ohne Wenn und Aber. Küken, Fohlen, Lämmer, Kälbchen – sie alle sind uns über den Weg gehopst, gestolpert, gewackelt und gestakst. Kurz vor dem Ziel – Campingplatz Altfeld – stoppt Christian. Er kennt mich. Er weiß, was meine Laune schlagartig hebt. Und wenn es schon kein Hund ist, der sich streicheln lässt – die drei Kälbchen zaubern mir ohne Anstrengung ein verzücktes Lächeln ins Sonnenbrandige Gesicht. Die drei – nennen wir sie der Einfachheit halber Justus, Bob und Peter – sind unendlich niedlich in ihrer kuhäugigen, langsamen Neugierde. Peter – komplett braun – geht zwei Schritte vor. Blick zu uns. Blick zu Bob und Justus. Einen weiteren Schritt. Halt. Bob – komplett weiß – stupst von hinten. Blick zu uns. Senkt den Blick, beginnt demonstrativ desinteressiert zu grasen. Peter dreht sich um zu Justus – schwarz-weiß gefleckt. Der geht seitwärts zum Zaun. Blick zu uns. Einen Schritt vor. Noch einen. Und noch einen. Kopf senken, grasen. Bob und Peter drängen sich an ihren Anführer. Der entscheidet sich für einen weiteren Schritt. Zuviel für Peter. Der macht einen kleinen Hopser und vergrößert den Abstand zwischen uns (mit abgerissen Grasbüscheln in den Händen und freundlichen Stimmen lockend). Bob beschließt sich Peter anzuschließen. Jetzt kann sich auf Justus nicht mehr durchringen, seiner Neugierde und vor allem seinem ewigen Hunger nachzugeben, und die dargebotenen frischen Gräser aus der Hand von zwei verschwitzten Reiseradlern zu fressen. 
Wir vergessen wieder einmal die Zeit und erfreuen uns an den drei Kälbchen, die tatsächlich wie Freunde wirken, die nichts ohne den anderen tun würden. Sie verlieren ihr Interesse und wir schwingen uns wieder in die Sättel. Ich zugegebenermaßen ganz glücklich. 

Dieses warme Gefühl soll sich weniger als eine halbe Stunde noch steigern. Als wir nämlich den Campingplatz von Siggi Hoppe erreichen, weiß ich sofort: Hier möchte ich unseren Ruhetag verbringen. Ach, naives Ding ich. Es ist Donnerstag vor Pfingsten, morgen wird der Swimmingpool eröffnet, das ganze Dorf freut sich schon. Diese winzigen Details überhöre ich – denn Marla hopst fröhlich auf mich zu und lässt sich sofort kraulen. Marla ist zwei, eine Appenzeller-Senn-Hündin, und wickelt mich schneller um den Finger, als ich verliebt seufzen kann. Ich will wieder einen Hund, denke ich in dieser Sekunde. Wieder so einen freundlichen, lustigen, fröhlichen Köter mit langen, seidenweichen Ohren. 

Siggi nimmt uns gerne für zwei Tage auf. Wir bekommen einen Platz neben einer Hütte zugewiesen, in der sich eine Küche inklusive Kühlschrank und eine Toilette befindet. Nur für uns. Ich bin begeistert und sicher – das wird ganz wunderbar. Mich kann nicht mal der ältere Herr schräg gegenüber, der seine zwei Quadratmeter Rasen akribisch mit dem Benzinrasenmäher auf Wimbleton-Länge stutzt, aus der Ruhe bringen. Und sobald das Zelt steht, fährt Christian in den nächsten Ort und frischt unsrer Lebensmittelvorräte auf. Ich bin auch nicht untätig und schreibe diesen Bericht. 

Ein opulentes Abendmahl, ein Spaziergang über das Gelände inklusive Erkenntnis, auch hier sind die Dauercamper von großer Kreativität, wenn es darum geht, ihre Eigenheime zu verbarrikadieren. Als es Zeit ist für den Schlafsack, bin ich mit dem Tag versöhnt. 

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Tag 11 – von Bad Rothenfelde nach Senden



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Tag 10- von Bad Rothenfelde nach Senden

Oh ja, so kann es gern weiterlaufen. Heute passt einfach Alles!
Die Stimmung ist gut, das Fass schnell geräumt und da das Zelt noch Zeit zum trocknen benötigt, können wir ganz in Ruhe trödeln und kommen so zwar erst um 11:30 Uhr vom Platz, dafür aber sehr entspannt.
Der nächste Supermarkt ist schnell gefunden und so versorgen wir uns erst einmal mit Frühstück und dem notwendigen Reiseproviant. Aus Tinas Packtaschen bauen wir uns einen Frühstücksraum direkt auf dem Parkplatz der Freiwilligen Feuerwehr von Bad Rothenfelde, die gestern während des Unwetters wahrscheinlich im Dauereinsatz war. Und weil heute hier alles so ruhig ist, philosophieren wir ein bisschen über das architektonisch wirklich schöne Gebäude.  Grauer Backstein mit dezenten roten Elementen, d.h., pro Fensterrahmen eine rote Leiste. Irgendwie fast schick.

Der heutige Fahrtag steht gerade noch überhaupt nicht fest. Wir haben zwar ein Zwischenziel, nämlich Haltern am See, das ist aber insgesamt nur 95 Kilometer entfernt. Also steht die Frage im Raum, heute kurze Etappe, dafür morgen eine längere, oder heute lang und morgen kurz?

Im Kranencamp können wir das alles alleine nutzen, denn die anderen Reisenden haben Wohnmobile

Ein Campingplatz liegt vor dem Ort Senden und einer dahinter. Wir knobeln, kommen aber auf Grund des Unwissens über unsere Fitness zu keinem eindeutigen Ergebnis. Da beide Plätze fast direkt auf der Strecke liegen, entscheiden wir später zu entscheiden. Klingt sinnvoll. Alter Schwede, sind wir flexibel.
Ich hoffe, ich liege richtig mit meiner Ortsbezeichnung, denn wo das Münsterland anfängt, aufhört und mittendrin ist, scheint keiner so genau zu wissen. Wir schon gar nicht. Jedenfalls hat uns das Münsterland lieb und unser treuer Begleiter, der Rückenwind, ebenso. Es läuft alles wie am Schnürchen. Kleine, idyllische Ortschaften wechseln sich ab mit kleinen, idyllischen Wäldern, mit kleinen, idyllischen Äckern, mit kleinen, idyllischen Bächen… ach, nach dem Ruhetag ist irgendwie alles idyllisch und so überfahren wir die Grenze nach Nordrhein-Westfalen, ohne es überhaupt zu bemerken. Keine unnötigen Pausen, keine kräftezehrenden Berge, nur ein bisschen Spießigkeit und dank des Navis kaum Verkehr. Schon witzig, dass ich da vorgestern noch im Schlusssprung reinhopsen wollte.

So landen wir auch in Rekordzeit in dem kleinen, und sehr süßen Städtchen Telgte – gesprochen Tellchte –, das wir kurzerhand zum Mittagspausendomizil erklären. Kurze Rechnung: Es ist knapp 14 Uhr und wir haben tatsächlich schon Halbzeit. Und das, obwohl wir erst um 12:15 Uhr Bad Rothenfelde gestartet sind. Looft! So können wir die Zeit noch für ein paar andere Dinge nutzen und Tina besorgt sich in der Apotheke ein Super-Spezial-Kunststoffpflaster, da ihr Sensor sich abzulösen droht. So Super-Spezial, dass es auch knapp 15 Kilometer halten wird. Ich hingegen kümmere mich um die wirklich wichtigen Dinge im Leben und kaufe ein Eis, bei einer sehr jungen Verkäuferin, die mir für vier Kugeln dann auch echt zwei Euro abnehmen möchte. Ich rechne nach und flüstere ihr dann zu ¨Nee, vier Euro! ” Ihr Chef verdreht die Augen und erwartet, dass wir es ihm von den Lippen ablesen: “Sie ist noch neu.” Das Mädchen wird rot, wir nicken und versichern, alles prima. Ich kann Gewicht von meiner Geldbörse in meinen Magen um verlagern (was übrigens viel zentraler und schwerpunkttechnisch auch optimaler ist), Tina hat ein enttäuschendes Pflaster Für zehn Euro, der Eisdielenchef (natürlich Italiener) vier, statt nur zwei Euro mehr in der Kasse und die junge Dame bald garantiert wieder mehr Tagesfreizeit. Top! Alle zufrieden, dann ab aufs Rad gen Münster. Zu Münster sei gesagt, dass hier nicht nur der beliebteste “Tatort” Deutschlands entsteht, sondern dass es auch eine der fahrradfreundlichsten unseres Landes ist. Mein Navi schlägt uns trotzdem die Umfahrung vor und so werden wir es vermutlich nie erfahren.

Darauf sind sie im Kranencamp stolz: Den eigenen Hafen, unweit vom Kanal

So stoppen wir erst wieder in dem südlichen Vorort Angelmodde, das uns mit seinem durchquerenden Flüsschen zu einer kleinen Hitzepause einlädt. Hier können wir allerhand seltsames Getier beobachten, allem voran eine Dame, die in kompletten Sätzen zu ihrem extrem übergewichtigen Kinderersatz namens Hund spricht und sich sehr darüber ärgert, dass Daisy ihren komplexen Ausführungen nicht folgen kann. Warum greife ich an solchen Stellen eigentlich nicht freundlich und bildungsbewusst, sprich besserwisserischer ein? Erkläre der Zweibeinerin am Ende der Leine, dass ihre Daisy nur deswegen immer das angeblich falsche tut, weil sie verwirrt ist von Frauchens Unsicherheit? Ach, ihr Hundeshalter dieser Welt. Hört endlich auf, eure Tiere zum Kinderersatz zu degradieren. Lest einfach mal ein Buch, wie z.B. Hunde funktionieren. Ich bin sicherlich kein Experte, aber ein vorwurfsvolles “Daisy! Jetzt hör aber mal auf, da geht es doch nicht lang. Du musst doch nicht immer da gehen, wo du nicht sollst. Und jetzt komm endlich, hier lang.” -, KEIN noch so kluger Hund dieser Welt versteht auch nur ein Wort. Ich habe ungefähr sechs Kilometer lang darüber nachgedacht, mit wem ich mehr Mitleid habe: Mit Daisy oder ihrem Frauchen. Am Ende siegte Daisy. Und just in dem Moment als Tina wieder antritt, um einen kleinen Berg zu überwinden, hält mich auch noch eine Dame an, die auf dem geliehenen Rad ihrer Schwägerin unterwegs ist. Sie bittet mich, ihr den Sattel nach oben zu stellen. Mein Christian, dein Freund und Helfer. Er wollte ihr eigentlich den Lenker höher stellen und ist sicher, dass der Sattel viel zu hoch war. Aber weiblicher Überredungskunst ist er nun mal nicht gewachsen und erfüllt dann eben jeden noch so bekloppten Wunsch. Ich darf das sagen, denn ich weiß genau, wovon ich rede. Durch diese Begegnungen werden wir den ersten großen Verlust dieser Tour erst später auf dem nächsten Campingplatz bemerken. Unsere wilde Fahrt durch die Münsteraner Umgebung geht noch einmal drei Kilometer weiter und wir halten als letztem Zwischenstopp an einer Apotheke, in der sich Tina von Ihrem Super-Spezial-Kunststoffpflaster trennt und es gegen ein braunes Pflaster von der Rolle ersetzt, das übrigens bis zum Ablauf des Sensors halten wird. Und garantiert noch weit darüber hinaus. Es geht doch nix über den schicken Leukoplasten. Unglaublich unsexy, dafür wahnsinnig wirksam.

Gartenhaus mit schicker Veranda: Neudeutsch Glamping.

Perfekt ausgerüstet, noch immer gut gelaunt, sind wir bereits am ersten Campingplatz der heutigen Etappe vorbei gerauscht und entscheiden uns für die Variante heute lang, morgen kurz. Was in Zahlen bedeutet:  Nach 73 Kilometern landen wir dann gegen 19.15 Uhr auf dem heutigen Platz, der uns neben den üblichen Dauercampern zusätzlich aber mit einer Hütte für Radfahrer überrascht, die uns den Zeltaufbau erspart. Stell ein schnödes Gartenhaus auf einen Zeltplatz, nenn es Bike&Bed und Schwups, machst du zwei Radler überglücklich. In der Hütte stehen zwei etwas massivere Feldbetten, die wir zusammenrücken und somit die zweite Nacht in Folge fast wie zu Hause nebeneinander einschlafen können. Ein Vordach, ein Grillplatz, Strom, Wasser am Platz und ein dicker Niederländer, der den ganzen Abend Fernsehen auf seinem Smartphone schaut, während seine Frau in Ruhe ihren vierten Pullover des Urlaubs strickt. Urlaub auf niederländisch. Wie schön. Wir fahren noch einmal in die Baustellenstadt Senden, um uns für Abendessen einzudecken, kochen, duschen und nach exakt keiner Flasche Wein (stand zwar auf dem Zettel, hat es aber nicht in die engere Auswahl geschafft) zum Kniffeln gehen wir ziemlich zufrieden ins Bett. Nur eines fehlt: Tinas Fahrradschloss. Das liegt irgendwo in Münster und friert und ist allein… Abgehauen ist es, das dumme Ding. Weil es sich gelangweilt hat. Dabei habe ich ihm extra einen Außenplatz, direkt an der linken Satteltasche geschenkt. Freie Sicht auf alles! Und, was tut es, das undankbare Schloss? Ich bin empört. Enttäuscht. Und sehr sehr traurig. Hörst du, ABUS-9562? SEHR traurig!

Beute! Passt in eine vordere Packtasche und reicht für zwei komplette Tage

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Tag 5 – von Bettmar nach Arnum



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Tag 5 & 6- von Bettmar nach Arnum

Da ist also diese grobe Route, der wir folgen. Westen. Immer schön gen Westen. Aber auch wenn Christian schon vor dem Aufstehen mit Handy, Tab und Motorradkarte (!) hantiert, lautet die Regel: Immer fein flexibel bleiben. Immer mit Überraschungen rechnen. Immer brav entspannt bleiben. Weißt du doch beim aufstehen noch nicht, ob deine Beine heute so mitmachen, wie du es erwartest und die geplante Route es erfordert. Ob das Wetter mitspielt (tut es momentan noch vorbildlich). Also gibt’s nichts, auf das wir uns verlassen (können). Sicher ist nur: Vorm dunkel werden steht unsere Schlafstätte. Wo auch immer. Na ja, sagen wir mal vor Tinas Aufstehen, die beim Campen eine für sie ungewöhnliche Leidenschaft fürs Langschläfertum entwickelt. Ich habe morgens einfach oftmals noch 20 Minuten Zeit, um die Route des Tages zu planen. Und ja, es ist richtig. Ein festes Ziel gibt es abends selten. Die Tagesform ist eben ausschlaggebend und die lässt sich meistens nicht mal morgens genau bestimmen.
Die ursprüngliche Überlegung, doch ruhig auch mal wild-romantisch an einem kleinen Bach, auf einer Wiese oder gar im Wald zu zelten, erscheint mir inzwischen alles andere als verlockend. Dazu bin ich zu wild auf die Tages-Belohnung in Form einer heißen Dusche. Verschwitzt in den Schlafsack kriechen, nö. Können die anderen gerne tun. Ich möchte sauber und wohlriechend ins Land der Träume. Halten wir also fest: Forrest Gump hatte Recht – jeder Tag ist wie eine Schachtel Süßes. Jeder Campingplatz nur solange ein nichtssagender Name, bis man ihn betritt. Auf Platz 1 unserer zugegebenermaßen noch sehr kurzen Hitparade der Zeltplätze steht der Waldsee-Campingplatz in Bettmar. Von geradezu absurder Romantik mitten in der Feldmark, knapp 15 Kilometer von Braunschweig entfernt.
Ohne Anmeldung schlagen wir ziemlich erschlagen um 16.45 Uhr nach flotten 60 Kilometern da auf. Eine Rezeption entdecken wir erst mal nicht. Dafür kommt ein jungenhafter Endzwanziger auf uns zu. Wir halten ihn für den Sohn der Campingplatzbesitzer. Manuel Ziebeil ist tatsächlich der Sohn von Campingplatzbetreibern. Allerdings ist dieses idyllische Fleckchen von überschaubaren 65.000 Quadratmetern sein Eigen. Der gelernte Erzieher hatte nach sieben Jahren Lust nämlich Lust auf eine neue Herausforderung. Na klar, dann kauft man eben mal einen Campingplatz. Gibt tatsächlich blödere Ideen. Und wir sind ziemlich sicher: Manuel hat mit diesem Fleckchen Erde definitiv nicht den Zonk gezogen.
Der blonde Schlacks mit Baseballcap macht einen echt guten Job. Ist freundlich, zuvorkommend, hilfsbereit, absolut unkompliziert. Und mutig. Hat einen Kredit in Höhe eines Bungalows aufgenommen, um den Campingplatz seiner ehemaligen Besitzerin abzukaufen. Schuftet nebenbei noch als Grundstückspfleger und hofft, ab kommenden Jahr diesen Zweitjob an den Nagel hängen zu können. Gefragt, ob er über Bewirtung / Gastronomie nachdenkt, schüttelt er den Kopf. Kosten-Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Hat er ja bei seinen Eltern gesehen.

Der freundliche Manuel Zielbeil ist ein Campingplatz-Betreiber, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Manuel überlässt uns die Wahl unseres Platzes und nach Umrundung des kleinen, Schilfbewachsenen Teichs entscheiden wir uns für die große Wiese, auf der lediglich zwei Graugänse ihrer Empörung Luft über unser Auftauchen machen. Schnatternd rennen sie in einiger Entfernung hin und her, hopsen dann in den Teich und schwimmen rüber zum pinkfarbenen Riesen-Flamingo, mit dem später und am folgenden Morgen die voluminöse Eigentümerin in der Nachmittagssonne über den Teich paddelt.
So dick war sie nun auch wieder nicht. Immerhin konnte man diesen filigranen, zwei Meter kleinen Gummivogel noch gut unter ihr erkennen.
Wir bauen unser Zelt neben einer alten Trauerweide auf, ich will eigentlich direkt eine Runde schwimmen. Christian behauptet, eine Bisam- oder eine Wasserratte gesehen zu haben. Außerdem ist er sicher, dass es auch Wasserschlangen gibt, von großen Fischen (Karpfen?) mal ganz abgesehen. Vielen Dank auch, dann mache ich jetzt halt das Abendessen.Na, also geht doch. Ich bleibe übrigens konsequent bei meinen Behauptungen, schließlich verhungere ich nicht nur Abends. Vielleicht hilft dieses mystische Gerücht um diverse Seeungeheuer ja auch Manuel, seinen Platz dauerhaft gut zu füllen. Zu wünschen wäre es ihm jedenfalls.
Blöderweise findet sich der Korkenzieher für unseren Lieblingsweißwein nicht. Da hilft nur beherztes rübergehen zu den Dauercampern, deren Boxerhündin mich freundlich anbellt, während ihr massiv übergewichtiges Herrchen sich nicht mal die Mühe macht, seine massige Wohlstandsbeleibung zu verhüllen. Ja, ja, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, aber ich frage mich ernsthaft, womit er seine Leibesfülle hätte verdecken sollen, so dass ihn seine Füße noch hätten tragen können. Fantastisch, Dickenwitze… Ich entschuldige mich höflich für die Störung und erkläre, wir würden uns gerne betrinken wollen, hätten aber keinen Korkenzieher. Der Dauercamper schaut betroffen, wuchtet sich aus seinem stabilen Stuhl und wankt in den Wohnwagen, kommt mit einem Schweizer Taschenmesser zurück (meins liegt in der heimischen Schublade, weil Christian es als überflüssigen Ballast beschimpfte) und reicht es mir. Gut, dass ich mal in ‘ner Kneipe gearbeitet habe. Der Mann einer schweigenden Schwarzhaarigen schaut sehr aufmerksam zu, wie ich die Flasche vom Korken befreie, merkt an entsprechender Stelle ein “jetzt kräftig ziehen” an. Merke: Gentleman sind schon im echten Leben rar gesät. Auf Campingplätzen sind sie quasi gar nicht zu finden.

Heute aus der Abteilung: Wie man Wein ohne Kühlschrank kühlt.

Nach dem Essen gibt’s noch den obligatorischen Kniffelmarathon und dann husch, husch ins Körbchen. Nachtruhe finde ich übrigens keine: Schon mal Kopf an Froschmaul geschlafen? Herzlichen Glückwunsch. Nichts, was ich meinem ärgsten Feind wünsche. Ein komplettes Sinfonieorchester liebestaumeliger verzauberter Prinzen beginnt sein Konzert gegen 21.30 Uhr und endet ziemlich genau 12 Stunden später. Zwischendurch schalten sich noch diverse Singvögel ein. Wundervoll. So schlecht habe ich selten nicht geschlafen. Für alle jene, die ebenfalls keine ausgewiesenen Ökolärmfans sind: Ohropax ist das einzig probate Mittel, wenn man denn unbedingt an einem Schilfumsäumten Teich zelten möchte.

Nach dem ersten Ruhetag der Tour geht’s am 9. Mai endlich weiter. Natürlich nicht ohne Panne. Auf dem Weg zur Dusche kommt die Dauercamperin mit dem hüfthohen Porzellanpudel vor dem Zelt aus ihrem kleinen Gartentor, in der Hand einen riesigen Sack mit Plastikmüll. Offensichtlich fährt sie auf Fertiggerichte ab und vermutlich qualmt sie wenigstens zwei Schachteln täglich. Die Königspudelinhaberin schwingt ihren kleinen knochigen Körper auf ihr Klapprad, schimpft dabei über den Staub, der durch die unbefestigten Wege so viel Schmutz macht, und fährt vor sich hin murrend die 20 Meter bis zum Müllcontainer. Ich schiele zum Wohnwagenfenster, wo gestern der große, flauschige, weiße Königspudelkopf mit den schwarzen Knopfaugen mit sehnsüchtiger Traurigkeit nach draußen zu schielen schien. Wir konnten bis zu unserer Abfahrt nicht klären, ob es sich tatsächlich um ein lebendiges Wesen handelt, um ein ehemaliges Lebewesen (jetzt ausgestopft) oder einfach nur ein riesiger Rummelgewinn war. 

Ich will vor Abfahrt noch duschen und Haare waschen und es passiert, was im Rückblick durchaus einen gewissen Witz zu haben mag: Mit eingeschäumten Haaren unter einer versiegenden Dusche zu stehen. Ja. Ich alter Sparfuchs drehe brav das Wasser ab, während ich mich und mein Haupthaar einseife. In der irrigen Annahme, Wasser zu sparen. Hab ich am Ende auch. Nur keine Zeit. Und wenn die abgelaufen ist – dann gibt’s auch kein Wasser mehr. Dank meines angelernten Pragmatismus erscheine ich doch noch ohne Schaumreste, dafür mit wehender Mähne zum Frühstück. Und deswegen heute aus der Abteilung kostenlose Ratschläge für Campingplatzduscher: Immer eine leere Wasserflasche dabei haben. Am besten die 1.5 Liter. Dann kann man im Notfall in die Spülküche eilen, warmes Wasser einfüllen, und sich in der Dusche vom restlichen Schaum befreien. (Ich habe übrigens vier mal Wasser nachgefüllt. Ins Handtuch gewickelt und gebetet, dass keiner kommt und blöde Fragen stellt). 

Keine Atempause – die weitere Route wird geplant.

Wir starten um 11.09 Uhr mit einem Umweg von circa 4 Kilometern, bis uns das Navi auf den rechten Weg zu unserem nächsten Ziel schickt. Bei Kilometer sechs, wir ruckeln mehr, als dass wir fahren, über sehr holperige Feldwege, lösen sich erneut die Schrauben meiner Lenkertasche. Und erneut löst Christian das Problem mit einem Fingerschnippen. Es ist schwül, was aber nicht weiter stört, weil wir wunderbaren und dabei konstanten Rückenwind haben. Es fliegt sich gerade so durch hinreißende kleine Fachwerkdörfer, von denen mindestens fünf in die engere Wahl kämen, wenn wir denn aufs Dorf ziehen würden wollten. Und dann erreichen wir nach eher durchschnittlichen 56,94 Kilometern um 17.15 Uhr unsere nächste Übernachtungsmöglichkeit. Arnum, in der Nähe von Hannover.

Wir sprachen ja bereits über Campen im Allgemeinen und unsere ganz persönliche Irritation ob der Menschen, die ihre Wohnwagen geradezu einmauern, im Besonderen. Ob mit Tom-Sawyer-artigen Bretterzäunen, mannshoch und blickdicht, oder durch Bambusmatten, Plastikplanen oder ökologisch vorbildlich durch diverse Anpflanzungen. Über die Freiflächeninventarisierung, die von Korbsesselensemblen über Kübelpflanzen und Carports für den zusätzlich mit Plane abgedeckten Mercedes, Audi oder SUV könnten wir einen Bildband rausbringen. Ohne sich in den Plattitüden der Vergangenheitsverglorifizerung zu verlieren: DAS hat in unseren Augen nichts mehr mit Campen zu tun. Wenn am Wochenende / im Urlaub unterm Strich alles wie zuhause ist …uns bleibt nur eins. Wir ziehen die Toleranzkarte, wenn auch mit einer gehörigen Portion Spott. Ja, es ist schräg, wie auf den Campingplätzen in Malge oder Niegripp oder auch in Bettmar der Ursprung des Campings ad absurdum geführt wird. Schräg und für uns nicht nachvollziehbar. Aber was uns an Tag  6 unserer Tour als Campingplatz verkauft wird, schlägt alles. Bemüht, die schönsten Übernachtungsplätze zu finden, entscheiden wir uns für den Seecampingplatz Arnum, zwischen Hildesheim und Hannover, auf den ersten Blick durchaus romantisch gelegen. 
Wir schlucken, als die auf beiden Oberarmen mit bunten Schmetterlingen und Tierpfotentatzen tätowierte Lady an der Anmeldung ein fröhliches “Ein Zelt, zwei Personen? Macht 20 Euro”, schmettert. Strom kostet noch mal 2 Euro, die kleine Maschine Wäsche waschen 4 Euro, der Trockner weitere 2,50 Euro. Und nein, in den 20 Euro Standgebühr ist das duschen selbstverständlich nicht enthalten. Wir dürfen uns in der Forellenbucht einen Platz aussuchen. Forellenbucht klingt idyllisch. Ist es auch. Theoretisch.

Praktisch ist es eine so unglaubliche Unverschämtheit, dass eine halbe Stunde lang Heringe (für nicht-Camper: Haken, um das Zelt im Boden zu verankern), Portemonnaies und Schuhe tief fliegen, eine Tüte Gummitiere in Rekordverdächtigen 73 Sekunden getötet werden. Gerne würden wir unserer Wut auch stimmlich Ausdruck verleihen. Verdammte gute Erziehung. So grummeln und zetern wir nur halblaut über den viel zu trockenen Boden, in den man nicht mal mit Hilfe eines Hammers die Heringe versenken könnte. Es ist wie es immer ist: Wenn Wut kein angemessenes Ventil findet, multipliziert sie sich. Unsere potenziert sich mit jedem Atemzug. Was also tun? An der Rezeption unter allerlautestem Protest den Zwergenaufstand proben? Mit schlechten Bewertungen drohen? Oder besser gleich abreisen? Natürlich bleiben wir, viel zu erschöpft, um weitere 40 Kilometer zum nächsten Campingplatz zu radeln. 

Schließlich finden wir ein Stück Wiese, natürlich ohne irgendwelche Schattenspendenden Bäume, auf der wir unser Zelt aufbauen. Um uns herum übrigens kein einziger Wohnwagen, sondern nur Häuser. Selbstverständlich eingemauert / eingezäunt. Inklusive Gartenzwergen, Blumenkübeln, albernen Lebensweisheiten auf Schildern. Wenn es je einen Ausdruck für Spießigkeit gegeben hat – hier auf dem Campingplatz, der in Wahrheit ein absurdes Sammelsurium von Ferienhäuser in größtmöglicher  Dichte ist, findet er zu seiner absoluten Vollendung.
Abgenervt, bockig und empört, steigert sich unser Gefühl, am falschen Ort zu sein und dafür auch noch abgezockt zu werden. Zum ersten Mal sind wir beide gleichermaßen frustriert. Und nicht nur frustriert. Ich bin richtig sauer. Was uns hier als “Campingplatz” verkauft wird, ist eine hochkomprimierte Wochenendhaussiedlung mit Uferstreifen, auf dem zum Zwecke eines (siehe oben – erheblichen) Zusatzeinkommens nun auch noch Plätze an Camper vermietet werden. Ausgedörrter, steinharter Boden, kein schattiges Plätzchen und Promenadenmobiliar, das schon im Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ich habe im Laufe der letzten 4 Jahre so einige Campingplätze erlebt, aber keiner, nicht einmal in Serbien oder der Türkei, war schlechter. Wobei schlechter nicht ganz stimmt, aber auf keinem habe ich mich jemals so abgezockt gefühlt. Ich stelle mir wiederholt die Frage, ob die Campingplätze ein Spiegel unserer Gesellschaft sind in der jedes bisschen verwertbarer Boden zu barem Geld gemacht wird. Denn von einer Schuld der Campingplatzbetreiber zu reden ist natürlich Blödsinn. Es ist wohl eher eine Frage von Angebot und Nachfrage. Jeden Morgen steht ein Doofer auf, an den sich auch an einem Ententeich noch ein bisschen Urlaubsfeeling verkaufen lässt. Bei mir schleicht sich inzwischen schon wieder mein übliches Tourgefühl von plötzlicher Weltfremdheit ein. Was machen die Menschen nur?

Hohn und Spott zu diesem Platz wird es noch geben, aber im Moment muss ich das erst einmal sacken lassen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Zwei Dinge entschädigen uns wenigstens ein bisschen. Zum einen können wir beim Abendessen mit leidenschaftlicher Begeisterung über ein junges Paar lästern die mit ihrem schwarzen Mercedes aus Hannover gekommen sind, einen kleinen weißen Flauschhund dabei haben, genau wie Tisch und Stühle, High-Tec-Grill und Schlauchboot, ihre Luxusluftmatratzen mit elektrisch betriebener Luftpumpe zu voller Pracht bringen – und garantiert das erste und letzte Mal gezeltet haben. Zum anderen gibt es in der Spülküche zwei kleine Tische mit Bänken Drumherum. Unser Kniffelmarathonabend ist mückenfrei und gemütlich. Arnum aber wird – was immer noch kommen mag – den allerletzten Platz beim Campinplatzranking einnehmen.

So stellt man sich den optimalen Arbeitsplatz eines Autors vor? Stimmt. Ist er.

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Tag 4 – von Räbke nach Bettmar



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Tag 4 – von Räbke nach Bettmar

Meistens ist es gut, dass man beim Aufstehen nicht so genau weiß, was einen den ganzen Tag über erwartet. Manchmal aber auch doof. Insbesondere dann, wenn einem der Abend eine schöne Überraschung bereiten möchte und der Ausblick auf ein Ziel motivierend wäre.

Wir können uns heute erst um halb 11 vom Campingplatz in Räbke trennen. Drei anstrengende Tage stecken uns in den Knochen und da fällt der Start heute morgen schon etwas schleppend aus. Dennoch, unsere Abbau- und Packzeit wird täglich kürzer. Mein Kaffeedurst hingegen verlangt heute am vierten Tag nach zwei Wiederholungen. Keiner von uns ist sehr begeistert von unserem Nachtdomizil und so fahren wir ohne viel Zeit zu verschwenden unter Verzicht auf Frühstück vom Platz. Prinzipiell ist es leicht zu sagen, was einen guten Campingplatz für uns Reiseradler ausmacht: Eine gerade Wiese, gerne etwas schattig. Preis-Leistung sollten stimmen, d.h. um die 15 Euro für zwei Personen in einem Zelt. Saubere und funktionale (keimfreie, d.h. ohne Schimmel) sanitäre Einrichtungen und Sitzmöglichkeiten – Tisch mit Bank ist optimal zum kochen /essen. Wenn es dann noch Waschmaschine / Trockner und eine Spülküche gibt – großartig. Aber am Ende ist das eben doch nicht alles. Denn all dies (bis auf den Tisch) war in Räbke vorhanden. Warum wir uns trotzdem nicht wohlgefühlt haben? Die Atmosphäre hat nicht gestimmt. Eine Traurigkeit, eine Art Vergessenheit, das Gefühl von längst vergangenem Glanz und verloren gegangener Lebendigkeit lagen über dem durchaus gepflegten Platz, an dem der Müllplatz täglich zwischen 9 und 9.15 Uhr geöffnet hat.

Sonne und Wind sind weiterhin gute Freunde und so lassen wir uns durch eine hügelige Landschaft Richtung Königslutter am Ems treiben. Selbst die Autofahrer sind am heutigen Montag noch relativ entspannt und so finden wir auch schnell einen Bäcker, der uns mit belegten Brötchen und mich mit einem weiteren Kaffee versorgt. Klingt ereignislos? Ist es auch. Ach, was heißt schon ereignislos. Ja, wir wurden nicht von einer Polizeistreife angehalten und unter Verdacht, eine Bank überfallen zu haben vorübergehend festgenommen. Und es gab auch keinen Streit über die Anzahl der Kaffee-, bzw. Rauch- bzw. Zuckerpausen. Aber wir hatten viel Zeit, unseren Gedanken nachzuhängen. Und das, so viel kann ich verraten, ohne zu persönlich zu werden, ist schon echt ereignisreich.

Frühstück vor dem Supermarkt – im echten Leben nicht vorstellbar. Auf Reisen die Rettung.

So schön die niedersächsische Landschaft auch ist, sehr aufregend ist die Tour über die kleinen idyllischen Dörfer nicht. Lediglich die Kleinstädte bieten ein bisschen Aufregung. Zum Beispiel als uns in Königslutter ein Autofahrer beim Abbiegen an einer Kreuzung aufmerksam begutachtet, während er drei andere Reiseradler, die rechts von ihm die Kreuzzug überqueren wollen, fast überfährt. Ob es an uns liegt, dass der gute Mann unaufmerksam ist, weiß ich nicht. In jedem Fall ist es für alle Beteiligten eine Schrecksekunde. Außer für den Abbieger, er scheint von dem Trubel nichts mitbekommen zu haben.  Ha! Und diese Geschichte hat uns die Möglichkeit gegeben, endlich mal wieder lang und breit und lautstark und unflätig über Autofahrer im Allgemeinen und SUV-Fahrer im Besonderen zu führen. Hitzig zu führen, das möchte ich noch betonen.

Der Rest ist typischer Navigationsmist. Meine Karte ist für Städte nicht geeignet, die Ausschilderung von Radwegzielen oftmals schwierig, und mein Telefon, welches ich in den Städten zur Routenfindung benutze, bei dem Straßenlärm einfach viel zu leise.  Voll dankbarer Naivität verlasse ich mich ja auf meinen routinierten Routenfinder. Und verfluche mindestens einmal täglich die Motorradkarte, die zu ungenau ist und das Navi, das sadistische Freude einprogrammiert bekommen haben muss. Warum sonst führt es uns gerne mal durch die allerübelsten Wohngegenden? Und wenn ich übel sage, meine ich unfassbare Rama-Werbungs-Idylle, die von lächerlicher Truman-Show-Qualität ist. Aber ich steigere mich da schon wieder in was rein, was ja durchaus seine Berechtigung hat.

Welcher Weg führt jetzt zum Ziel? Am Ende sogar der Umweg.

In Braunschweig fragen wir uns schließlich nach einer Post durch, um uns endlich von diversem überflüssigem Gepäck zu trennen. Das geht besser als erwartet. Wir müssen zum Bahnhof und es klappt schnell und unkompliziert. Hier möchte ich eine persönliche Anmerkung an Tinas (Bundes)-Landsleute machen. Sie sind alle sehr freundlich und auch wenn kaum einer eine offene Neugier für uns entwickelt, scheinen sie durchaus interessiert an uns. Ach ja? Ich hatte nicht das Gefühl, dass uns überhaupt irgendjemand wahr genommen hat. Aber das Paket nach Hause schicken ist schon eine innerliche Ohrfeige: Zuhause hatte ich eine Packliste, die ich während des dreitägigen Packprozesses immer weiter zusammengestrichen habe. Ich war am Ende echt stolz auf das kleine Gepäck. Und nun hat sich rausgestellt, dass es immer noch zwei T-Shirts, eine Hose, drei Paar Strümpfe, ein Kleid (ich fahre nur im Kleid. Geh mir weg mit unvorteilhafter und teurer Funktionswäsche), eine dickere Windjacke, zwei Tupperdosen und einmal Feuchttücher zu viel sind.






Als wir Braunschweig fast sieben Gepäckkilo leichter verlassen, bin zumindest ich ziemlich beeindruckt von der Stadt, die wesentlich mehr Grün als Braun zu bieten hat. Komisch, ich habe immer gedacht, Braunschweig wäre eine graue Industriestadt. In Wahrheit ist sie durchaus hübsch und auch ein bisschen quirlig.

Wir fahren durchs Grüne weiter nach Vechelde, wo wir uns mit den Lebensmitteln für das Abendessen eindecken und beenden den sportlichen Teil unseres Tages in Bettmar, einem 1000 Seelendorf. Hier erwartet uns einer der besten Campingplätze der bisherigen Tour. Wir wählen einen wundervollen Platz direkt am See, der für die nächsten beiden Tage unser Heim sein wird. Klingt ereignislos? War es auch.

Kommt immer drauf an, welche Maßstäbe man ansetzt. Es war ein relativ entspannter, freundlicher und friedlicher Tag. Beinahe schon entspannend. Ich mochte ihn.

Couchen mit Blick auf den Waldsee – besser gehts nicht.

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Tag 3 – von Burg nach Räbke



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Tag 3- von Burg nach Räbke

An Tagen wie diesen würde man im normalen Leben sämtliche Stecker ziehen. Im Bett bleiben, sich selber bemitleiden, wahlweise mit Junkfood vollstopfen, um einen weiteren Grund zu haben, sich so richtig mies zu fühlen, auf die Hormone schimpfen oder das Wetter oder die Müllabfuhr und mit viel Selbstmitleid darauf warten, dass es endlich Zeit zum Schlafengehen ist. Geht nicht, wenn du auf Radtour mit dem Liebsten bist. Aber, soviel kann ich verraten, einem grundlosen, dafür gepflegten Wutanfall, dem ein ausgeprägter Tränensturzbach folgt, ist es schnuppe, ob du in deinen sicheren Vier Wänden bist oder nur eine dünne Zeltplane dich vor der Welt schützt.

Am dritten Morgen im Zelt sind die Rückenschmerzen kein bisschen besser, hat die Biologie vier Tage zu früh zugeschlagen und wüste Träume nicht gerade ihren Teil dazu beigetragen, fröhlich flötend aus dem Schlafsack zu krauchen. Der Blick auf den See und die Boote ist so was von urlaubsmäßig wie die Stimmung noch vor dem Quinoa-mit-Trockenfrüchten-an-Joghurt-Frühstück aus dem Ruder läuft. Statt alle Sachen laut Packliste wieder auf die vorderen und hinteren Satteltaschen zu verteilen, explodiere ich plötzlich und unter einer wenig damenhaften Schimpfwörterkanonade schüttele ich den Inhalt der beiden hinteren Packtaschen filmreif ins Vorzelt, um dann heulend vor Selbsthass an die breite Brust meines Brandungsfelsens zu sinken. Er diagnostiziert freundlich eine Panikattacke, die so überflüssig wie normal sei. Und dann ist es auch schon wieder überstanden. Denn: Wir haben ja alle Zeit der Welt, der Weg ist das Ziel, niemand zwingt uns.

Der 83-jährige Dauercamper Heinz ist voller ungläubiger Bewunderung, als er erfährt: Es geht nach Brügge.

Doch die Ruhe ist trügerisch, weil nur äußerlich. Das Gespräch mit dem mehr als rüstigen 83-jährigen Dauercamper übernimmt Christian, während ich den frisch geschorenen Vierbeinerkumpel von der Größe eines Igels bekuschele. Der fuchsfarbene Mischlingsrüde Teddy ist ein Genießer, sein Herrchen wünscht uns eine gute Weiterfahrt. Als wir den Zeltplatz um 10.30 Uhr verlassen, sitzen die vier üblichen Frühschoppler beim zweiten Bier, befindet sich mein Zucker schon wieder im Sturzflug und ich verkünde frustriert: “Das wird kein guter Tag.” Mein Optimistenmann antwortet: “Abwarten.” Und dann treten wir in die Pedale und diese Etappe wird nicht nur nicht gut, sondern richtig übel. Ab Kilometer 36 habe ich keine Lust mehr, als Kilometer 40 lasse ich das auch verlauten, wohl wissend, dass wir noch mal 40 fahren müssen, um unseren Campingplatz in Räbke, 12 Kilometer hinter Helmstedt zu erreichen.
Eigentlich ist es eine tolle Etappe. Wir fahren auf dem Elberadweg, entlang vom Mittellandkanal. Wieder jede Menge riesige Rapsfelder, viele schöne Wege durch Wälder, hübsche Dörfer, über Feldwege. Immer wieder gibt es kurzfristige Energieschübe, die mich Steigungen mühelos bewältigen lassen. Mit sehr lautem und energischen “Buuuhhhhh” macht ich einmal mehr deutlich, was ich von die Landschaft verschandelnden, Vögel mordenden und Menschen beeinträchtigenden Windkrafträdern halte. Nichts. Ihre rotierenden Blätter klingen genauso bedrohlich wie diese Stahlmonster aussehen, die da auf Wiesen stehen, ganze Dörfer einkreisen und in meinen Augen Gelddruckmaschinen für Hersteller und Betreiber sind, deren Nutzen für die Menschen aber überhaupt in keinem Verhältnis stehen. Hier sei kurz erwähnt, das Tina das Buch “Unter Leuten” von Juli Zeh sehr mag. Da geht es genau um diese Thematik. Aber für mich steht eines fest – Atomkraft will keiner, Öl und Kohlekraftwerke sind absolute Umweltschweine und statt Energie zu sparen, brauchen wir immer mehr davon. Schön sind die Windkraftparks nicht, da gebe ich Tina Recht und ja, der finanzielle Gedanke beim Errichten dieser Teile ist wesentlich größer als der ökologische, aber so lange wir keine besseren umsetzbaren Ideen haben, brauchen wir solche Dinger um unseren Energiehunger zu stillen. Übrigens sind die nicht aus Stahl, sondern aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Klugscheißer – machts auch nicht leichter.
Meine gedrückte Stimmung scheint sich zu übertragen. Wir witzeln nicht, wir reden überhaupt sehr wenig. Ich bin müde, erschöpft, lustlos. Es ist pure Schinderei. Spaßmacht was anderes. Trotzdem gibt es keinen Moment in dem ich denke: “Was tue ich hier eigentlich? Ich will nach Hause.” Ich hätte das Gegenteil erwartet und bin unter all dem erschöpften Frust dankbar, dass Aufgeben keine Option ist, die sich auch nur im Ansatz in meinen Gedanken einschleicht. Dieses Gefühl hält mich aufrecht. Auch wenn der Sonnenbrand auf meiner linken Wade brennt und meine Hände krebsrot sind. Auch als sich die Schrauben meiner Lenkertasche lösen und ich eine herrliche Schussfahrt mit knapp 40 Kmh abbremsen muss. Christian zückt sein Fahrtenmesser, lässt mich den grauen Futterstoff aufritzen und zieht die beiden Schrauben fest – und dann gibt’s zum Schutz noch nen Streifen Gaffa über die Schrauben. Weiter gehts.

Wir sind die gelebte Wiedervereinigung

Es gibt heute tatsächlich nur einen kurzen Moment des Stolzes auf die eigene Leistung: Als wir die Bundesländer wechseln und nicht mehr in Christians Heimat, sondern in meiner unterwegs sind. Die 83,02 km Tagesetappe sind meine bisherige Höchstleistung. Die Bewunderung der Campingplatzbetreiberin in Räbke und die ihrer holländischen Mutter erreicht mich nicht – ich bin zu platt. Wir stellen unser Zelt in Rekordzeit auf, Christian bastelt zwischen unseren Rädern eine Wäscheleine, funktioniert seine Spanngurte zu einer weitere Trockenvorrichtung zwischen den Bäumen um, während ich mich mit einigem Unbehagen, viel Überwindung und zusammen gebissenen Zähnen in den seit den 70er Jahren nicht mehr modernisierten sanitären Anlagen vom Straßenstaub befreie.

Christian lädt zum Essen bei Schnitzel-Fritz ein. Das einzige Lokal im Umkreis von 8 Kilometern, direkt am Freibad, neben dem Campingplatz. Die nette Bedienung, die vielleicht mal wieder zur Hennaflasche greifen sollte, um ihren Haaransatz nachzufärben, serviert mir zwei Löffel aufgewärmtes Tiefkühlgemüse an etwas grünen Salat und Pommes – lecker ist anders. Aber es macht satt. Und wir haben für 2 Euro für 24 Stunden Internet und können den Tatort gucken, der aber so langweilig ist wie wir müde sind. Also schlafen wir ein, ohne zu wissen, wer der Mörder war.
Mir wird erst im Nachhinein bewusst, was ich Tina da zugemutet habe, nur um ein Etappenziel zu erreichen. Ein weiterer Campingplatz wäre 12 Kilometer zuvor gewesen und viel weniger gemütlich hätte der auch nicht sein können. Aber hier kann der Leser gerade an einem Lern- und Kennenlernprozess teilhaben. Auch für mich waren die 83 Kilometer bei dieser Hitze kein Zuckerschlecken, aber eben nicht so energieraubend wie für Tina. Und hier sei gesagt, dass unsere Kräfteverhältnis auch ein anderes ist. Und das ist keine diplomatische Umschreibung für Mann – stark, Frau – schwach. Denn so stimmt das nicht. Tina macht Abends selten einen “fertigen” Eindruck. Im Gegenteil, sie ist oft noch energiegeladen, während es mich in den Schlafsack zieht. Es ist keine Frage der Gesamtkraft, sondern eher eine der Krafteinteilung. Und hier habe ich einfach ihre Einteilung missachtet. Was geht und was eben nicht, ist letztendlich etwas, was man durch Grenzerfahrungen ausloten muss. Wer als Paar also ein ähnlich angelegtes Ziel hat, sollte sich darüber im Klaren sein, dass solche Dinge eindeutig kommuniziert werden sollten. Wir haben darüber gesprochen und gemeinsam beschlossen, die zukünftigen Ziele gerade im Hinblick auf die unklaren Strecken- und Wetterverhältnisse kürzer zu gestalten. Und auch allen anderen kann ich nur raten: Sagt Bescheid, wenn etwas zu viel wird oder auch zu wenig ist.
Trotzdem war es eine großartige Leistung!

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Tag 1 – von Potsdam Babelsberg nach Brandenburg an der Havel



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Tag 1- von Potsdam nach Brandenburg (Havel)

Nun sitze ich hier und bin das erste Mal richtig bockig. Die Tastatur will nicht so, wie ich es gern hätte, unsere Stromsituation ist arg angespannt, der blöde Wind nervt und Kaffee hatte ich auch erst einen. Also gut, wenigsten beim Kaffee kann ich Abhilfe schaffen. Warum ich heute einen Nervtag habe, keiner kann es sagen. Denn die letzten Tage waren wirklich gut. Aber vielleicht sollte ich erst einmal von Anfang an erzählen, um mir der schönen Erlebnisse der letzten Tage bewusst zu werden und zu hoffen, dass diese die heutige Laune ein wenig steigern.

Geplante Strecke:
Geplante Kilometer:
Realkilometer:
Geplante Fahrzeit:
Reale Fahrzeit:
reine Fahrzeit:

Von Potsdam nach Brandenburg an der Havel
54 km
56,2 km
ca. 4 Gesamtstunden
5:32 Stunden
3:24 Stunden

Ein Freund meinte nach meiner 2014er Tour einmal, dass ich zu sehr durchgehetzt bin. Ich wäre zu viele Kilometer in zu kurzer Zeit gefahren und er hätte sich etwas detailiertere Berichte und vielleicht ein paar Fotos mehr gewünscht. Damals war ich ein bisschen angesäuert und hab mir nur gedacht, dann fahr halt selbst, wenn du mehr sehen möchtest. Aber in Wahrheit hatte ich spätestens in Bulgarien einen tierischen Overflow an Informationen und vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, wenn ich mir ein bisschen mehr Zeit gelassen hätte. Was man allerdings an den obrigen Fahrdaten ganz gut erkennen kann, ist, dass es mit Tina keine Hochleistungsfahrerei mehr geben wird. Nicht weil sie langsamer als ich fährt, sondern weil sie einen wesentlich detaillierteren Blick auf die Dinge hat. Kann sein, dass es ihre journalistische Ausbildung ist, aber wahrscheinlich ist das einfach nur der bessere Blick für die Schönheit der Umgebung. Und so sind wir uns am Ende des dritten Fahrtages einig darüber, die Etappen ruhig etwas kürzer zu planen, denn wir haben ja Zeit.
Manchmal dauert es aber etwas, bis man sich dieser Tatsache, Zeit zu haben, bewusst wird. Bis man verstanden hat, dass es jetzt nicht mehr notwendig ist, sich dem täglichen Gehetze zu unterwerfen. Auch wenn der erste Fahrtag hier keine abrupte Wendung im Leben bringt: Er zeigt auch dem Nichtreisenden sehr schön, wie extrem der Wandel zwischen den Welten sein kann.
Denn als wir um halb acht aufgestanden sind, ist in Wahrheit gar nichts mehr zu tun. Da der geplante Start bereits am Vortag war, wir jedoch irgendwann mittags merkten, dass wir es einfach nicht schaffen würden, können wir uns am Nachmittag in Ruhe auf noch alle offenen Dinge stürzen. Für den Morgen stehen also nur noch Spülen und Staubsaugen auf dem Plan, dann sollte es schon losgehen. Das bedeutet für mich: Mehr als genug Zeit, um endlich die Route zu planen, die gestern noch eilig geleerte Weinflasche zum Glaskontainer zu bringen, einen Rechner von Schadsoftware zu befreien und noch einmal einen Großeinkauf in der Apotheke zu machen. Kurz: Ich hab alles Mögliche gemacht, nur gestartet sind wir nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich irgendwie manchmal nicht so richtig in die Gänge komme.
Aber so ein erster Tag ist eben auch nicht ganz leicht. Denn einerseits ist man eigentlich schon auf dem Weg, anderseits ist man eben noch zu Hause. Die Trennung der Welten wird einem kaum zu einem anderen Augenblick bewusster. Stellte man sich jetzt einfach tot, bliebe alles beim Alten. Legt man los, ist das zwar keine unwiderrufbare Entscheidung, aber zumindest ein klares Bekenntnis zur Veränderung. Die sprichwörtliche blaue oder rote Pille der Matrix. (Ich hoffe inbrünstig, dass Tina sich hier einschaltet und den Rang der Dramaqueen für sich beansprucht. Denke ich nicht im Traum dran. Ich hab mein eigenes Drama. Und du machst da einen sehr guten Job.)

So schön kann Pause sein

So schön es sich an dieser Stelle philosophischen Gedanken verlieren lässt, hier gehts jetzt erst mal um unsere Tour. Ich möchte gerne betonen: Unserer ersten gemeinsamen, mehr als 14 Monate immer wieder zum Thema gemachten Tour. Nun denn:

Wir starten exakt um 11:11 Uhr in Potsdam und kommen ebenso exakt 5 Kilometer weit. Da läuft uns nämlich ein Paar Niederländer über den Weg, die einen Teil des Europaradweges R1 von Helmstedt nach Berlin innerhalb von fünf Tagen zurückgelegt haben. Ich bin diese Tour im letzten Jahr einmal gefahren und kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Stückchen Harz echt nicht ohne ist. Jedenfalls haben wir hier unsere erste Pause gemacht und ein bisschen mit ihnen über Herkunft und Weg geplaudert. Grossartiger Start für unsere Tour. Angeblich sind ja Reiseradler ein besonderes Völkchen und Christian hat von so vielen netten Begegnungen geschwärmt. Und was diese kleine Frau mit den kurzen blonden Strubbelhaaren und ihrem bärigen Begleiter mit grau melierter Wuschelmähne in mir ausgelöst haben, ist pure Freude. Vor allem als sie betonen, dass sie uns gerne zu sich einladen würden, wenn wir denn bei ihnen vorbei kommen. Da einer von ihnen ein Problem mit dem Rad hatte, haben wir sie auch gleich zu unserem Lieblingsraddealer Steffen umgeleitet. Der hat zwar gerade echt viel zu tun, aber wir sind uns trotzdem sicher, unsere neuen Bekannten in die besten Hände gegeben zu haben. Für uns ist es auf jeden Fall eine tolle Erfahrung so kurz nach dem Tourstart eine so nette Bekanntschaft machen zu dürfen. Kurz nachdem wir Potsdam verlassen haben, auf dem Waldweg entlang der Havel, dürfen wir Zuckerbedingt die nächste Pause einlegen. Praktisch. So können wir uns auch gleich von einem halben Kilo Gepäck in Form von Stullen trennen. Manchmal kann das Leben eben schön leicht sein. Tina empfindet das mit dem Essen ja immer als ein bisschen schwierig, ich für meinen Teil mag Essen. (Ich liebe Essen ebenfalls. Aber es wäre schon schön, wenn ich mich nicht Stück für Stück in ein Walross verwandeln müsste, nur weil meine Zuckerwerte bei körperlicher Anstrengung abstürzen. Essen müssen ist jedenfalls kein Geschenk. Darüber zu jammern, dessen bin ich mir durchaus sehr bewusst, natürlich ein Luxusproblem. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Ich könnte den ganzen Tag essen und tue ich auch oft.)

Im Vordergrund die falsche Essensentscheidung: 16 Euro für adlige Kartoffeln an pappigem Spargel

Also machen wir mal einen Teilstrich: 10 Kilometer und 2 Pausen, macht noch 9 Pausen bis Brandenburg. Ich find das sowieso keine blöde Idee, die Strecke in Pausen zu messen. Nimmt völlig den Druck aus der Sache und ist runterrechenbar. Beispiel gefällig? Am heutigen Ruhetag sind es noch 630 Kilometer bis Brügge oder eben 126 Pausen. Entscheide jeder selbst, was sich für ihn am Besten anhört.

Tatsächlich verringern sich die Anzahl der Pausen aber auf den weiteren Kilometern erheblich, was meinem Bedürfnis nach Zigaretten nun auch wieder nicht sonderlich zuträglich ist. (Hole ich es halt auf dem Campingplatz nach…)

Werder durchqueren wir dann auch in einem Stück. Ab hier macht es keinen richtigen Spaß mehr, denn die Route führt uns nur noch an der B1 entlang. Landschaft, Dorf, Landschaft, Dorf, Landschaft, Dorf – Kaffee im Wuster Einkaufszentrum. Und dann auf zum Endspurt. Von Wust aus führt der Radweg beidseitig der B1 und die ist an diesem Freitagnachmittag unglaublich befahren. Ich entscheide, die Straßenseite nicht zu wechseln und lasse Tina entgegen der Fahrtrichtung (legal – weil ausgeschildert) Richtung Brandenburg fahren. Ich fahre meist vor, weil Christian mich im Blick behalten will. Ein fast  (wieso nur fast?!)  fataler Entschluss, denn kurz vor der rettenden Ampel kommt noch einmal eine ziemlich enge und extrem schlecht einsehbare Stelle, die kaum breit genug für das Reiserad ist. Wenn hier auch noch Gegenverkehr kommt, wird das ein ziemliches Herumrangieren, um keinen der Beteidigten auf die Straße zu zwingen. Natürlich kommt, was kommen muss: radelnder Gegenverkehr und das auch noch in Form eines Mannes, der sein Fahrrad scheinbar nur zum Bierholen benutzt. Nicht jedoch ohne sich vorher ein bisschen Mut anzutrinken. Nur durch Tinas beherztes Bremsen  (danke für die Blumen. Die Wahrheit ist: Ich hab gebremst, den Lenker rumgerisssen und bin beinahe mit der Hauswand kollidiert, weil mein Instinkt mich zwar gewarnt hatte, ich aber viel zu konzentriert war, um auf ihn zu hören.) und sein beherztes auf die Straße holpern, ist nichts Schlimmes passiert. Die paar wüsten Pöbeleien Seitens des Herrn sind zu verkraften. Pures Glück, dass hier nicht mehr passiert ist. Zumal Tina wirklich extrem vorsichtig gefahren ist. Obwohl sie im Stadtverkehr manchmal echt zügig unterwegs ist, ist sie, sobald Gepäck am Rad hängt, echt ein vorsichtiger und besonnener Verkehrsteilnehmer.  (Nun packen wir den Honigtopf mal wieder ein. Ich fahre IMMER besonnen. Nur eben ohne Gepäck zügiger als mit).  Der Schreck steckt mir dann wahrscheinlich auch tiefer in den Knochen als ihr und so drängt sie auf eine rasche Weiterfahrt. Herzrasen, Adrenalinschübe – kennt man ja. Am besten ignoriert man beides, weil es eh nichts ändert. Kurzer Dankgedanke ans Universum und die fleißigen Schutzengel, dann gehts weiter. Ist ja glücklicherweise nix passiert.

Wir fahren als letzte Zwischenetappe den örtlichen Aldi an und decken uns mit Lebensmitteln für ein vorzügliches Abendessen ein, zudem es dann aber nie kommen soll. Die letzten 7 Kilometer sind dann auch fast ein Träumchen, geht es doch nun fast ausschließlich über einen schönen Radweg quer durch den Wald unserem ersten Etappenziel dem Campingplatz Malge in Brandenburg entgegen.

Der erwies sich als sehr ruhig, mit einigen Dauercamperstellplätzen, die mich auch nach jahrelanger Campingplatzerfahrung immer wieder ein bisschen verwundern. Mir mangelt es einfach an Verständnis für Schrebergärten, die um einen Wohnwagen herum gebaut werden. Zumal der Erfindungsreichtum der Camper beeindruckend ist, was Abgrenzungen von den anderen Campern angeht. Von meterhohen Zäunen bis zu Wintergärten, die alles andere als mobil sind, ist hier alles dabei. Auch heute beim vierten Campingplatz wird es mir nicht verständlicher, was dieses Eingemaure mit Camping zu tun hat. Nichtsdestotrotz, Malge ist ein wirklich schöner Campingplatz und wir bekommen nach Tinas Bitte um ein romantisches Fleckchen die Waschbärbucht zugeteilt, die wir uns aber trotz der Hinweise und Warnungen unser Essen zu verstecken, nicht mit Waschbären teilen brauchen. Gefuttert haben wir dann übrigens im angeschlossenen Restaurant. Das hat zwar die Einkäufe überflüssig gemacht, mich aber auch als Abschluss eines fantastischen ersten Fahrtages für alle Strapazen entschädigt. Da ich allerdings kaum irgendwas als strapaziös empfunden habe, stellt dies natürlich keine Wertung der Küche dar. 😉 Ich hatte Spargel mit Kartoffeln für 13 Euro irgendwas – der Spargel war zart und ohne jeden Geschmack – ich mag die Mischung aus süßlich und säuerlich, also in Zucker und Essig gekocht. Die Kartoffeln verkocht und geschmacklos. Egal. Die Sonne scheint, wir sitzen am Wasser und haben den ersten Tag auf dem Rad ohne Blessuren überstanden. 

Blick-Entschädigung für den schäbigen Spargel

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Deppenzepter

Der Tag der Abreise wird kurzerhand zum Tag VOR der Abreise. Denn plötzlich verfallen wir zwar in blinden Aktionismus (Steuererklärung fürs erste Quartal, diverse Rechnungen überweisen, Mahnungen bezahlen, Bad putzen, doch noch andere Schuhe besorgen), gleichzeitig erstarren wir ob der anstehenden Aufgaben. Und am Morgen der Abfahrt – die Schnittchen (nahrhaftes Roggenbrot für mich, ohne-Kommentar-Sandwichtoast für Christian) sind geschmiert, das Quinoa mit Früchten genau wie der Reis mit grünem Spargel luftdicht in Tupper verpackt, die vier Getränkeflaschen gefüllt mit Saft, Wasser, Tee und eine mit Magnesium Brausetabletten -,  gucken wir uns an und sprechen aus, was wir schon am Vortag dachten: Lass uns um einen Tag verschieben. Wir verschieben – und sind erleichtert.

Ich nutze das neue Zeitfenster, um einen Ersatz für die viel zu schwere, arschteure, aber vor allem wertvollen Stauraum klauende Nikon D90 zu besorgen. Mein Job, denn ich bin hier die mit dem Fotografenfimmel und -auge. Und weil ja das Handy nur bedingt Selbstauslösertauglich ist, muss eine Hilfe her. Wir hassen die Menschen, die ihn nutzen, aber am Ende wird er uns bestimmt sehr aus Herz wachsen, der gemeine Selfiestick.

Beim Discounter im Hauptbahnhof versuche ich mein Glück. Obwohl ich lieber zu den in rot gekleideten Jungs im Sterncenter gefahren wäre. Hätte ich mal auf meinen Instinkt gehört – dann hätte der sehr freundliche, sehr übergewichtige, sehr geruchsintensive – nennen wir ihn Peter – nicht auf seine Mittagspause verzichten müssen. Ich spielte die von mir nur selten genutzte Mädchenkarte aus: Freundliche, leicht piepsige Stimme, schief gelegter Kopf, große hilflose Augen: “Ich brauch so einen Selfiestick. Können Sie mir bitte zeigen, wie der funktioniert?”

Peter hat die drei Bluetooth-tauglichen Selfiesticks ausgepackt (einer in apartem neonpink, einer im von mir favorisierten unaufdringlichen Silber und einer in Schwarz mit innovativer metallicblauer Applikation). Keines erkennt mein Handy an. Peter bleibt geduldig, betont, wie geduldig er ist und versucht es immer und immer und immer wieder. Kommt zu der Überzeugung, dass mein Handy zu alt ist und ich dringend ein neues brauche (ja, natürlich.) Er scheitert fulminant auf ganzer Linie. Schielt immer wieder zur Uhr auf seinem Handy der allerneuesten Generation (es ist so groß wie mein kleines IPad) und seufzt schließlich: “Keine Ahnung.” Und ich? Bleibe ganz geduldig, obwohl ich normalerweise zickig werde, wenn ein angeblicher Fachverkäufer keine Ahnung hat. Und das dann auch noch zugibt – eigentlich sehr viel sympathischer als der Fachverkäufer beim großen Radhaus in Berlin, der im Brustton der Überzeugung sagte, das Ritzel würde passen – tat es dann aber nicht. Egal.

Während ich also immer noch keinen Selfiestick mein eigenen nennen darf, schaue ich mich unauffällig nach TECH-Nick um. Wo ist der Kerl, wenn man ihn mal braucht? Er erscheint nach geschlagenen 58 Minuten in Person von Micha, Glatze, dafür Bart und sehr viel weniger förmlich als sein junger Kollege. “Schätzlein, was willst du denn mit nem Deppenzepter, wenn du ne Nikon hast?”, fragt er und ich kann nicht anders: Ich strahle vor Glück! Als zertifizierte Dramaqueen brauche ich genau das – ein Deppenzepter! Muss ja auch nicht mit Bluetooth sein, mit Kabel reicht mir. Und genau da lag der Fehler: Mein mobiles Apfeltelefon unterstützt diesen Bluetooth-Kram nicht. Micha wünscht uns viel Spaß auf der Tour und ich präsentiere meinem Herzenskönig voller Stolz unser neues Symbol der Könige der Straße.

Und der Herzkönig gibt hier auch gleich ein Statement zur “Präsentation des Deppenzepters”, das sich wie folgt gestaltet:

Wir nehmen also die vollbepackten Reiseräder und fahren in den Park Babelsberg, um uns nach einem geeigneten Hintergrund umzuschauen. Der könnte oben beim Schloß sein. Ähm schwierig, weil erst zu weit, dann zu dicht und dann blödes Licht. Vielleicht an der Gerichtslaube? Die gleichen drei Probleme zuzüglich Menschen, die einfach nicht auf ein Selfie von uns gehören. Weiter zum Flatowturm. Licht doof, Entfernung kompliziert und zu viele Menschen. Des Königs Laune sinkt.  Selbst wenn ein Bild gut klappt, sind entweder die Deppen oder die Räder schlecht zu sehen. Ich beginne die Selfiesticks auch aus der Besitzersicht zu verachten. Die Königin hingegen ist voller Tatendrang. Noch mal runter ans Wasser, um es mit einem Blick auf Sonnenuntergang und/oder Hans-Otto-Theater zu versuchen. Ein einsamer Fuchs sieht so verwirrt aus, wie ich mich fühle. Wir haben scheinbar beide das gleiche Ziel: weg hier. Aber Maria Stuart der Fotografie hat sich dieses Foto in den Kopf gesetzt und wir haben gemeinsam bereits so viel Zeit hinein investiert, dass es wirklich Blödsinn wäre jetzt abzubrechen. Kurz schießt mir der Gedanke in den Sinn, wir könnten doch noch 1-2 Wochen verschieben, nur um das perfekte Motiv zu finden, da ist das Bild schon im Kasten. Es gilt also doch: Gut Ding will Weile haben.
Ich für meinen Teil habe übrigens das Wort Deppenzepter so liebgewonnen, dass ich es in meinen täglichen Sprachgebrauch übernommen habe.

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Vorwort



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Vorwort

So eine mehrwöchige Radtour will ja gut vorbereitet sein. Da müssen Entscheidungen getroffen werden, gegen die ist, sagen wir, ein Hausbau oder der Kauf der eigenen Grabstelle, Kindertheater. Sonntagsspaziergang quasi. Echt Pillepalle. Die Frage nach dem richtigen Rad (mit oder ohne Rohloff, Magura-Bremsen oder nicht, Brooks-Sattel oder lieber Gel), dem richtigen Zelt, dem richtigen Schafsack, der richtigen Isomatte wird ergänzt von ausufernden Überlegungen zu Radhosen, Oberbekleidung, Schuhen, Kochgeschirr dagegen, (an dieser Stelle imaginiere der geneigte Leser bitte das Zeichen für Endlos – die liegende Acht) – DAS sind existenzielle Grundsatzentscheidungen, die wir schon im vergangenen Jahr getroffen haben. Deswegen empfehlen wir übrigens allen Paaren, bei denen die Kommunikation mangels fehlender gemeinsamer Themen öde zu werden droht, unbedingt die Planung einer mehrwöchigen Radtour (muss man am Ende ja nicht in ihrer Gänze durchziehen. Verkürzen geht immer. Dann geht’s eben nicht in die Masuren, sondern am Sonntag nur zu den Schwiegereltern, beispielsweise). Es geht an dieser Stelle ja um die Planung. Und die, Kinners, rettet euch und eure Ehe. Ihr werdet über MONATE jeden einzelnen Abend der Woche was zu debattieren, diskutieren und recherchieren haben. Kleiner kostenloser Tipp an alle da Draußen, die ihre Hintern gerne mal wieder von der Couch hochkriegen würden wollen, denen es aber an einem einschlägigen Ziel mangelt. Oder glauben, “so was” nicht zu können. Glaubt uns – ihr könnt! Jeder kann – ruff uff den Drahtesel und los. Klappt. Geschwört.

Wir haben also geplant, obwohl einschlägige Reiseblogger und erfahrene Reiseradler dringend davon abraten. Weil planen genau genommen wenig bis überhaupt gar keinen Sinn macht. Weil? Richtig, werte Schwarmintelligenz. Weil’s sowieso immer anders kommt. Was wir übrigens durchaus teilweise bestätigen können. Wollten wir doch schon im vergangenen Jahr für mehrere Wochen als Radwanderer unterwegs sein. Für Mai war eine achttägige “Probetour” nach Prag geplant. Im Spätsommer wollten wir den kompletten Jakobsweg beradeln.

Als einschlägig bekannte Rampensau habe ich natürlich einen Partymuffel mit soziophoben Tendenzen an meiner Seite. Gegen meine spontanen Entscheidungen ist selten ein Kraut gewachsen. In diesem Fall hieß das: Komm, wir laden deine und meine und unsere Freunde und noch feierfähigen Familienmitglieder ein, mieten unsere Lieblingskneipe, bestellen Fingerfood beim Caterer und lassen es zum Abschied richtig krachen. Zwar haben wir die Idee überschlafen und Christian fand sie auch am nächsten Tag noch blöd. Na ja, vielleicht nicht blöd, aber zumindest ein wenig sehr, sehr, sehr übertrieben, aber ich hab mich durchgesetzt. Obwohl ich am Tag der Party erheblich kränkelte. Obwohl unser Getränkebudget bereits eine Stunde vor Mitternacht rettungslos überzogen war, war es für alle Gäste eine prima Party. Ich lag am folgenden Tag mit Erkältung flach. Sie meint eher den folgenden Sommer, aber dazu schreibt sie bestimmt gleich auch noch was… Weib, komm zum Punkt!. Tourstart um eine Woche verschoben. Dann doch noch losgefahren – und in der ersten Nacht einen Rückfall inklusive Fieber und Nasennebenhöhlenentzündung bekommen. Das Ende vom Lied: Wir sind in 2017 weder mit dem Rad nach Prag noch den Jakobsweg gefahren. Und das, obwohl ich mit Betty Blue ein sensationelles Rad (Christian wird bei Gelegenheit die technischen Daten verraten) habe.

Dieses Jahr gab es keine Abschiedsparty. Lediglich Teile von uns waren dieses Mal an der Tourenplanung beteiligt, verfügten über Insiderwissen wie – wann ist der Start und wohin soll es überhaupt gehen. Quasi nur der absolute Inner-Circle wurde eine Woche vor Abreise überhaupt darüber informiert, dass im Mai 2018 der Startschuss zur 1. Klingo-Castle-Tour fallen würde.

Und ganz so war es dann doch nicht. Denn ohne es ganz genau zu wissen, behaupte ich mal, das Tina schon als Kind nach ihren Geburtstagsgeschenken gesucht hat. Denn aus lediglich folgenden Randinformationen: Schatz, wir fahren Anfang Mai, 1022 Kilometer und durch 3 Länder hat Frau Schlaumeier das Ziel erraten… Und technische Details muss ich gar nicht mehr groß aufzählen, denn eigentlich hast Du sie alle genannt. Es ist ein 28er Rad, zusammengebaut von unserem Lieblings-Raddealer Steffen Linke, aus Stahl, mit Magura HS22 Bremsen und einer Rohloff Speedhub-Nabenschaltung. 

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