Tag 5 – von Bettmar nach Arnum



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Tag 5 & 6- von Bettmar nach Arnum

Da ist also diese grobe Route, der wir folgen. Westen. Immer schön gen Westen. Aber auch wenn Christian schon vor dem Aufstehen mit Handy, Tab und Motorradkarte (!) hantiert, lautet die Regel: Immer fein flexibel bleiben. Immer mit Überraschungen rechnen. Immer brav entspannt bleiben. Weißt du doch beim aufstehen noch nicht, ob deine Beine heute so mitmachen, wie du es erwartest und die geplante Route es erfordert. Ob das Wetter mitspielt (tut es momentan noch vorbildlich). Also gibt’s nichts, auf das wir uns verlassen (können). Sicher ist nur: Vorm dunkel werden steht unsere Schlafstätte. Wo auch immer. Na ja, sagen wir mal vor Tinas Aufstehen, die beim Campen eine für sie ungewöhnliche Leidenschaft fürs Langschläfertum entwickelt. Ich habe morgens einfach oftmals noch 20 Minuten Zeit, um die Route des Tages zu planen. Und ja, es ist richtig. Ein festes Ziel gibt es abends selten. Die Tagesform ist eben ausschlaggebend und die lässt sich meistens nicht mal morgens genau bestimmen.
Die ursprüngliche Überlegung, doch ruhig auch mal wild-romantisch an einem kleinen Bach, auf einer Wiese oder gar im Wald zu zelten, erscheint mir inzwischen alles andere als verlockend. Dazu bin ich zu wild auf die Tages-Belohnung in Form einer heißen Dusche. Verschwitzt in den Schlafsack kriechen, nö. Können die anderen gerne tun. Ich möchte sauber und wohlriechend ins Land der Träume. Halten wir also fest: Forrest Gump hatte Recht – jeder Tag ist wie eine Schachtel Süßes. Jeder Campingplatz nur solange ein nichtssagender Name, bis man ihn betritt. Auf Platz 1 unserer zugegebenermaßen noch sehr kurzen Hitparade der Zeltplätze steht der Waldsee-Campingplatz in Bettmar. Von geradezu absurder Romantik mitten in der Feldmark, knapp 15 Kilometer von Braunschweig entfernt.
Ohne Anmeldung schlagen wir ziemlich erschlagen um 16.45 Uhr nach flotten 60 Kilometern da auf. Eine Rezeption entdecken wir erst mal nicht. Dafür kommt ein jungenhafter Endzwanziger auf uns zu. Wir halten ihn für den Sohn der Campingplatzbesitzer. Manuel Ziebeil ist tatsächlich der Sohn von Campingplatzbetreibern. Allerdings ist dieses idyllische Fleckchen von überschaubaren 65.000 Quadratmetern sein Eigen. Der gelernte Erzieher hatte nach sieben Jahren Lust nämlich Lust auf eine neue Herausforderung. Na klar, dann kauft man eben mal einen Campingplatz. Gibt tatsächlich blödere Ideen. Und wir sind ziemlich sicher: Manuel hat mit diesem Fleckchen Erde definitiv nicht den Zonk gezogen.
Der blonde Schlacks mit Baseballcap macht einen echt guten Job. Ist freundlich, zuvorkommend, hilfsbereit, absolut unkompliziert. Und mutig. Hat einen Kredit in Höhe eines Bungalows aufgenommen, um den Campingplatz seiner ehemaligen Besitzerin abzukaufen. Schuftet nebenbei noch als Grundstückspfleger und hofft, ab kommenden Jahr diesen Zweitjob an den Nagel hängen zu können. Gefragt, ob er über Bewirtung / Gastronomie nachdenkt, schüttelt er den Kopf. Kosten-Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Hat er ja bei seinen Eltern gesehen.

Der freundliche Manuel Zielbeil ist ein Campingplatz-Betreiber, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Manuel überlässt uns die Wahl unseres Platzes und nach Umrundung des kleinen, Schilfbewachsenen Teichs entscheiden wir uns für die große Wiese, auf der lediglich zwei Graugänse ihrer Empörung Luft über unser Auftauchen machen. Schnatternd rennen sie in einiger Entfernung hin und her, hopsen dann in den Teich und schwimmen rüber zum pinkfarbenen Riesen-Flamingo, mit dem später und am folgenden Morgen die voluminöse Eigentümerin in der Nachmittagssonne über den Teich paddelt.
So dick war sie nun auch wieder nicht. Immerhin konnte man diesen filigranen, zwei Meter kleinen Gummivogel noch gut unter ihr erkennen.
Wir bauen unser Zelt neben einer alten Trauerweide auf, ich will eigentlich direkt eine Runde schwimmen. Christian behauptet, eine Bisam- oder eine Wasserratte gesehen zu haben. Außerdem ist er sicher, dass es auch Wasserschlangen gibt, von großen Fischen (Karpfen?) mal ganz abgesehen. Vielen Dank auch, dann mache ich jetzt halt das Abendessen.Na, also geht doch. Ich bleibe übrigens konsequent bei meinen Behauptungen, schließlich verhungere ich nicht nur Abends. Vielleicht hilft dieses mystische Gerücht um diverse Seeungeheuer ja auch Manuel, seinen Platz dauerhaft gut zu füllen. Zu wünschen wäre es ihm jedenfalls.
Blöderweise findet sich der Korkenzieher für unseren Lieblingsweißwein nicht. Da hilft nur beherztes rübergehen zu den Dauercampern, deren Boxerhündin mich freundlich anbellt, während ihr massiv übergewichtiges Herrchen sich nicht mal die Mühe macht, seine massige Wohlstandsbeleibung zu verhüllen. Ja, ja, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, aber ich frage mich ernsthaft, womit er seine Leibesfülle hätte verdecken sollen, so dass ihn seine Füße noch hätten tragen können. Fantastisch, Dickenwitze… Ich entschuldige mich höflich für die Störung und erkläre, wir würden uns gerne betrinken wollen, hätten aber keinen Korkenzieher. Der Dauercamper schaut betroffen, wuchtet sich aus seinem stabilen Stuhl und wankt in den Wohnwagen, kommt mit einem Schweizer Taschenmesser zurück (meins liegt in der heimischen Schublade, weil Christian es als überflüssigen Ballast beschimpfte) und reicht es mir. Gut, dass ich mal in ’ner Kneipe gearbeitet habe. Der Mann einer schweigenden Schwarzhaarigen schaut sehr aufmerksam zu, wie ich die Flasche vom Korken befreie, merkt an entsprechender Stelle ein „jetzt kräftig ziehen“ an. Merke: Gentleman sind schon im echten Leben rar gesät. Auf Campingplätzen sind sie quasi gar nicht zu finden.

Heute aus der Abteilung: Wie man Wein ohne Kühlschrank kühlt.

Nach dem Essen gibt’s noch den obligatorischen Kniffelmarathon und dann husch, husch ins Körbchen. Nachtruhe finde ich übrigens keine: Schon mal Kopf an Froschmaul geschlafen? Herzlichen Glückwunsch. Nichts, was ich meinem ärgsten Feind wünsche. Ein komplettes Sinfonieorchester liebestaumeliger verzauberter Prinzen beginnt sein Konzert gegen 21.30 Uhr und endet ziemlich genau 12 Stunden später. Zwischendurch schalten sich noch diverse Singvögel ein. Wundervoll. So schlecht habe ich selten nicht geschlafen. Für alle jene, die ebenfalls keine ausgewiesenen Ökolärmfans sind: Ohropax ist das einzig probate Mittel, wenn man denn unbedingt an einem Schilfumsäumten Teich zelten möchte.

Nach dem ersten Ruhetag der Tour geht’s am 9. Mai endlich weiter. Natürlich nicht ohne Panne. Auf dem Weg zur Dusche kommt die Dauercamperin mit dem hüfthohen Porzellanpudel vor dem Zelt aus ihrem kleinen Gartentor, in der Hand einen riesigen Sack mit Plastikmüll. Offensichtlich fährt sie auf Fertiggerichte ab und vermutlich qualmt sie wenigstens zwei Schachteln täglich. Die Königspudelinhaberin schwingt ihren kleinen knochigen Körper auf ihr Klapprad, schimpft dabei über den Staub, der durch die unbefestigten Wege so viel Schmutz macht, und fährt vor sich hin murrend die 20 Meter bis zum Müllcontainer. Ich schiele zum Wohnwagenfenster, wo gestern der große, flauschige, weiße Königspudelkopf mit den schwarzen Knopfaugen mit sehnsüchtiger Traurigkeit nach draußen zu schielen schien. Wir konnten bis zu unserer Abfahrt nicht klären, ob es sich tatsächlich um ein lebendiges Wesen handelt, um ein ehemaliges Lebewesen (jetzt ausgestopft) oder einfach nur ein riesiger Rummelgewinn war. 

Ich will vor Abfahrt noch duschen und Haare waschen und es passiert, was im Rückblick durchaus einen gewissen Witz zu haben mag: Mit eingeschäumten Haaren unter einer versiegenden Dusche zu stehen. Ja. Ich alter Sparfuchs drehe brav das Wasser ab, während ich mich und mein Haupthaar einseife. In der irrigen Annahme, Wasser zu sparen. Hab ich am Ende auch. Nur keine Zeit. Und wenn die abgelaufen ist – dann gibt’s auch kein Wasser mehr. Dank meines angelernten Pragmatismus erscheine ich doch noch ohne Schaumreste, dafür mit wehender Mähne zum Frühstück. Und deswegen heute aus der Abteilung kostenlose Ratschläge für Campingplatzduscher: Immer eine leere Wasserflasche dabei haben. Am besten die 1.5 Liter. Dann kann man im Notfall in die Spülküche eilen, warmes Wasser einfüllen, und sich in der Dusche vom restlichen Schaum befreien. (Ich habe übrigens vier mal Wasser nachgefüllt. Ins Handtuch gewickelt und gebetet, dass keiner kommt und blöde Fragen stellt). 

Keine Atempause – die weitere Route wird geplant.

Wir starten um 11.09 Uhr mit einem Umweg von circa 4 Kilometern, bis uns das Navi auf den rechten Weg zu unserem nächsten Ziel schickt. Bei Kilometer sechs, wir ruckeln mehr, als dass wir fahren, über sehr holperige Feldwege, lösen sich erneut die Schrauben meiner Lenkertasche. Und erneut löst Christian das Problem mit einem Fingerschnippen. Es ist schwül, was aber nicht weiter stört, weil wir wunderbaren und dabei konstanten Rückenwind haben. Es fliegt sich gerade so durch hinreißende kleine Fachwerkdörfer, von denen mindestens fünf in die engere Wahl kämen, wenn wir denn aufs Dorf ziehen würden wollten. Und dann erreichen wir nach eher durchschnittlichen 56,94 Kilometern um 17.15 Uhr unsere nächste Übernachtungsmöglichkeit. Arnum, in der Nähe von Hannover.

Wir sprachen ja bereits über Campen im Allgemeinen und unsere ganz persönliche Irritation ob der Menschen, die ihre Wohnwagen geradezu einmauern, im Besonderen. Ob mit Tom-Sawyer-artigen Bretterzäunen, mannshoch und blickdicht, oder durch Bambusmatten, Plastikplanen oder ökologisch vorbildlich durch diverse Anpflanzungen. Über die Freiflächeninventarisierung, die von Korbsesselensemblen über Kübelpflanzen und Carports für den zusätzlich mit Plane abgedeckten Mercedes, Audi oder SUV könnten wir einen Bildband rausbringen. Ohne sich in den Plattitüden der Vergangenheitsverglorifizerung zu verlieren: DAS hat in unseren Augen nichts mehr mit Campen zu tun. Wenn am Wochenende / im Urlaub unterm Strich alles wie zuhause ist …uns bleibt nur eins. Wir ziehen die Toleranzkarte, wenn auch mit einer gehörigen Portion Spott. Ja, es ist schräg, wie auf den Campingplätzen in Malge oder Niegripp oder auch in Bettmar der Ursprung des Campings ad absurdum geführt wird. Schräg und für uns nicht nachvollziehbar. Aber was uns an Tag  6 unserer Tour als Campingplatz verkauft wird, schlägt alles. Bemüht, die schönsten Übernachtungsplätze zu finden, entscheiden wir uns für den Seecampingplatz Arnum, zwischen Hildesheim und Hannover, auf den ersten Blick durchaus romantisch gelegen. 
Wir schlucken, als die auf beiden Oberarmen mit bunten Schmetterlingen und Tierpfotentatzen tätowierte Lady an der Anmeldung ein fröhliches „Ein Zelt, zwei Personen? Macht 20 Euro“, schmettert. Strom kostet noch mal 2 Euro, die kleine Maschine Wäsche waschen 4 Euro, der Trockner weitere 2,50 Euro. Und nein, in den 20 Euro Standgebühr ist das duschen selbstverständlich nicht enthalten. Wir dürfen uns in der Forellenbucht einen Platz aussuchen. Forellenbucht klingt idyllisch. Ist es auch. Theoretisch.

Praktisch ist es eine so unglaubliche Unverschämtheit, dass eine halbe Stunde lang Heringe (für nicht-Camper: Haken, um das Zelt im Boden zu verankern), Portemonnaies und Schuhe tief fliegen, eine Tüte Gummitiere in Rekordverdächtigen 73 Sekunden getötet werden. Gerne würden wir unserer Wut auch stimmlich Ausdruck verleihen. Verdammte gute Erziehung. So grummeln und zetern wir nur halblaut über den viel zu trockenen Boden, in den man nicht mal mit Hilfe eines Hammers die Heringe versenken könnte. Es ist wie es immer ist: Wenn Wut kein angemessenes Ventil findet, multipliziert sie sich. Unsere potenziert sich mit jedem Atemzug. Was also tun? An der Rezeption unter allerlautestem Protest den Zwergenaufstand proben? Mit schlechten Bewertungen drohen? Oder besser gleich abreisen? Natürlich bleiben wir, viel zu erschöpft, um weitere 40 Kilometer zum nächsten Campingplatz zu radeln. 

Schließlich finden wir ein Stück Wiese, natürlich ohne irgendwelche Schattenspendenden Bäume, auf der wir unser Zelt aufbauen. Um uns herum übrigens kein einziger Wohnwagen, sondern nur Häuser. Selbstverständlich eingemauert / eingezäunt. Inklusive Gartenzwergen, Blumenkübeln, albernen Lebensweisheiten auf Schildern. Wenn es je einen Ausdruck für Spießigkeit gegeben hat – hier auf dem Campingplatz, der in Wahrheit ein absurdes Sammelsurium von Ferienhäuser in größtmöglicher  Dichte ist, findet er zu seiner absoluten Vollendung.
Abgenervt, bockig und empört, steigert sich unser Gefühl, am falschen Ort zu sein und dafür auch noch abgezockt zu werden. Zum ersten Mal sind wir beide gleichermaßen frustriert. Und nicht nur frustriert. Ich bin richtig sauer. Was uns hier als „Campingplatz“ verkauft wird, ist eine hochkomprimierte Wochenendhaussiedlung mit Uferstreifen, auf dem zum Zwecke eines (siehe oben – erheblichen) Zusatzeinkommens nun auch noch Plätze an Camper vermietet werden. Ausgedörrter, steinharter Boden, kein schattiges Plätzchen und Promenadenmobiliar, das schon im Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ich habe im Laufe der letzten 4 Jahre so einige Campingplätze erlebt, aber keiner, nicht einmal in Serbien oder der Türkei, war schlechter. Wobei schlechter nicht ganz stimmt, aber auf keinem habe ich mich jemals so abgezockt gefühlt. Ich stelle mir wiederholt die Frage, ob die Campingplätze ein Spiegel unserer Gesellschaft sind in der jedes bisschen verwertbarer Boden zu barem Geld gemacht wird. Denn von einer Schuld der Campingplatzbetreiber zu reden ist natürlich Blödsinn. Es ist wohl eher eine Frage von Angebot und Nachfrage. Jeden Morgen steht ein Doofer auf, an den sich auch an einem Ententeich noch ein bisschen Urlaubsfeeling verkaufen lässt. Bei mir schleicht sich inzwischen schon wieder mein übliches Tourgefühl von plötzlicher Weltfremdheit ein. Was machen die Menschen nur?

Hohn und Spott zu diesem Platz wird es noch geben, aber im Moment muss ich das erst einmal sacken lassen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Zwei Dinge entschädigen uns wenigstens ein bisschen. Zum einen können wir beim Abendessen mit leidenschaftlicher Begeisterung über ein junges Paar lästern die mit ihrem schwarzen Mercedes aus Hannover gekommen sind, einen kleinen weißen Flauschhund dabei haben, genau wie Tisch und Stühle, High-Tec-Grill und Schlauchboot, ihre Luxusluftmatratzen mit elektrisch betriebener Luftpumpe zu voller Pracht bringen – und garantiert das erste und letzte Mal gezeltet haben. Zum anderen gibt es in der Spülküche zwei kleine Tische mit Bänken Drumherum. Unser Kniffelmarathonabend ist mückenfrei und gemütlich. Arnum aber wird – was immer noch kommen mag – den allerletzten Platz beim Campinplatzranking einnehmen.

So stellt man sich den optimalen Arbeitsplatz eines Autors vor? Stimmt. Ist er.

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Tag 4 – von Räbke nach Bettmar



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Tag 4 – von Räbke nach Bettmar

Meistens ist es gut, dass man beim Aufstehen nicht so genau weiß, was einen den ganzen Tag über erwartet. Manchmal aber auch doof. Insbesondere dann, wenn einem der Abend eine schöne Überraschung bereiten möchte und der Ausblick auf ein Ziel motivierend wäre.

Wir können uns heute erst um halb 11 vom Campingplatz in Räbke trennen. Drei anstrengende Tage stecken uns in den Knochen und da fällt der Start heute morgen schon etwas schleppend aus. Dennoch, unsere Abbau- und Packzeit wird täglich kürzer. Mein Kaffeedurst hingegen verlangt heute am vierten Tag nach zwei Wiederholungen. Keiner von uns ist sehr begeistert von unserem Nachtdomizil und so fahren wir ohne viel Zeit zu verschwenden unter Verzicht auf Frühstück vom Platz. Prinzipiell ist es leicht zu sagen, was einen guten Campingplatz für uns Reiseradler ausmacht: Eine gerade Wiese, gerne etwas schattig. Preis-Leistung sollten stimmen, d.h. um die 15 Euro für zwei Personen in einem Zelt. Saubere und funktionale (keimfreie, d.h. ohne Schimmel) sanitäre Einrichtungen und Sitzmöglichkeiten – Tisch mit Bank ist optimal zum kochen /essen. Wenn es dann noch Waschmaschine / Trockner und eine Spülküche gibt – großartig. Aber am Ende ist das eben doch nicht alles. Denn all dies (bis auf den Tisch) war in Räbke vorhanden. Warum wir uns trotzdem nicht wohlgefühlt haben? Die Atmosphäre hat nicht gestimmt. Eine Traurigkeit, eine Art Vergessenheit, das Gefühl von längst vergangenem Glanz und verloren gegangener Lebendigkeit lagen über dem durchaus gepflegten Platz, an dem der Müllplatz täglich zwischen 9 und 9.15 Uhr geöffnet hat.

Sonne und Wind sind weiterhin gute Freunde und so lassen wir uns durch eine hügelige Landschaft Richtung Königslutter am Ems treiben. Selbst die Autofahrer sind am heutigen Montag noch relativ entspannt und so finden wir auch schnell einen Bäcker, der uns mit belegten Brötchen und mich mit einem weiteren Kaffee versorgt. Klingt ereignislos? Ist es auch. Ach, was heißt schon ereignislos. Ja, wir wurden nicht von einer Polizeistreife angehalten und unter Verdacht, eine Bank überfallen zu haben vorübergehend festgenommen. Und es gab auch keinen Streit über die Anzahl der Kaffee-, bzw. Rauch- bzw. Zuckerpausen. Aber wir hatten viel Zeit, unseren Gedanken nachzuhängen. Und das, so viel kann ich verraten, ohne zu persönlich zu werden, ist schon echt ereignisreich.

Frühstück vor dem Supermarkt – im echten Leben nicht vorstellbar. Auf Reisen die Rettung.

So schön die niedersächsische Landschaft auch ist, sehr aufregend ist die Tour über die kleinen idyllischen Dörfer nicht. Lediglich die Kleinstädte bieten ein bisschen Aufregung. Zum Beispiel als uns in Königslutter ein Autofahrer beim Abbiegen an einer Kreuzung aufmerksam begutachtet, während er drei andere Reiseradler, die rechts von ihm die Kreuzzug überqueren wollen, fast überfährt. Ob es an uns liegt, dass der gute Mann unaufmerksam ist, weiß ich nicht. In jedem Fall ist es für alle Beteiligten eine Schrecksekunde. Außer für den Abbieger, er scheint von dem Trubel nichts mitbekommen zu haben.  Ha! Und diese Geschichte hat uns die Möglichkeit gegeben, endlich mal wieder lang und breit und lautstark und unflätig über Autofahrer im Allgemeinen und SUV-Fahrer im Besonderen zu führen. Hitzig zu führen, das möchte ich noch betonen.

Der Rest ist typischer Navigationsmist. Meine Karte ist für Städte nicht geeignet, die Ausschilderung von Radwegzielen oftmals schwierig, und mein Telefon, welches ich in den Städten zur Routenfindung benutze, bei dem Straßenlärm einfach viel zu leise.  Voll dankbarer Naivität verlasse ich mich ja auf meinen routinierten Routenfinder. Und verfluche mindestens einmal täglich die Motorradkarte, die zu ungenau ist und das Navi, das sadistische Freude einprogrammiert bekommen haben muss. Warum sonst führt es uns gerne mal durch die allerübelsten Wohngegenden? Und wenn ich übel sage, meine ich unfassbare Rama-Werbungs-Idylle, die von lächerlicher Truman-Show-Qualität ist. Aber ich steigere mich da schon wieder in was rein, was ja durchaus seine Berechtigung hat.

Welcher Weg führt jetzt zum Ziel? Am Ende sogar der Umweg.

In Braunschweig fragen wir uns schließlich nach einer Post durch, um uns endlich von diversem überflüssigem Gepäck zu trennen. Das geht besser als erwartet. Wir müssen zum Bahnhof und es klappt schnell und unkompliziert. Hier möchte ich eine persönliche Anmerkung an Tinas (Bundes)-Landsleute machen. Sie sind alle sehr freundlich und auch wenn kaum einer eine offene Neugier für uns entwickelt, scheinen sie durchaus interessiert an uns. Ach ja? Ich hatte nicht das Gefühl, dass uns überhaupt irgendjemand wahr genommen hat. Aber das Paket nach Hause schicken ist schon eine innerliche Ohrfeige: Zuhause hatte ich eine Packliste, die ich während des dreitägigen Packprozesses immer weiter zusammengestrichen habe. Ich war am Ende echt stolz auf das kleine Gepäck. Und nun hat sich rausgestellt, dass es immer noch zwei T-Shirts, eine Hose, drei Paar Strümpfe, ein Kleid (ich fahre nur im Kleid. Geh mir weg mit unvorteilhafter und teurer Funktionswäsche), eine dickere Windjacke, zwei Tupperdosen und einmal Feuchttücher zu viel sind.






Als wir Braunschweig fast sieben Gepäckkilo leichter verlassen, bin zumindest ich ziemlich beeindruckt von der Stadt, die wesentlich mehr Grün als Braun zu bieten hat. Komisch, ich habe immer gedacht, Braunschweig wäre eine graue Industriestadt. In Wahrheit ist sie durchaus hübsch und auch ein bisschen quirlig.

Wir fahren durchs Grüne weiter nach Vechelde, wo wir uns mit den Lebensmitteln für das Abendessen eindecken und beenden den sportlichen Teil unseres Tages in Bettmar, einem 1000 Seelendorf. Hier erwartet uns einer der besten Campingplätze der bisherigen Tour. Wir wählen einen wundervollen Platz direkt am See, der für die nächsten beiden Tage unser Heim sein wird. Klingt ereignislos? War es auch.

Kommt immer drauf an, welche Maßstäbe man ansetzt. Es war ein relativ entspannter, freundlicher und friedlicher Tag. Beinahe schon entspannend. Ich mochte ihn.

Couchen mit Blick auf den Waldsee – besser gehts nicht.

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Tag 1 – von Potsdam Babelsberg nach Brandenburg an der Havel



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Tag 1- von Potsdam nach Brandenburg (Havel)

Nun sitze ich hier und bin das erste Mal richtig bockig. Die Tastatur will nicht so, wie ich es gern hätte, unsere Stromsituation ist arg angespannt, der blöde Wind nervt und Kaffee hatte ich auch erst einen. Also gut, wenigsten beim Kaffee kann ich Abhilfe schaffen. Warum ich heute einen Nervtag habe, keiner kann es sagen. Denn die letzten Tage waren wirklich gut. Aber vielleicht sollte ich erst einmal von Anfang an erzählen, um mir der schönen Erlebnisse der letzten Tage bewusst zu werden und zu hoffen, dass diese die heutige Laune ein wenig steigern.

Geplante Strecke:
Geplante Kilometer:
Realkilometer:
Geplante Fahrzeit:
Reale Fahrzeit:
reine Fahrzeit:

Von Potsdam nach Brandenburg an der Havel
54 km
56,2 km
ca. 4 Gesamtstunden
5:32 Stunden
3:24 Stunden

Ein Freund meinte nach meiner 2014er Tour einmal, dass ich zu sehr durchgehetzt bin. Ich wäre zu viele Kilometer in zu kurzer Zeit gefahren und er hätte sich etwas detailiertere Berichte und vielleicht ein paar Fotos mehr gewünscht. Damals war ich ein bisschen angesäuert und hab mir nur gedacht, dann fahr halt selbst, wenn du mehr sehen möchtest. Aber in Wahrheit hatte ich spätestens in Bulgarien einen tierischen Overflow an Informationen und vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, wenn ich mir ein bisschen mehr Zeit gelassen hätte. Was man allerdings an den obrigen Fahrdaten ganz gut erkennen kann, ist, dass es mit Tina keine Hochleistungsfahrerei mehr geben wird. Nicht weil sie langsamer als ich fährt, sondern weil sie einen wesentlich detaillierteren Blick auf die Dinge hat. Kann sein, dass es ihre journalistische Ausbildung ist, aber wahrscheinlich ist das einfach nur der bessere Blick für die Schönheit der Umgebung. Und so sind wir uns am Ende des dritten Fahrtages einig darüber, die Etappen ruhig etwas kürzer zu planen, denn wir haben ja Zeit.
Manchmal dauert es aber etwas, bis man sich dieser Tatsache, Zeit zu haben, bewusst wird. Bis man verstanden hat, dass es jetzt nicht mehr notwendig ist, sich dem täglichen Gehetze zu unterwerfen. Auch wenn der erste Fahrtag hier keine abrupte Wendung im Leben bringt: Er zeigt auch dem Nichtreisenden sehr schön, wie extrem der Wandel zwischen den Welten sein kann.
Denn als wir um halb acht aufgestanden sind, ist in Wahrheit gar nichts mehr zu tun. Da der geplante Start bereits am Vortag war, wir jedoch irgendwann mittags merkten, dass wir es einfach nicht schaffen würden, können wir uns am Nachmittag in Ruhe auf noch alle offenen Dinge stürzen. Für den Morgen stehen also nur noch Spülen und Staubsaugen auf dem Plan, dann sollte es schon losgehen. Das bedeutet für mich: Mehr als genug Zeit, um endlich die Route zu planen, die gestern noch eilig geleerte Weinflasche zum Glaskontainer zu bringen, einen Rechner von Schadsoftware zu befreien und noch einmal einen Großeinkauf in der Apotheke zu machen. Kurz: Ich hab alles Mögliche gemacht, nur gestartet sind wir nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich irgendwie manchmal nicht so richtig in die Gänge komme.
Aber so ein erster Tag ist eben auch nicht ganz leicht. Denn einerseits ist man eigentlich schon auf dem Weg, anderseits ist man eben noch zu Hause. Die Trennung der Welten wird einem kaum zu einem anderen Augenblick bewusster. Stellte man sich jetzt einfach tot, bliebe alles beim Alten. Legt man los, ist das zwar keine unwiderrufbare Entscheidung, aber zumindest ein klares Bekenntnis zur Veränderung. Die sprichwörtliche blaue oder rote Pille der Matrix. (Ich hoffe inbrünstig, dass Tina sich hier einschaltet und den Rang der Dramaqueen für sich beansprucht. Denke ich nicht im Traum dran. Ich hab mein eigenes Drama. Und du machst da einen sehr guten Job.)

So schön kann Pause sein

So schön es sich an dieser Stelle philosophischen Gedanken verlieren lässt, hier gehts jetzt erst mal um unsere Tour. Ich möchte gerne betonen: Unserer ersten gemeinsamen, mehr als 14 Monate immer wieder zum Thema gemachten Tour. Nun denn:

Wir starten exakt um 11:11 Uhr in Potsdam und kommen ebenso exakt 5 Kilometer weit. Da läuft uns nämlich ein Paar Niederländer über den Weg, die einen Teil des Europaradweges R1 von Helmstedt nach Berlin innerhalb von fünf Tagen zurückgelegt haben. Ich bin diese Tour im letzten Jahr einmal gefahren und kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Stückchen Harz echt nicht ohne ist. Jedenfalls haben wir hier unsere erste Pause gemacht und ein bisschen mit ihnen über Herkunft und Weg geplaudert. Grossartiger Start für unsere Tour. Angeblich sind ja Reiseradler ein besonderes Völkchen und Christian hat von so vielen netten Begegnungen geschwärmt. Und was diese kleine Frau mit den kurzen blonden Strubbelhaaren und ihrem bärigen Begleiter mit grau melierter Wuschelmähne in mir ausgelöst haben, ist pure Freude. Vor allem als sie betonen, dass sie uns gerne zu sich einladen würden, wenn wir denn bei ihnen vorbei kommen. Da einer von ihnen ein Problem mit dem Rad hatte, haben wir sie auch gleich zu unserem Lieblingsraddealer Steffen umgeleitet. Der hat zwar gerade echt viel zu tun, aber wir sind uns trotzdem sicher, unsere neuen Bekannten in die besten Hände gegeben zu haben. Für uns ist es auf jeden Fall eine tolle Erfahrung so kurz nach dem Tourstart eine so nette Bekanntschaft machen zu dürfen. Kurz nachdem wir Potsdam verlassen haben, auf dem Waldweg entlang der Havel, dürfen wir Zuckerbedingt die nächste Pause einlegen. Praktisch. So können wir uns auch gleich von einem halben Kilo Gepäck in Form von Stullen trennen. Manchmal kann das Leben eben schön leicht sein. Tina empfindet das mit dem Essen ja immer als ein bisschen schwierig, ich für meinen Teil mag Essen. (Ich liebe Essen ebenfalls. Aber es wäre schon schön, wenn ich mich nicht Stück für Stück in ein Walross verwandeln müsste, nur weil meine Zuckerwerte bei körperlicher Anstrengung abstürzen. Essen müssen ist jedenfalls kein Geschenk. Darüber zu jammern, dessen bin ich mir durchaus sehr bewusst, natürlich ein Luxusproblem. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Ich könnte den ganzen Tag essen und tue ich auch oft.)

Im Vordergrund die falsche Essensentscheidung: 16 Euro für adlige Kartoffeln an pappigem Spargel

Also machen wir mal einen Teilstrich: 10 Kilometer und 2 Pausen, macht noch 9 Pausen bis Brandenburg. Ich find das sowieso keine blöde Idee, die Strecke in Pausen zu messen. Nimmt völlig den Druck aus der Sache und ist runterrechenbar. Beispiel gefällig? Am heutigen Ruhetag sind es noch 630 Kilometer bis Brügge oder eben 126 Pausen. Entscheide jeder selbst, was sich für ihn am Besten anhört.

Tatsächlich verringern sich die Anzahl der Pausen aber auf den weiteren Kilometern erheblich, was meinem Bedürfnis nach Zigaretten nun auch wieder nicht sonderlich zuträglich ist. (Hole ich es halt auf dem Campingplatz nach…)

Werder durchqueren wir dann auch in einem Stück. Ab hier macht es keinen richtigen Spaß mehr, denn die Route führt uns nur noch an der B1 entlang. Landschaft, Dorf, Landschaft, Dorf, Landschaft, Dorf – Kaffee im Wuster Einkaufszentrum. Und dann auf zum Endspurt. Von Wust aus führt der Radweg beidseitig der B1 und die ist an diesem Freitagnachmittag unglaublich befahren. Ich entscheide, die Straßenseite nicht zu wechseln und lasse Tina entgegen der Fahrtrichtung (legal – weil ausgeschildert) Richtung Brandenburg fahren. Ich fahre meist vor, weil Christian mich im Blick behalten will. Ein fast  (wieso nur fast?!)  fataler Entschluss, denn kurz vor der rettenden Ampel kommt noch einmal eine ziemlich enge und extrem schlecht einsehbare Stelle, die kaum breit genug für das Reiserad ist. Wenn hier auch noch Gegenverkehr kommt, wird das ein ziemliches Herumrangieren, um keinen der Beteidigten auf die Straße zu zwingen. Natürlich kommt, was kommen muss: radelnder Gegenverkehr und das auch noch in Form eines Mannes, der sein Fahrrad scheinbar nur zum Bierholen benutzt. Nicht jedoch ohne sich vorher ein bisschen Mut anzutrinken. Nur durch Tinas beherztes Bremsen  (danke für die Blumen. Die Wahrheit ist: Ich hab gebremst, den Lenker rumgerisssen und bin beinahe mit der Hauswand kollidiert, weil mein Instinkt mich zwar gewarnt hatte, ich aber viel zu konzentriert war, um auf ihn zu hören.) und sein beherztes auf die Straße holpern, ist nichts Schlimmes passiert. Die paar wüsten Pöbeleien Seitens des Herrn sind zu verkraften. Pures Glück, dass hier nicht mehr passiert ist. Zumal Tina wirklich extrem vorsichtig gefahren ist. Obwohl sie im Stadtverkehr manchmal echt zügig unterwegs ist, ist sie, sobald Gepäck am Rad hängt, echt ein vorsichtiger und besonnener Verkehrsteilnehmer.  (Nun packen wir den Honigtopf mal wieder ein. Ich fahre IMMER besonnen. Nur eben ohne Gepäck zügiger als mit).  Der Schreck steckt mir dann wahrscheinlich auch tiefer in den Knochen als ihr und so drängt sie auf eine rasche Weiterfahrt. Herzrasen, Adrenalinschübe – kennt man ja. Am besten ignoriert man beides, weil es eh nichts ändert. Kurzer Dankgedanke ans Universum und die fleißigen Schutzengel, dann gehts weiter. Ist ja glücklicherweise nix passiert.

Wir fahren als letzte Zwischenetappe den örtlichen Aldi an und decken uns mit Lebensmitteln für ein vorzügliches Abendessen ein, zudem es dann aber nie kommen soll. Die letzten 7 Kilometer sind dann auch fast ein Träumchen, geht es doch nun fast ausschließlich über einen schönen Radweg quer durch den Wald unserem ersten Etappenziel dem Campingplatz Malge in Brandenburg entgegen.

Der erwies sich als sehr ruhig, mit einigen Dauercamperstellplätzen, die mich auch nach jahrelanger Campingplatzerfahrung immer wieder ein bisschen verwundern. Mir mangelt es einfach an Verständnis für Schrebergärten, die um einen Wohnwagen herum gebaut werden. Zumal der Erfindungsreichtum der Camper beeindruckend ist, was Abgrenzungen von den anderen Campern angeht. Von meterhohen Zäunen bis zu Wintergärten, die alles andere als mobil sind, ist hier alles dabei. Auch heute beim vierten Campingplatz wird es mir nicht verständlicher, was dieses Eingemaure mit Camping zu tun hat. Nichtsdestotrotz, Malge ist ein wirklich schöner Campingplatz und wir bekommen nach Tinas Bitte um ein romantisches Fleckchen die Waschbärbucht zugeteilt, die wir uns aber trotz der Hinweise und Warnungen unser Essen zu verstecken, nicht mit Waschbären teilen brauchen. Gefuttert haben wir dann übrigens im angeschlossenen Restaurant. Das hat zwar die Einkäufe überflüssig gemacht, mich aber auch als Abschluss eines fantastischen ersten Fahrtages für alle Strapazen entschädigt. Da ich allerdings kaum irgendwas als strapaziös empfunden habe, stellt dies natürlich keine Wertung der Küche dar. 😉 Ich hatte Spargel mit Kartoffeln für 13 Euro irgendwas – der Spargel war zart und ohne jeden Geschmack – ich mag die Mischung aus süßlich und säuerlich, also in Zucker und Essig gekocht. Die Kartoffeln verkocht und geschmacklos. Egal. Die Sonne scheint, wir sitzen am Wasser und haben den ersten Tag auf dem Rad ohne Blessuren überstanden. 

Blick-Entschädigung für den schäbigen Spargel

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Deppenzepter

Der Tag der Abreise wird kurzerhand zum Tag VOR der Abreise. Denn plötzlich verfallen wir zwar in blinden Aktionismus (Steuererklärung fürs erste Quartal, diverse Rechnungen überweisen, Mahnungen bezahlen, Bad putzen, doch noch andere Schuhe besorgen), gleichzeitig erstarren wir ob der anstehenden Aufgaben. Und am Morgen der Abfahrt – die Schnittchen (nahrhaftes Roggenbrot für mich, ohne-Kommentar-Sandwichtoast für Christian) sind geschmiert, das Quinoa mit Früchten genau wie der Reis mit grünem Spargel luftdicht in Tupper verpackt, die vier Getränkeflaschen gefüllt mit Saft, Wasser, Tee und eine mit Magnesium Brausetabletten -,  gucken wir uns an und sprechen aus, was wir schon am Vortag dachten: Lass uns um einen Tag verschieben. Wir verschieben – und sind erleichtert.

Ich nutze das neue Zeitfenster, um einen Ersatz für die viel zu schwere, arschteure, aber vor allem wertvollen Stauraum klauende Nikon D90 zu besorgen. Mein Job, denn ich bin hier die mit dem Fotografenfimmel und -auge. Und weil ja das Handy nur bedingt Selbstauslösertauglich ist, muss eine Hilfe her. Wir hassen die Menschen, die ihn nutzen, aber am Ende wird er uns bestimmt sehr aus Herz wachsen, der gemeine Selfiestick.

Beim Discounter im Hauptbahnhof versuche ich mein Glück. Obwohl ich lieber zu den in rot gekleideten Jungs im Sterncenter gefahren wäre. Hätte ich mal auf meinen Instinkt gehört – dann hätte der sehr freundliche, sehr übergewichtige, sehr geruchsintensive – nennen wir ihn Peter – nicht auf seine Mittagspause verzichten müssen. Ich spielte die von mir nur selten genutzte Mädchenkarte aus: Freundliche, leicht piepsige Stimme, schief gelegter Kopf, große hilflose Augen: „Ich brauch so einen Selfiestick. Können Sie mir bitte zeigen, wie der funktioniert?“

Peter hat die drei Bluetooth-tauglichen Selfiesticks ausgepackt (einer in apartem neonpink, einer im von mir favorisierten unaufdringlichen Silber und einer in Schwarz mit innovativer metallicblauer Applikation). Keines erkennt mein Handy an. Peter bleibt geduldig, betont, wie geduldig er ist und versucht es immer und immer und immer wieder. Kommt zu der Überzeugung, dass mein Handy zu alt ist und ich dringend ein neues brauche (ja, natürlich.) Er scheitert fulminant auf ganzer Linie. Schielt immer wieder zur Uhr auf seinem Handy der allerneuesten Generation (es ist so groß wie mein kleines IPad) und seufzt schließlich: „Keine Ahnung.“ Und ich? Bleibe ganz geduldig, obwohl ich normalerweise zickig werde, wenn ein angeblicher Fachverkäufer keine Ahnung hat. Und das dann auch noch zugibt – eigentlich sehr viel sympathischer als der Fachverkäufer beim großen Radhaus in Berlin, der im Brustton der Überzeugung sagte, das Ritzel würde passen – tat es dann aber nicht. Egal.

Während ich also immer noch keinen Selfiestick mein eigenen nennen darf, schaue ich mich unauffällig nach TECH-Nick um. Wo ist der Kerl, wenn man ihn mal braucht? Er erscheint nach geschlagenen 58 Minuten in Person von Micha, Glatze, dafür Bart und sehr viel weniger förmlich als sein junger Kollege. „Schätzlein, was willst du denn mit nem Deppenzepter, wenn du ne Nikon hast?“, fragt er und ich kann nicht anders: Ich strahle vor Glück! Als zertifizierte Dramaqueen brauche ich genau das – ein Deppenzepter! Muss ja auch nicht mit Bluetooth sein, mit Kabel reicht mir. Und genau da lag der Fehler: Mein mobiles Apfeltelefon unterstützt diesen Bluetooth-Kram nicht. Micha wünscht uns viel Spaß auf der Tour und ich präsentiere meinem Herzenskönig voller Stolz unser neues Symbol der Könige der Straße.

Und der Herzkönig gibt hier auch gleich ein Statement zur „Präsentation des Deppenzepters“, das sich wie folgt gestaltet:

Wir nehmen also die vollbepackten Reiseräder und fahren in den Park Babelsberg, um uns nach einem geeigneten Hintergrund umzuschauen. Der könnte oben beim Schloß sein. Ähm schwierig, weil erst zu weit, dann zu dicht und dann blödes Licht. Vielleicht an der Gerichtslaube? Die gleichen drei Probleme zuzüglich Menschen, die einfach nicht auf ein Selfie von uns gehören. Weiter zum Flatowturm. Licht doof, Entfernung kompliziert und zu viele Menschen. Des Königs Laune sinkt.  Selbst wenn ein Bild gut klappt, sind entweder die Deppen oder die Räder schlecht zu sehen. Ich beginne die Selfiesticks auch aus der Besitzersicht zu verachten. Die Königin hingegen ist voller Tatendrang. Noch mal runter ans Wasser, um es mit einem Blick auf Sonnenuntergang und/oder Hans-Otto-Theater zu versuchen. Ein einsamer Fuchs sieht so verwirrt aus, wie ich mich fühle. Wir haben scheinbar beide das gleiche Ziel: weg hier. Aber Maria Stuart der Fotografie hat sich dieses Foto in den Kopf gesetzt und wir haben gemeinsam bereits so viel Zeit hinein investiert, dass es wirklich Blödsinn wäre jetzt abzubrechen. Kurz schießt mir der Gedanke in den Sinn, wir könnten doch noch 1-2 Wochen verschieben, nur um das perfekte Motiv zu finden, da ist das Bild schon im Kasten. Es gilt also doch: Gut Ding will Weile haben.
Ich für meinen Teil habe übrigens das Wort Deppenzepter so liebgewonnen, dass ich es in meinen täglichen Sprachgebrauch übernommen habe.

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Vorwort

So eine mehrwöchige Radtour will ja gut vorbereitet sein. Da müssen Entscheidungen getroffen werden, gegen die ist, sagen wir, ein Hausbau oder der Kauf der eigenen Grabstelle, Kindertheater. Sonntagsspaziergang quasi. Echt Pillepalle. Die Frage nach dem richtigen Rad (mit oder ohne Rohloff, Magura-Bremsen oder nicht, Brooks-Sattel oder lieber Gel), dem richtigen Zelt, dem richtigen Schafsack, der richtigen Isomatte wird ergänzt von ausufernden Überlegungen zu Radhosen, Oberbekleidung, Schuhen, Kochgeschirr dagegen, (an dieser Stelle imaginiere der geneigte Leser bitte das Zeichen für Endlos – die liegende Acht) – DAS sind existenzielle Grundsatzentscheidungen, die wir schon im vergangenen Jahr getroffen haben. Deswegen empfehlen wir übrigens allen Paaren, bei denen die Kommunikation mangels fehlender gemeinsamer Themen öde zu werden droht, unbedingt die Planung einer mehrwöchigen Radtour (muss man am Ende ja nicht in ihrer Gänze durchziehen. Verkürzen geht immer. Dann geht’s eben nicht in die Masuren, sondern am Sonntag nur zu den Schwiegereltern, beispielsweise). Es geht an dieser Stelle ja um die Planung. Und die, Kinners, rettet euch und eure Ehe. Ihr werdet über MONATE jeden einzelnen Abend der Woche was zu debattieren, diskutieren und recherchieren haben. Kleiner kostenloser Tipp an alle da Draußen, die ihre Hintern gerne mal wieder von der Couch hochkriegen würden wollen, denen es aber an einem einschlägigen Ziel mangelt. Oder glauben, „so was“ nicht zu können. Glaubt uns – ihr könnt! Jeder kann – ruff uff den Drahtesel und los. Klappt. Geschwört.

Wir haben also geplant, obwohl einschlägige Reiseblogger und erfahrene Reiseradler dringend davon abraten. Weil planen genau genommen wenig bis überhaupt gar keinen Sinn macht. Weil? Richtig, werte Schwarmintelligenz. Weil’s sowieso immer anders kommt. Was wir übrigens durchaus teilweise bestätigen können. Wollten wir doch schon im vergangenen Jahr für mehrere Wochen als Radwanderer unterwegs sein. Für Mai war eine achttägige „Probetour“ nach Prag geplant. Im Spätsommer wollten wir den kompletten Jakobsweg beradeln.

Als einschlägig bekannte Rampensau habe ich natürlich einen Partymuffel mit soziophoben Tendenzen an meiner Seite. Gegen meine spontanen Entscheidungen ist selten ein Kraut gewachsen. In diesem Fall hieß das: Komm, wir laden deine und meine und unsere Freunde und noch feierfähigen Familienmitglieder ein, mieten unsere Lieblingskneipe, bestellen Fingerfood beim Caterer und lassen es zum Abschied richtig krachen. Zwar haben wir die Idee überschlafen und Christian fand sie auch am nächsten Tag noch blöd. Na ja, vielleicht nicht blöd, aber zumindest ein wenig sehr, sehr, sehr übertrieben, aber ich hab mich durchgesetzt. Obwohl ich am Tag der Party erheblich kränkelte. Obwohl unser Getränkebudget bereits eine Stunde vor Mitternacht rettungslos überzogen war, war es für alle Gäste eine prima Party. Ich lag am folgenden Tag mit Erkältung flach. Sie meint eher den folgenden Sommer, aber dazu schreibt sie bestimmt gleich auch noch was… Weib, komm zum Punkt!. Tourstart um eine Woche verschoben. Dann doch noch losgefahren – und in der ersten Nacht einen Rückfall inklusive Fieber und Nasennebenhöhlenentzündung bekommen. Das Ende vom Lied: Wir sind in 2017 weder mit dem Rad nach Prag noch den Jakobsweg gefahren. Und das, obwohl ich mit Betty Blue ein sensationelles Rad (Christian wird bei Gelegenheit die technischen Daten verraten) habe.

Dieses Jahr gab es keine Abschiedsparty. Lediglich Teile von uns waren dieses Mal an der Tourenplanung beteiligt, verfügten über Insiderwissen wie – wann ist der Start und wohin soll es überhaupt gehen. Quasi nur der absolute Inner-Circle wurde eine Woche vor Abreise überhaupt darüber informiert, dass im Mai 2018 der Startschuss zur 1. Klingo-Castle-Tour fallen würde.

Und ganz so war es dann doch nicht. Denn ohne es ganz genau zu wissen, behaupte ich mal, das Tina schon als Kind nach ihren Geburtstagsgeschenken gesucht hat. Denn aus lediglich folgenden Randinformationen: Schatz, wir fahren Anfang Mai, 1022 Kilometer und durch 3 Länder hat Frau Schlaumeier das Ziel erraten… Und technische Details muss ich gar nicht mehr groß aufzählen, denn eigentlich hast Du sie alle genannt. Es ist ein 28er Rad, zusammengebaut von unserem Lieblings-Raddealer Steffen Linke, aus Stahl, mit Magura HS22 Bremsen und einer Rohloff Speedhub-Nabenschaltung. 

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